„Ich will doch nichts Böses!“

Starfotograf Jo Fischer möchte sich ein Bild von Syke machen

Jo Fischer auf Motivsuche am Hohen Berg. Elena Albertin von der Stadtverwaltung darf für das Bild unseres Fotografen schon mal als Model herhalten. - Foto: Heinfried Husmann

Syke - Von Frank Jaursch. Eigentlich ist Jo Fischer ein Mann, dem man zutraut, schnell Kontakte knüpfen zu können. Freundliche Augen, ein gewinnendes Lächeln, Berliner Kodderschnauze („Kreuzberger Keule, Alter, wa?!“) – der 46-Jährige wirkt wie der Kumpel, mit dem man sich abends gern noch auf ein Bierchen trifft. Aber Jo Fischer hat zurzeit ein Problem: Er möchte sich mit seinen Kameras ein Bild von Syke machen. Und stößt damit bei den Sykern meist auf Ablehnung.

Fastfood-Pause für Supergirl: Eine Aufnahme von Jo Fischer von seiner Ausstellung „German Feierlichkeit“. - Foto: Fischer

Eine ungewöhnliche Erfahrung für den Fotografen. Für gewöhnlich reißen sich die Menschen darum, von ihm porträtiert zu werden. Fischer ist zurzeit einer der angesagtesten Vertreter seiner Profession. Vorwerk-Kurator Nils-Arne Kässens bezeichnet ihn als „Shootingstar unter den jungen deutschen Fotografen“.

In den vergangenen Jahren war der gebürtige Berliner mit der bunten Vita in vielen Städten unterwegs, hielt das Leben in seinen stimmungsvollen Fotografien fest. Seine Fotoserien erzählen Geschichten – von der „Redneck Nation“, die das Leben in den US-Südstaaten abbildet, über „Jungle Fever“ (Kolumbien/Peru) bis hin zur „German Feierlichkeit“, das die Szenen von deutschen Volksfesten darstellt.

Syker sind abweisend

Seit fast einem Monat schon ist Fischer unterwegs in Syke. Er geht viel spazieren, setzt sich in Restaurants. Sucht das Gespräch zu den Menschen um sich herum. Aber spätestens, wenn er um ein Foto bittet, ist oft Schluss. „Die Syker sind bislang wahnsinnig abweisend“, seufzt er.

Das Ergebnis seiner Arbeit wird vom 4. Dezember an beim Syker Vorwerk zu sehen sein. Die Ausstellung „In Syke – eine fotografische Recherche“ wird mit Bildern von Fischer bestückt.

Die Idee dazu hatte Nils-Arne Kässens. Der scheidende Vorwerk-Chef hatte eine Ausstellung von Fischer in Hamburg gesehen und war hin und weg. „Seine Fotos haben so etwas Pures, Direktes. Sie springen einen richtig an, man ist als Betrachter mittendrin.“ Er suchte den Kontakt zum Künstler, und der machte kurzerhand mit.

Für die Dauer seines Aufenthaltes lebt Fischer bei Schierenbecks in Gödestorf. Er selbst glaubt, das die Reserviertheit der Menschen in Syke viel mit dem Wesen des norddeutschen Menschenschlags zu tun hat. Vielleicht, so seine Vermutung, dauert es einfach ein bisschen länger, ehe sich die Menschen gegenüber Unbekannten öffnen – erst recht, wenn der eine Kamera vorm Bauch hat. „Ich will doch nichts Böses“, betont er, „ich will doch nur fotografieren.“

Eigene Emotion in Bildern

In den ersten drei Wochen hat er in Farbe fotografiert, doch die Ergebnisse spiegelten die emotionale Lage von Fischer wider: „Düstere Porträts in einer düsteren Landschaft. In Farbe wirkt alles noch trister, als es ist.“ Natürlich lege er viel von seinen eigenen Emotionen in seine Bilder. „Und das wird dann den Sykern nicht gerecht.“

Also machte Fischer einen Schnitt, warf die Ergebnisse der ersten Wochen weg und stellte auf Schwarz-Weiß-Fotografie um. Auch seine Herangehensweise änderte sich: Statt nur durch die Stadt zu spazieren und auf Gevatter Zufall zu hoffen, plant er jetzt die Begegnungen.

Spontanität geht verloren 

Er geht zum Gesundheitsschwimmen oder zum Seniorentanz. Das klappt. Aber etwas von der Spontanität einer zufälligen Begegnung geht verloren. Dennoch hat auch Fischer Erfolgserlebnisse. „Ich war heute beim Westflügel, das war toll“, berichtet er. Manchmal, fügt der 46-Jährige hinzu, komme er sich vor wie ein Goldgräber. „Der muss auch eine Woche schürfen, um am Ende das Stück Gold zu finden.“

Jo Fischer hat einen Wunsch für die kommenden Wochen. „Ich würde gern mal zu den Leuten nach Hause gehen, mit ihnen sprechen.“ Er hofft, dass sich noch Syker melden, die er fotografieren und mit denen er sprechen kann. Sie können sich bei Nils-Arne Kässens vom Vorwerk unter 04242/577 412 melden oder sich per E-Mail an Jo Fischer wenden (hello@jofischer.com).

Das Ergebnis erscheint nicht nur als Ausstellung, sondern auch in einem Fotoband beim renommierten Kerber-Verlag. Syke auf 80 Seiten – ganz in Schwarz-Weiß. Fischer ist selbst gespannt aufs Ergebnis. „Ich hinterlasse eine Spur, wenn ich gehe“, sagt er. „Und es soll eine schöne Spur sein.“

Zur Person Jo Fischer

Jo Fischer, geboren 1970 in Berlin, wuchs in Venezuela, Jordanien und Kuwait auf. 1984 kehrte er nach Deutschland zurück, machte eine Ausbildung zum Zimmermann. Ab 1993 war er als Musiker unterwegs. Im Jahr 2008 ersteigerte er sich im Internet eine Kamera und brachte sich das Fotografieren bei. Mittlerweile gehört er zu den renommiertesten Fotografen (Aufträge für Der Spiegel, Audi, Leica).

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