Familie in Syke

Flüchtlinge aus Afghanistan fürchten Abschiebung

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Abdullah (v.l.), seine Schwester Amena und ihr Vater Yasen sowie die Brüder Najibullah und Saaed hoffen, dass sie in Deutschland bleiben dürfen. Rahmi Tuncer unterstützt sie.

Syke - Von Julia Kreykenbohm. Yasen ist mit seiner Familie vor dem Krieg in Afghanistan geflüchtet. Er wollte mit ihnen in Sicherheit leben. Jetzt haben sie Angst, dass sie bald abgeschoben werden.

Yasen ist verzweifelt. Er ist 55 Jahre alt und hat alles zurückgelassen, was er kennt: Kultur, Land und Sprache. Verkauft, was er besaß: sein Haus und den Laden. Weil er seine Kinder über alles liebt und will, dass sie sicher aufwachsen und das werden können, was sie sich wünschen. Zuhause, in Afghanistan, geht das nicht. Darum kam er mit seiner Familie nach Deutschland. Über den Iran, Türkei, Griechenland, Serbien und Österreich. 35 Tage, meistens zu Fuß, manchmal unter Lebensgefahr. Nun sind sie hier, endlich in Sicherheit. Doch das Glücksgefühl und die Erleichterung sind schon wieder verschwunden.

Krank vor Sorge

Seit das Abkommen zwischen der EU und Afghanistan unterzeichnet ist, in dem die EU bereit ist zu zahlen, wenn das Land seine Flüchtlinge zurücknimmt, ist er krank vor Sorge. Die drohende Abschiebung hängt wie ein Damoklesschwert über dem noch immer schwer traumatisierten 55-Jährigen. Denn wenn die Politiker in ihren adretten Anzügen in Brüssel über „sichere Bereiche“ in Afghanistan sprechen, deckt sich das nicht mit den Erlebnissen des Mannes in Jeans und T-shirt, der nun im Landkreis Diepholz lebt.

Da er ein eigenes Geschäft hatte, verfügte er über Geld. Und dieser Umstand hat vermutlich seinen Söhnen das Leben gerettet. Denn seit diese in das „waffenfähige“ Alter gekommen sind – also etwa 14 Jahre – drängte der Staat ihn, sie zur Polizei zu schicken, damit sie gegen Terroristen wie die von der Taliban oder Al-Qaida kämpfen. Diese Terroristen wiederum suchten ihn ebenfalls regelmäßig auf und verlangten, dass er seine Söhne gibt, um gegen den Staat Krieg zu führen, der ihrer Ansicht nach nicht rechtens ist.

Aber Yasen wollte seine Söhne nicht zu Soldaten machen, weder für die religiösen Fanatiker, noch für einen Staat, der von Korruption vergiftet ist. Sie sollen das werden, was sie wollen – und vor allem leben. Dafür hat er wieder und wieder Bestechungsgelder an beide Seiten gezahlt und konnte sie so eine Weile schützen.

Aufwachsen in Freiheit

Bei seinen Töchtern war das schwieriger. Er will, dass auch sie so frei wie möglich aufwachsen. Kein Kopftuch, wenn sie es nicht möchten, zur Schule gehen und etwas lernen. Als ihnen das verwehrt wurde, stellte er einen Privatlehrer an. Wenn Mädchen in die Pubertät kommen, wird erwartet, dass der Vater sie verheiratet, meist mit viel älteren Männern. Yasen lehnte das für seine Töchter ab.

All das war den Fanatikern ein Dorn im Auge, sagt Yasen. Sie lauerten ihm auf, misshandelten ihn, schlugen ihm mit einem Hammer in den Rücken und verletzten seine Augen, so dass er noch heute unter Sehproblemen leidet. Als der Leidensdruck zu groß wurde und das Geld zur Neige ging, fasste er den Entschluss: Wir fliehen.

Seine Kinder sind ihrem Vater sehr dankbar dafür. Amena ist 14 Jahre alt und will länger zur Schule gehen als nur zwei Jahre, mehr lernen, als nur im Koran zu lesen, denn sie hat einen Traum: Das Mädchen, dass in einem zerstörten Land aufgewachsen ist, will Städte entwerfen und mithelfen, sie zu bauen.

