Syker Unternehmer ist studierter Crowd Security Manager

Oliver Kastens geht auf Nummer sicher

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Kleine Fähnchen auf hohen Masten weisen den Weg zu den Sicherheitsgassen: Oliver Kastens wundert sich selbst, dass vor ihm noch niemand auf diese Idee gekommen ist. 

Syke - Von Michael Walter. „Sicherheit bei Großveranstaltungen ist ein Thema, über das ich stundenlang erzählen könnte“, sagt Oliver Kastens. Der Syker ist einer von deutschlandweit nur drei studierten Crowd Security Managern.

Mit seinem Unternehmen OKS hat er sich auf „Event Security“ spezialisiert. Das heißt, er erstellt komplette Sicherheitskonzepte für Open-Air-Festivals. Von Punk im Pott bis Rock am Ring. Im Norden kennt man sein Team unter anderem vom Hurricane-Festival in Scheeßel, und zuletzt vom Reload in Sulingen.

Seit mehr als 20 Jahren in der Branche

Was ist so faszinierend an der Materie? Für Kastens ist es das Festival-Flair. „Ich finde es superinteressant, die großen Produktionen mitzuerleben. Den Aufbau, die Organisation, die Bands,... diese ganze Atmosphäre.“ Kastens – Jahrgang 1968 – ist seit mehr als 20 Jahren in der Branche. „Ich hab immer schon Konzerte gemocht, hab früher auch selbst mal in einer Amateurband Gitarre gespielt. Zwischendurch war ich beim Römer in Bremen auch mal Türsteher. Und irgendwann hab ich mich selbstständig gemacht.“

Sein Job geht los bei der Organisation der Einlasskontrollen, reicht weiter über die Absicherung des Backstagebereichs und der Bühne, umfasst die Nachtwache auf mehrtägigen Festivals und endet mit der detaillierten Planung für eine Evakuierung im Katastrophenfall.

Deutschland hinkt ein bisschen hinterher

„Im Grunde geht es bei all dem um die Fragen: Wie verhalten sich Menschen, wenn sie in großen Massen unterwegs sind? Was tun sie und warum? Und was muss ich machen, wenn ich will, dass sie etwas anderes tun?“, erklärt Oliver Kastens. „Deutschland hinkt da ein bisschen hinterher. Erst seit der Love-Parade in Duisburg fängt man an, sich ein bisschen intensiver damit zu befassen. In England ist man da sehr viel weiter.“

Aus der Vogelperspektive lässt sich der Verlauf der Sicherheitsgänge gut erkennen. Aus der Froschperspektive die Zugänge dazu zu finden, ist da schon ein echtes Problem. - Foto: oks

Mit Grund: 1989 kamen im Hillsborough-Stadion in Sheffield 96 Menschen ums Leben, als durch eine Unachtsamkeit des Personals zu viele Zuschauer in einen Tribünenblock gelassen wurden. 766 weitere wurden verletzt. Sie alle standen im vorderen Bereich unmittelbar am Sicherheitszaun und wurden von den nachdrängenden Zuschauern erdrückt. Im Zuge der Aufarbeitung dieser Katastrophe begann die Wissenschaft, sich systematisch mit dem Thema Crowd Security zu beschäftigen. An der Buckinghamshire New University ist das inzwischen Studienfach. Dort hat auch Kastens studiert und gerade seinen Abschluss gemacht.

Im Rahmen seines Studiums hat er sich zum Beispiel mit der Frage befasst, wie die Sanitäter bei großen Open-Air-Konzerten zwischen den vielen Zuschauern vor der Bühne schneller die Rettungsgassen finden können.

Fahne markiert die Eingänge zur Rettungsgasse

Im August hatte Oliver Kastens seine Graduation.

Oliver Kastens erklärt: „Es gibt Metallzäune die als Wellenbrecher dienen. Wo die stehen müssen und in welcher Form, ist vorgeschrieben. Der schmale Zwischenraum zwischen zwei Zaunreihen dient als Rettungsgasse.“ Aber wie findet man die bei 70- oder 80.000 Menschen? „Das Problem ist seit langem bekannt. Manche haben es mit erhöhten Beobachterpositionen versucht, von denen die Sanitäter dann per Funk gelotst wurden. So richtig funktioniert hat auch das nicht.“ Kastens hatte eine viel einfachere Idee: Je eine kleine Fahne auf einem mehrere Meter hohen dünnen Mast markiert die Eingänge zur Rettungsgasse. Erstmals ausprobiert hat er das diesen Sommer beim Reload-Festival in Sulingen. „Hat prima geklappt“, sagt Kastens. Inzwischen hat er sich das Prinzip patentieren lassen. „Dass da vorher noch niemand drauf gekommen ist, hat mich selbst gewundert.“

Auf 16 oder 17 Festivals pro Jahr sorgt der gebürtige Barrier mit seiner Firma für die Sicherheit. Die meisten ballen sich in einem Zeitraum von zwei Monaten. Dann sind Kastens und sein Team in ganz Deutschland und im benachbarten Ausland unterwegs. „Im Büro sind wir nur zu zweit“, sagt er. „Dazu kommt ein Stamm von etwa 150 festen gelegentlichen Mitarbeitern. Der Großteil sind 450-Euro-Kräfte und Studenten.“

„Kommunikation mit den Gästen ist das A und O“

Den typischen „Gorilla“ aus schlechten Filmen wird man darunter kaum finden. Denn der würde nicht viel nützen. Kastens macht eine ganz anschauliche Rechnung auf: „Beim Reload in Sulingen waren wir mit 75 Mitarbeitern im Einsatz. Denen standen 10. 000 Zuschauer gegenüber. Wenn die auf den falschen Trichter kommen, hätten wir gar keine Chance, selbst wenn wir alles Muskelprotze wären.“

Kastens ist überzeugt: „Man kann eine große Menschenmenge kontrollieren, wenn der Einzelne versteht, warum eine Situation so ist, wie sie ist. Wenn er weiß, warum es da vorne jetzt gerade nicht weitergeht, dann drängelt er auch nicht.“ Und das – sagt Kastens – funktioniert selbst in Extremsituationen.

Humor ist dabei ein Mittel. „Wir haben zum Beispiel ein Video produziert, das bei großen Festivals immer wieder auf den Leinwänden gezeigt wird. Zwei kleine Mädchen erzählen da, worauf die Gäste achten müssen und wie sie sich verhalten sollen.“ Ein bisschen wie das „Schwimmwesten-Ballett“ im Flugzeug.

„Kommunikation mit den Gästen ist das A und O“, sagt Kastens. Diese offene, lockere Art kommt auch bei den Festival-Besuchern und den Bands prima an. „Die Toten Hosen haben sogar mal ein Lied auf uns geschrieben.“

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