Professor Oltmer analysiert Flucht-Gründe

Motiv: Bessere Lebenschancen

Professor Oltmer. - Foto: Voges

Syke - Von Detlef Voges. Er redet sehr lebhaft, mit Händen und Füßen, wenn er über Migration, Flucht und Asyl spricht. Dabei räumt Jochen Oltmer gleich mit vermeintlichen unumstößlichen Wahrheiten auf.

Am Donnerstag war der 51-jährige Professor für Neueste Geschichte des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück Gast der Grünen. Im gut besuchten „Gleis 1“ referierte er ohne Manuskript (das hat er im Kopf) und parteipolitische Orientierung über die Muster der weltweiten Migration (Wanderung).

Oltmer ist überzeugt: Ohne einen Blick in die Geschichte und das Erkennen von objektiven Grundzügen der Migration reden alle am Thema vorbei. Dabei findet er es schon als einen Vorteil, dass seit 2015 angesichts der vielen Flüchtlinge in Deutschland endlich auch einmal kontrovers über Wanderung und ihre Ursachen gesprochen wird. Wichtig sei aber zu registrieren, dass es Wanderungen immer gegeben habe. Früher sogar mehr als heute – auch vor Gewalt und Katastrophen.

Den Hauptantrieb sieht der Fachmann in der Vorstellung der Migranten, dass sie am Ziel bessere Lebenschancen haben. Die klassische Annahme, die Menschen flüchteten, weil es ihnen dreckig gehe, hält er für falsch: „Warum bleiben dann die meisten in ihrer Heimat, obwohl dort miserable Verhältnisse herrschen?“ Oltmers Antwort ist einfach: Migration ist auch teuer. Die Reise kann sich nicht jeder leisten.

Wohin zieht es die Flüchtlinge? Warum Deutschland? „Sie gehen nicht in die Fremde, sondern in die Ferne“, sagt Oltmer. Die Migration erfolge nicht zwischen Ländern, sondern Netzwerken. Die Menschen zöge es zu Verwandten und Freunden, die schon im Ausland lebten. „Es geht ja um die Chancen dort“, sagt der Fachmann und erinnert daran, dass die USA immer dann kein Zielland gewesen seien, wenn dort Wirtschaftskrisen geherrscht hätten. Der Arbeitsmarkt sei ein Gradmesser. 

Als in Deutschland infolge der weltweiten Finanzkrise 2008 sich das Gefühl des Ausblutens breitgemacht habe, seien mehr Menschen ab- als zugewandert, so der Professor. Die Migranten entscheiden nach Einschätzung von Oltmer nicht spontan, sondern aufgrund von vertrauenswürdigen Informationen, früher über Briefe, heute über Whats-App. Als Unsinn bezeichnet deshalb der Experte eine deutsche Plakataktion in Afghanistan für die dortige Bevölkerung wie: „Bleibt zuhause, in Deutschland ist es schlecht.“ Das hielte niemanden zurück, wenn er von Verwandten in Deutschland erführe, dass dort dieser oder jene Job gefragt sei.

Etwa 1,5 Millionen Migranten habe es 2014 in Deutschland gegeben, davon 75 Prozent aus Europa. Der Fachmann sieht dafür verschiedene Gründe – darunter eine positive Zukunftserwartung, die relative räumliche Nähe, gut funktionierende Netzwerke, den Zusammenbruch einer Sicherung der EU mit Nachbarländern (zum Beispiel Tunesien) oder die Schwächung klassischer Asylländer wie Frankreich, Belgien, Italien, Holland und Griechenland. „Deutschland war und ist ein Ersatzfluchtziel“, so der Professor.

Stabil ist für Oltmer bei der Frage der Migration nur das Instabile. Sie habe eine eigene Dynamik. Vorhersehbar sei nichts. Irreführend sei aber die oft gehörte Feststellung, die Menschen gingen wegen der katastrophalen Zustände in ihrer Heimat. Im Gegenteil: Je besser es den Menschen gehe, desto höher sei die Migration.

Für Oltmer haben die hohen Flüchtlingszahlen 2015 auch ein Gutes, weil erstmals intensiv diskutiert würde über Migration. Das sei auch nötig, um Unsinniges auszuräumen. So habe man viele als kulturell fremd abgelehnt, die Boat People aus Vietnam aber wegen der kulturellen Nähe als Musterbeispiel der Integration bezeichnet. „Was für ein Unsinn“, wetterte Oltmer.

Mehr zum Thema:

Bilder vom Oktoberfest: Standkonzert zur Halbzeit

Bilder vom Oktoberfest: Standkonzert zur Halbzeit

Kartoffelmarkt in Rotenburg

Kartoffelmarkt in Rotenburg

Bauernmarkt in Moordeich

Bauernmarkt in Moordeich

Verkaufsoffener Sonntag mit Ökomarkt in Verden

Verkaufsoffener Sonntag mit Ökomarkt in Verden

Meistgelesene Artikel

Mordfall in sechs Stunden gelöst

Mordfall in sechs Stunden gelöst

„Normaler Verlauf“

„Normaler Verlauf“

Utkiek-Fahne eingeholt

Utkiek-Fahne eingeholt

Krisenzentrum in direkter Nachbarschaft zur Feuerwehr?

Krisenzentrum in direkter Nachbarschaft zur Feuerwehr?

Kommentare