Der Schulbesuch in Afghanistan war für sie geprägt von Angst. Taliban-Kämpfer standen vor dem Gebäude und sahen sich die Mädchen genau an, die verschleiert kommen mussten. „Bei einem Mädchen war mal der Unterarm zu sehen, dann haben sie ihn ihr abgehackt. Ein anderes Mädchen hatte sich die Augen geschminkt. Dafür wurde sie mit Säure bespritzt“, berichtet die zierliche 14-Jährige. 

Wache halten, damit andere ruhig schlafen können

Yasen hört den Bericht seiner Tochter und sagt: „Ich will nur, dass meine Kinder sicher sind.“ Najibullah nickt zustimmend. Er ist 28 Jahre alt und Vater von zwei kleinen Kindern, für die er sich ein besseres Leben wünscht. In Afghanistan hätte er seine Tochter nie zur Schule schicken wollen, aus Angst, dass sie auf dem Weg dorthin von einem Selbstmordattentäter getötet wird. Nachts habe immer einer in der Familie in der Wohnung Wache gehalten, damit die anderen ruhig schlafen konnten.

Najibullah hat auf dem Bau gearbeitet – bis er auf dem Weg zur Arbeit mal vom Moped gezogen und von Taliban-Kämpfern verprügelt wurde. Danach hat er sich nicht mehr getraut, aus Angst, nicht wiederzukommen und damit seine Familie im Stich zu lassen. Das abschreckende Beispiel dafür gebe es in einem Stadtteil von Kabul, weiß Migrations- und Integrationsberater Rahmi Tuncer. „Dort leben nur noch Witwen mit ihren Kindern, weil alle Männer tot sind. Ab und zu kommen Terroristen und bieten Geld für eine Tochter. Aus Verzweiflung lassen die Frauen sich darauf ein, um ihre anderen Kinder eine Weile versorgen zu können.“

„Unser Vater hatte den Traum, dass seine Kinder Ingenieure, Lehrer oder Mechaniker werden“, berichtet Najibullah. „In Deutschland wollen wir ihn wahrmachen.“ Sein 16-jähriger Bruder Saaed nickt und lächelt: „Ich möchte Mechaniker für Autos und Motorräder werden – und so viel wie möglich Fußball spielen!“

Gibt es etwas, was sich die Flüchtlinge von den Deutschen wünschen? Die fünf blicken sich an. „Bitte lasst uns hierbleiben und gebt unseren Kindern eine Zukunft“, sagt Yasen. „Ich will nicht, dass meine Kinder in Afghanistan lernen, andere Menschen zu töten“, antwortet Najibullah. „Sie sollen lieber hier in Deutschland lernen, sich um andere Menschen zu kümmern.“

Rahmi Tuncer hört diese Worte öfter von seinen insgesamt 72 afghanischen Schützlingen, die er im Landkreis betreut. „Die Behauptung, Afghanistan sei sicher, ist wie ein Schlag ins Gesicht dieser Menschen. Yasen, Najibullah und ihre Familien gehören zu den Tadschiken, einer Minderheit in Afghanistan, die oft zur Zielscheibe von Repressalien wird. Statt Geld dorthin zu schicken, wo es nur an die falschen Stellen gerät, solle man davon lieber die Kinder hier ausbilden, damit sie einmal die Zukunft ihres Landes gestalten können. Dort können sie es nicht lernen, weil sie nur als Kämpfer missbraucht werden.“

Doch neben der politischen Unterstützung wünscht er sich auch die der Menschen vor Ort. „Es wäre so schön, wenn sich eine deutsche Familie finden würde, die sich an einem Tag in der Woche mit einer afghanischen Familie zu einem gemeinsamen Essen trifft und sie etwas Zeit miteinander verbringen. Ich komme auch gern dazu und helfe beim Übersetzen. Dann könnten die Leute erleben, wie herzlich die Familien sind, das ein friedliches Zusammenleben möglich ist und Ängste unbegründet sind.“

Wer Interesse daran hat, mit seiner Familie an einem Essen teilzunehmen, kann sich bei Tuncer melden unter rahmi-tuncer@welthaus-barnstorf.de

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