Ungewöhnliche Musik in Vehrings Garten

Experimentelle Entschleunigung

Die Bremer Flötistin Isabelle Raphaelis spielte im Rahmen des Gartenkultur-Musikfestivals in Henstedt. - Foto: Heinfried Husmann

Henstedt - Von Detlef Voges. Wie klingt eine Geige, wenn man die Saiten mit der Bogenstange schlägt und gleichzeitig mit der linken Hand zupft? Anders als gewohnt. Wer das Ungewöhnliche sucht, ist im Garten von Vera und Fritz Vehring in Henstedt stets gut aufgehoben.

Das gilt generell, aber besonders während des landesweiten GartenKultur-Musikfestivals. Dann ist die grüne Oase im Hachetal Hort neuer Musik. Wie am vergangenen Sonntag mit Klanginstallationen aus Taiwan und Südkorea.

Musik in Vehrings Garten – das ist nicht nur open-air, sondern ein Beleben aller Sinne. Der Besuch hat etwas von einem kulturellen Picknick mit Musik zu Kaffee und Kuchen auf rustikalen Klappstühlen. Der Gast wird schnell entschleunigt, tankt Muße und geht reicher.

Seit dem Start des GartenKultur-Musikfestivals 2002 öffnen Vehrings jedes Jahr für Musikfans ihren Garten, der eigentlich ein Park ist. Die Gäste wissen, dass sie keine gängigen Harmonien zu hören bekommen, sondern ungewöhnliche Klänge. Musik in Vehrings Garten steht für Experimentelles. Deshalb war am Sonntag Flöte auch nicht Flöte, Becken nicht Becken und Geige nicht Geige.

In die Flöte schreien

Die Bremer Flötistin Isabelle Raphaelis spielte „Euscha“, eine Komposition des 1994 in Seoul geborenen Jinwook Jung. Der Titel bedeutet soviel wie „Gleich geht’s richtig ab“. Das passte zum Spiel der Flötistin, die keine Harmonien produzierte, sondern in ihr Instrument hauchte, pustete, sang und schrie. Es wirkte wie eine Verschmelzung mit der Natur, in der Wind, rauschendes Blattwerk und Vögel die Solistin musikalisch begleiteten.

Cheng-Wen Cheng, geboren 1980 in Nantou (Taiwan), ist ein Klanginstallateur. Der Percussionist brachte seine Kompositionen „Libra“ und „Listen to Hearing“ zu Gehör. Mit sanftem Reiben und Kratzen entführte der Musiker einleitend in ungewohnte Klangwelten, die beim Zuhörer eine Schärfung der Wahrnehmung verlangten. Mit den in den Orchestern bekannten lauten Beckenschlägen endete das Spiel und hinterließ auch die Erkenntnis, dass in diesem Instrument eine größere Klangfülle steckt als allgemein erwartet.

Das Programm schloss die südkoreanische Violinistin Chanmi Shin (Jahrgang 1990) ab. Sie spielte ein Musikstück für Violine von Nahyun Lee. Dabei nutzte sie nicht nur die Geige als Instrument, sondern auch die Bogenstange, mit der sie immer wieder auf die Saiten schlug, kombiniert mit der die Saiten zupfenden linken Hand. Es entstand ein Mischklang, der durchaus auch Anleihen im Bereich der Percussion nahm.

Wie sehr Open-air-Konzerte ihre eigene Gesetzmäßigkeit haben, erfuhr die Musikerin zwischendurch. Starker Wind brachte den Notenständer fast zu Fall. Die Hilfe zweier Herren war notwendig, um das Konzert zu Ende führen können.

„Konzerte im Garten sind eben doch anders als im Saal“, meinte Fritz Vehring resümierend und lud die Gäste noch zum Rundgang durch den Garten ein. Wer sich dafür Zeit nahm, konnte das Gehörte mit der Realität abstimmen. Und die war gar nicht so weit entfernt von dem Ungewöhnlichen der Musik. Der Vehringsche Garten ist und bleibt eine Überraschung für die Sinne. Da freuen sich die Augen an orange-roten Kürbissen, da dominiert der rote Flox mit starkem Aroma den Geruchssinn. Durchbrochene Hecken und Baum-Arrangements eröffnen neue Blickwinkel, herunterhängendes Blattwerk lädt auf verwunschen anmutende Wege ein. Keramiken ergänzen die Naturidylle und erinnern daran, dass der Hausherr sich auf diesem Gebiet zahlreiche Meriten erworben hat.

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