Verein „Kontakt“ schlägt neue Möglichkeit vor

Schulverweigerer: Beraten statt bestrafen

Verurteilte junge Straftäter haben immer mehr mit vielen verschiedenen Problemen zu kämpfen. Der Verein „Kontakt“ versucht, ihnen dabei zu helfen. - Foto: Imago

Syke - Von Julia Kreykenbohm. Thomas (Name von der Redaktion geändert) geht nicht mehr in die Schule. Seine Mitschüler drangsalieren ihn, Eltern und Lehrern mag er sich nicht anvertrauen. Das zuständige Amt lädt ihn und seine Eltern zu einer Anhörung ein, in der er sein Fehlen erklären soll.

Thomas’ Eltern haben mit ihren eigenen Sorgen zu kämpfen und allein möchte er nicht dorthin. Also wird ein Bußgeld verhängt, das Thomas nicht zahlt. Nun bekommt er eine Arbeitsauflage. Taucht er da nicht auf, wird er per Gerichtsbeschluss in den Wochenendarrest gesteckt.

Dort sitzt er mit straffälligen Jugendlichen, als wäre er einer von ihnen. Dabei hat nur niemand sein Problem erkannt. Anstatt ihm zu helfen, wird er bestraft. Wenn es schlecht läuft, zieht sich der Junge nun noch mehr zurück und die Abwärtsspirale dreht sich weiter.

Jugendliche wie Thomas sollen künftig eine andere Möglichkeit bekommen, wünscht sich der Verein „Kontakt – Verein für Jugendhilfen im Landkreis Diepholz“. Auf dem jährlichen Treffen der Jugendrichter, Jugendstaatsanwaltschaft, Jugendgerichtshilfe und von „Kontakt“, hat der Verein angeregt, die Schulverweigerer statt in den Arrest, zu ihnen in die Beratung zu schicken. „Dort können wir nach den Gründen und auch nach möglichen Lösungen suchen“, erläutert Susanne Huick, Geschäftsführerin von „Kontakt“.

„Nicht jeder Schulverweigerer wird ein Intensivtäter“

Mit pädagogischen Maßnahmen könne der Teufelskreis aufgebrochen werden. Der Arrest hingegen sei nur eine weitere schlechte Erfahrung, die den Jugendlichen womöglich noch mehr in die Ecke dränge, wo er dann im schlimmsten Fall „irgendwann nicht mehr greifbar“ ist. „Nicht jeder Schulverweigerer wird ein Intensivtäter – aber jeder Intensivtäter war mal ein Schulverweigerer“, weiß der stellvertretende Geschäftsführer, Holger Arntjen. Ein Großteil seiner heutigen Schützlinge habe seine kriminelle „Karriere“ ebenfalls als Schulverweigerer begonnen.

Von daher könne diese Vorgehensweise auch als Präventionsmaßnahme gelten, die die Jugendlichen auffange, bevor sie abrutschen. „Wer erstmal eine Zeit lang aus der Schule raus ist, findet nur schwer wieder zurück, denn ihm fehlt nicht nur Wissen, sondern auch ein normaler Tagesrhythmus.“ Die Resonanz auf diesen Vorschlag sei sehr positiv gewesen. „Wir glauben, dass viele Jugendrichter das künftig in Anspruch nehmen werden.“

Mit diesem Angebot nimmt die Arbeit der vier hauptamtlichen Mitarbeiter des Vereins weiter zu, die 2015 insgesamt 105 Jugendliche betreuten. Auch ist ihre Tätigkeit im Laufe der Jahre deutlich komplexer geworden, da die Bedürfnisse des Klientels sich gewandelt haben. „Vor vielen Jahren kamen junge Straftäter zu uns und wir beschäftigten uns mit der Frage: Wie können sie künftig straffrei leben?“, berichtet Huick. Heute geht es immer häufiger um die Frage: „Wie bekommen sie künftig ihr Leben auf die Reihe?“

Überblick nach drei Gesprächen 

Wenn die Jugendlichen zu „Kontakt“ geschickt werden, ist das oft nur die Spitze des Eisbergs, der sich nach und nach vor den Mitarbeitern auftürmt. „Manche sind obdachlos, drogenabhängig oder verschuldet“, zählt Arntjen die „Begleit-Baustellen“ auf, um die er sich dann kümmern muss. Nach etwa drei Gesprächen habe man einen Überblick über das Ausmaß.

Hinzu kommt, dass manche regelrecht „lebensunfähig“ seien, beispielsweise nicht mit Geld umgehen können, nicht wissen, wie sie einen Wasserkocher bedienen müssen oder Ordnung in der eigenen Wohnung halten, schildert Huick. Mit diesen Jugendlichen fangen sie dann mehr oder weniger bei Null an.

Alles, was die Eltern in den vergangenen Jahren versäumt haben, müssen die Mitarbeiter von „Kontakt“ innerhalb eines Jahres im Schnelldurchlauf durchgehen. „Das fängt damit an, dass die Jugendlichen sich grundsätzliche Dinge fragen, wie: Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich?“, so Arntjen. 

Dann wird ihr Selbstbewusstsein gestärkt, an ihrem Sozialverhalten gearbeitet, mit ihnen über Rechte und Pflichten gesprochen, geübt, Bewerbungen zu schreiben und noch vieles, vieles mehr. Bei keinem der Jugendlichen könne man auf einen vorgefertigten Masterplan zurückgreifen, sondern müsse bei jedem wieder neu beginnen und ein individuelles Konzept erstellen. 

Viele halten Kontakt zum Verein 

Das eine Jahr, dass die Richter den Jugendlichen „verordnen“, reicht da kaum aus. Doch das die jungen Leute dankbar für diese Hilfe sind, zeige sich darin, dass viele von ihnen auch danach noch den Kontakt zum Verein halten.

Ein weiterer Punkt, der die Arbeit erschwert, sind die psychischen Erkankungen, die Arntjens Einschätzung nach zunehmen. „Bei manchen Jugendlichen sind die nie zuvor diagnostiziert worden und keiner hat sich gefragt, warum sie immer wieder auffällig wurden. Wenn wir merken, dass da etwas nicht stimmt, stellen wir Kontakt zu Fachärzten oder Kliniken her.“ 

Steht dann fest, unter welcher Erkankung sie leiden, muss die Arbeit darauf abgestimmt werden, denn „natürlich kann ich von jemandem mit einer paranoiden Schizophrenie nicht dasselbe verlangen, wie von einem gesunden Jugendlichen. Mange Dinge kann er einfach nicht leisten.“

Was die Arbeit des Vereins jedoch erleichtert, sei die tolle Vernetzung im Landkreis Diepholz. „Die ist nicht selbstverständlich“, betont Huick. „Wir wissen, wie gut wir es hier haben.“

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