Alltag im DRK-Heim Barrien

Was da draußen niemand sieht

Nur mit der Ruhe: Maria Kusche misst den Blutzuckerwert einer Bewohnerin, die an Diabetes erkrankt ist. Der vertrauensvolle Umgang mit den Bewohnern des Seniorenheims gehören genau wie die Überwachung medizinischer Daten zu ihren Aufgaben. - Foto: Grulke

Barrien - Von Robin Grulke. „Hhhhmmmm“, stöhnt Frau Bieneck (Name von der Redaktion geändert), als Maria Kusche den Teller mit honigbestrichenem Rosinenbrot vor ihr auf den Tisch stellt. „Hhhmmmm“, immer wieder. Kurz steht Kusche nur da, weiß nicht recht, was die an Demenz erkrankte Frau ihr sagen möchte. „Ich helfe ihnen mal beim Essen, ja?“, fragt Kusche einfühlsam und führt der Frau mit silbernen Locken und trüben Augen mit der Gabel das süße Gebäck an den Mund.

Als Altenpflegerin ist Kusche verpflichtet, aufmerksam zu sein, sich in keinem Bereich an menschlicher Nähe zu stören und mit Hilfsbedürftigen umgehen zu können – eine verantwortungsvolle Aufgabe. Doch warum wählt jemand diesen Beruf?

„Dafür ist nicht jeder geschaffen“, sagt Maria Kusche. Die 31-Jährige beendet im kommenden Jahr ihre Ausbildung zur Altenpflegerin im Seniorenheim Barrien und muss es wissen: der Beruf der Altenpflegerin verlangt ihr vieles ab und gibt scheinbar nur wenig zurück.

Marias Tag beginnt bei der Grundpflege der Bewohner. Dort wartet je nach Pflegestufe ein bis zu 45-minütiger Arbeitsschritt auf sie. Maria hebt die Senioren in Roll- und Duschstühle, zieht ihnen Thrombosestrümpfe an oder überprüft die Blutdruck- und Zuckerwerte nach ärztlicher Verordnung. Sie hilft den Bewohnern beim Gang auf die Toilette und begleitet sie zum Frühstück. Dann hat der Tag gerade erst begonnen.

„Feste Pausenzeiten gibt es eigentlich nicht“, berichtet Kusche. Zwar finde man neben der Mittagspause auch mal eine Auszeit für einen Kaffee oder eine Zigarette, solche kleinen Pausen muss sie allerdings des Öfteren unterbrechen. Ob es ein Bewohner ist, der ihre Hilfe braucht, oder ob der Lieferdienst Medikamente zustellt, die angenommen werden müssen: Hat Maria Dienst, kümmert sie sich darum.

Nach dem Mittagessen begleitet sie diejenigen, die wach und ausreichend motiviert sind, wieder in den Essenssaal. Jeden Tag gibt es dort um 14.30 Uhr Gebäck und Kaffee – ein fester Tagesrhythmus vermittelt den Bewohnern ein Gefühl der Sicherheit. Maria schmiert Rosinenbrote mit Marmelade und serviert Kaffee und Wasser. Nicht alle möchten dort dabeisein. „Kommen Sie auch mit, Frau Vogel?“, fragt Maria. Doch sie und einige andere Bewohner wollen nicht.

Nicht selten schlägt diese Lustlosigkeit der Senioren in tiefe Schwermut um. Das bekämen die Pfleger immer wieder mit, sagt Meike Evers, ebenfalls Altenpflegerin im Seniorenheim Barrien. „Sie fragen dann: ,Was soll ich noch hier?’, und bleiben einfach im Bett liegen“, berichtet sie. „Wir hören ihnen zu und versuchen, ihnen wieder Kraft zu geben. Manchmal hilft das, manchmal nicht.“

In solchen Momenten sind soziale Kompetenzen gefragt. Diese stellen einen wichtigen Aspekt in der praktischen Arbeit als Altenpfleger dar und werden in der dreijährigen Ausbildung vermittelt. Der richtige Umgang mit Demenz und Depression will gelernt sein. Er ist unerlässlich, möchte man die Bewohner von Senioren- und Pflegeheimen angemessen versorgen.

„Die Leute wissen nicht, was dahinter steckt“

„Viele Menschen denken: ,Das kann ja jeder!’, vergessen dabei aber, dass die Pflegekräfte während der Ausbildung auch viel medizinisches Wissen anhäufen und anwenden müssen.“, erinnert Ulrike Kollhofer, Pflegedienstleiterin der Einrichtung. „Die Leute wissen nicht, was dahintersteckt.“ Neben der Bedienung und Überwachung von Beatmungsgeräten, dem Legen von Infusionen und der Dokumentation von auffälligem Ess- und Trinkverhalten eines Bewohners, sehen sich die Pflegekräfte mit vielen weiteren, medizinisch anspruchsvollen Problemen konfrontiert.

Kollhofer ist das Bild der Altenpfleger in der Öffentlichkeit leid, sie würden lediglich Senioren waschen und für deren Toilettengang bereitstehen. „Wenn an Heiligabend die Angehörigen eines Bewohners nicht kommen und eine Pflegekraft an deren Stelle am Bett sitzt, dann sieht das da draußen keiner!“, klagt sie.

Die Vielfalt an Aufgaben und die Verantwortung für das Wohl eines Menschen würden es außerdem erschweren, Auszubildende zu finden. „Es gibt viele, die während der Ausbildung wieder abspringen“, so Kollhofer. Das liege besonders an den falschen Erwartungen, die angehende Azubis an die Zeit in Pflegeheim und -schule haben.

Unterricht in den Schulen (40 Stunden pro Woche) und praktische Arbeit in einer Pflegeeinrichtung (35 Stunden) wechseln sich meist in mehrwöchigen Blöcken ab. Öffentlicher Konsens scheint auch zu sein, dass ein Großteil der Altenpfleger unangemessen schlecht bezahlt wird. 

Erfolgt die Ausbildung in Einrichtungen des öffentlichen Dienstes oder in einer, die sich an die Regelungen des öffentlichen Dienstes anlehnen, gelten derzeit grundsätzlich folgende Ausbildungsvergütungen: Im ersten Ausbildungsjahr 1.010 Euro, im zweiten 1.072 Euro, im dritten Jahr 1.173 Euro. Nach dem selben Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) verdienen ausgelernte Altenpfleger je nach Erfahrung 2.300 bis 3. 200 Euro. Der Mythos von „schlechter Arbeit bei geringer Bezahlung“ lässt sich damit wohl nicht mehr halten.

„Es ist einfach ein schöner Beruf“

Nun lässt der Blick auf die körperlichen und psychischen Belastungen für die Pfleger, das noch immer negative Bild in der Öffentlichkeit und die notwendigen Kompetenzen die Frage aufkommen: Warum wählt jemand den Beruf Altenpfleger? Maria Kusche entgegnet stolz: „Es ist einfach ein schöner Beruf.“ 

Die direkte Nähe zum Menschen, welche emotionale Beziehungen zulässt und das Gefühl, einem Menschen etwas Lebensfreude zurückgeben zu können, sind nur zwei von vielen Gründen, auf Grund derer Maria sich dafür entschieden hat.

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