Heinz-Dieter Tegtmeier in großer Sorge

Pilz bedroht Weißtannen

Heinz-Dieter Tegtmeier, Revierleiter der Revierförsterei Syke, zwingt sich bei der Präsentation der aus Krankheitsgründen gefällten Weißtannen zu einem Lächeln. Die sonst schwer zu durchdringende Rinde löst sich mühelos. - Fotos: Lentvogt

Syke - „Es gehört zu meinem Beruf, in der Natur zu sein, und da beobachte ich dann natürlich, sehe das bunte Herbstlaub und später dann den Schnee darauf liegen. Das sind die besonderen Momente.“ Mit einem Lächeln im Gesicht erzählt Heinz-Dieter Tegtmeier, Revierleiter der Revierförsterei Syke, von den schönen Seiten seines Berufs. Doch derzeit herrscht große Besorgnis bei Tegtmeier und seinem Kollegen Rainer Städing, Regionaler Pressesprecher Niedersachsen-West der Niedersächsischen Landesforsten. Die Existenz der Weißtanne ist im gesamten Revier von einem Pilz bedroht. Bis nach Oldenburg ist das Krankheitsbild zu beobachten.

Nur fünf Prozent des Waldes rund um Syke, darunter Friedeholz und Westermark, sind von der Weißtanne bewachsen, doch „alle Weißtannenbestände sind betroffen“. Betroffen wovon? Neonectria Neomacrospora – Tannen-Rindennekrose – nennt sich die Komplexkrankheit, welche dem „Hoffnungsträger“ der nordwestdeutschen Wälder zu schaffen macht.

Bäume wehren sich 

Tegtmeier und Städing gehen durch den Wald, überall sind die typischen Kennzeichen für einen Krankheitsbefall zu sehen. „Der Baum wehrt sich, indem er Harz rausdrückt, das ist wie das Bluten eines Baumes.“ Für den Menschen ist die klebrige und reflektierende Oberfläche auch in vielen Metern Höhe noch gut zu erkennen. Wer lieber in die Kronen schaut, „erkennt keine federförmigen Verzweigungen. Die Nadeln entfalten sich nicht schön, sondern wachsen gedrängt in Büscheln, häufig sind sie fahlgelb.“ Und direkt auf Augenhöhe dominieren weiße Punkte die Rinde. 

Dabei handelt es sich nicht um den Pilz, sondern um Einstichlöcher der Tannenstammlaus. Sie lebt vom Rindensaft. Um an diesen zu kommen, bohrt sie winzige Löcher. Groß genug aber für den Pilz, der sich gierig auf das Kambium stürzt – eine Schicht, die sich zu neuem Holz entwickelt und so für die Entstehung der altbekannten Jahresringe verantwortlich ist. Sein Beil muss Tegtmeier, das Bedauern steht ihm immer wieder ins Gesicht geschrieben, nur leicht über die Rinde führen, damit diese sich von den erkrankten Bäumen löst.

Ein gesunder Zweig der Weißtanne (unten) und ein kranker Zweig (oben), der an seiner helleren Farbe, dem büschelhaften, gedrängten Nadelwachstum und der kurzen Astgabelung zu erkennen ist.

Diese Tannen – viele liegen bereits abgeholzt am Wegesrand – sollen die Hoffnungsträger der regionalen Wälder sein? „Die Weißtanne bietet einen ökologischen Vorteil, auch mit Blick auf den Klimawandel“, erklärt Rainer Städing. „Sie ist windresistent, erträgt Schatten, wurzelt tief und sorgt für eine bessere Humusbildung“, gerät er über den ursprünglich süddeutschen Baum ins Schwärmen. In den kommenden Jahren und Jahrzehnten sollte die Weißtanne ein fester Bestandteil der Wälder werden, doch vorerst sinkt ihr Anteil wieder. Etwa sechs Wochen lang, mussten Tegtmeier und seine Mitarbeiter mehrere Stunden täglich investieren, um die Bäume zu beobachten und zu stark befallene Objekte einzuschlagen, solange sie noch einen Wert haben. „Es ist nicht die ganz große Katastrophe über uns eingebrochen“, beruhigt Tegtmaier. Und wenn die Krankheit noch ein weiteres oder gar zwei Jahre auftritt? „Über drei Jahre würde man ein Drittel des Bestandes verlieren.“

Kalter Winter ist wichtig

Ob der Revierleiter sich für seine Weißtannen einen bestimmten Winter wünscht? „Wir müssten jetzt einen knackig-kalten Winter kriegen, keine Trockenphase, gleichmäßige Niederschläge.“ Passiert das nicht, könnten die ersten Weißtannen bereits zwei Monate nach Beginn ihrer Vegetationszeit im Mai abgestorben sein.

Mitten im Wald stehen die beiden Mitarbeiter der Niedersächsischen Landesforsten plötzlich auf einer Lichtung. Tegtmeier zeigt auf den Boden um sich herum, zählt ganze sieben geschlagene Bäume nebeneinander. Wo im Normalfall kein Auto Platz hätte, könnte derzeit wohl ein Linienbus einparken – wäre da nicht dieser einzelne gesunde Baum am Übergang zu dem kleinen Waldweg. Doch beim nächsten starken Sturm steht er ungeschützt. Es kann zu Windschlag kommen. Dort, wo Tegtmeier grade die Folgen des Krankheitsbefalls präsentiert und an vielen weiteren Stellen in allen Wäldern der Region. Baum für Baum, bis das Gefüge des Waldes ernsthaft beschädigt ist.

Angesichts des in der kalten Jahreszeit nahezu eingefrorenen Krankheitsverlaufes, reagiert man besonnen. Doch Tegtmeier und seine Kollegen sind sich bewusst, welche potenziellen Änderungen in den kommenden Jahren notwendig werden könnten. Städing: „Es ist ohnehin ein Waldumbau hin zu Mischwald geplant. Wenn wir viel mit Buche arbeiten, könnte das auch dem Tannenbestand helfen. Rund um Neubruchhausen, in starkem Mischwald, kommen die Probleme so nicht vor.“

Heinz-Dieter Tegtmeier hat diese Gedanken im Hinterkopf, aber für ihn gilt es nun, das nächste Frühjahr abzuwarten. „Wir wollen nicht in einen Aktionismus verfallen und alles abholzen, was sich eventuell regeneriert, machen aber einen Spagat, denn wir können nicht riskieren, tausende Festmeter zu verlieren.“

Es wird mehr gefällt

Festmeter, das ist die Maßeinheit mit der Forstämter die Menge an Holz angeben, welche entnommen und verkauft wird. Erhalten die Käufer in normalen Jahren nur 200 bis 300 Festmeter Weißtanne, mussten allein 2016 1500 Festmeter geschlagen werden – die sechsfache Menge, von minderer Qualität, die keinen statischen Zweck im Bau mehr leisten können, sondern als einfache Spanplatten enden.

Ist das Forstamt dieses Jahr also gezwungen mehr und schlechteres Holz zu verkaufen? Nein, betont Tegtmeier, „in Jahressumme soll es nicht mehr werden. Wir wollem im Winter zurückhaltend sein, was den Einschlag angeht. 6000 Festmeter können wir nachhaltig nutzen, vom Zinsertrag der Bäume.“ Und hier findet Tegtmeier die Schönheit seines Berufes und sein Lächeln wieder. „Es ist ein schöner Gedanke, dass wir den Rohstoff Holz nutzen können, ohne Raubbau zu treiben.“

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