Profiler Axel Petermann beim Bürgermahl 

Mordsgeschichten zwischen Carpaccio und Gemüseroulade

Axel Petermann (M.) im Gespräch mit dem Bürgerstiftungs-Vorsitzenden Ralf Michel (l.) und Michael Lux, dem Vorsitzenden des Stiftungsrates. - Foto: Jantje Ehlers

Syke - Von Frank Jaursch. Rekord für die Bürgerstiftung: Der Veranstaltungssaal der Kreissparkasse platzte am Sonntagmittag förmlich aus allen Nähten.

80 Anmeldungen hatte die Stiftung für das siebte Bürgermahl entgegengenommen, erstmals mussten die Gastgeber sogar einigen Interessierten absagen, verkündete Ralf Michel als Vorsitzender der Stiftung. Und er fügte, an den Gastredner des Tages gerichtet, hinzu: „Herr Petermann, ich habe ein bisschen den Verdacht, es könnte an Ihnen liegen.“

„Die Persönlichkeit des Täters verstehen“

Mit Axel Petermann – Bremer Autor, Kriminalist und Profiler – hatten die Organisatoren ein echtes Zugpferd verpflichtet. Der 64-Jährige gilt in Deutschland als Vorreiter des „Profiling“ nach FBI-Vorbild. Im Mittelpunkt steht darin der Täter: Was sind seine Motive? Was hat ihn bewogen, das zu tun, was er getan hat?

„Es geht darum, die Persönlichkeit des Täters zu verstehen“, betonte Petermann.

Zwischen den Gängen mit Carpaccio und Rinderfilet, Gemüseroulade und Schokokuchen ergriff er nach bewährtem Bürgermahl-Muster das Wort, um in drei 20-minütigen Einheiten über seine Arbeit zu reden.

Etwa über seinen ersten Mord-Tatort, der 1971 bleibenden Eindruck bei dem jungen Bremer hinterließ. „Irgendwann wirst du dieses Verbrechen aufklären“, habe er sich damals gesagt. Es dauerte vier Jahrzehnte, bis er dieses sich selbst gegebene Versprechen tatsächlich einlösen konnte.

Längst hat sich die „operative Fallanalyse“ als Teil der Kriminalistik etabliert. Die Profiler seien „die Grübler und Querdenker unter den Ermittlern“, umschrieb es Petermann. Sie sind es, die mit nahezu verrückten Denkansätzen jonglieren.

„Ich stehe stundenlang an einem Tatort und warte darauf, dass er zu mir spricht“, sagt Petermann. Irgendwann passiert es: Der Ort gibt Informationen preis, Abläufe, Interaktionen zwischen Täter und Opfer. Wie verletzt der Mörder? Was tut er, wenn der Mord vollendet ist? Erniedrigt er sein Opfer, oder verdeckt er die Wunden? Das aus den gesammelten Informationen erstellte Täterprofil hilft bei der Aufklärung – und kann auch schon mal darauf hinweisen, dass die regulären Ermittler vielleicht auf dem Holzweg sind.

Von Petermann stammt der Satz „Die hellste Spur muss nicht die richtige sein“. So wiesen Fallanalytiker nach den ersten Morden, die später als NSU-Mordserie bekannt wurden, auf die Möglichkeit hin, dass es sich um Taten von Rechtsradikalen handelt.

Petermanns Fähigkeiten erregten nicht nur durch drei von ihm geschriebene Bücher Aufsehen. Auch bei mehreren „Tatort“-Produktionen fungierte er als Berater. Eine Reihe von Folgen basiert auf echten Petermann-Fällen. Für Serien à la „CSI“ hat er indes nur ein Schmunzeln übrig. „Ist ganz amüsant. Da geht es auch um ein Rätsel, aber damit sind die Gemeinsamkeiten auch schon vorbei.“

Vor zwei Jahren ging Petermann in Pension – formell zumindest. Tatsächlich, so berichtet er schmunzelnd, dauerte sein Ruhestand gerade mal sechs Minuten: Dann kam eine E-Mail mit der Bitte um private Ermittlungen, und Petermanns Passion war erneut entflammt. Seitdem erhält er „etwa 20 Anfragen im Jahr“ – von Angehörigen oder Anwälten, die mit den Ermittlungen in ihrem Fall nicht zufrieden sind.

Dabei ist seine Arbeit in gewisser Weise ein Ritt auf der Rasierklinge: Wie sehr kann und sollte man sich emotional engagieren? Gefühle, so betont Petermann, „sind ein schlechter Ratgeber für Ermittler: Man möchte bestätigt wissen, woran man glaubt“. Und doch bewegen ihn die Schicksale hinter den Taten. „Ich wache mit ihnen auf und gehe mit ihnen ins Bett.“

Das soll noch drei, vier Jahre so weitergehen, verriet Petermann seine Pläne für die Zukunft. „So lange will ich in dem Bereich arbeiten. Ich hoffe, dass ich hier und dort beitragen kann, dass ein Verbrechen aufgeklärt wird.“

Für die Einblicke, die Petermann gab, spendeten die Besucher freundlichen Applaus. Und für die Bürgerstiftung stellen die Einnahmen der Veranstaltung auch in diesem Jahr wieder das Rückgrat des Gesamtetats dar, aus dem die meisten Projekte finanziert werden.

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