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Jobcenter-Chef im Interview: Demografische Entwicklung nicht aufzuhalten

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Von: Anke Seidel

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Das Jobcenter Diepholz kann in den letzten Jahren eine positive Entwicklung vorweisen. Nun bereitet es sich auf die Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge vor.

Seit nunmehr fünf Jahren ist Harald Glüsing Geschäftsführer des Jobcenters im Landkreis Diepholz – eine Zeit, die von sinkenden Klientenzahlen geprägt war. Der Beginn seiner zweiten, ebenfalls fünfjährigen Amtszeit ist mit einer Trendwende verbunden – weil in sechs Tagen eine neue gesetzliche Regelung greift, die dem Jobcenter spürbar mehr Kunden beschert.

Harald Glüsing Geschäftsführer des Jobcenters im Landkreis Diepholz.
Harald Glüsing Geschäftsführer des Jobcenters im Landkreis Diepholz. © Anke Seidel

Über die Entwicklung und große Herausforderungen spricht Harald Glüsing im Interview. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Herr Glüsing, im vergangenen Jahr lag die Zahl der Bedarfsgemeinschaften, die auf Unterstützung des Jobcenters angewiesen sind, auf einem historischen Tiefstand: 4975 – so wenig wie seit der Gründung des Jobcenters nicht. Ist das bald Geschichte, geht der Trend steil nach oben?

Die Zahl hat sich noch weiter reduziert, auf etwa 4 800 Bedarfsgemeinschaften. Das ist die aktuellste Zahl, die wir haben. Sie stammt vom Januar. Sie hat sich in den fünf Jahren, in denen ich Geschäftsführer des Jobcenters bin, kontinuierlich von damals 6 150 auf diese jetzt 4 800 Bedarfsgemeinschaften abgebaut. Diese Entwicklung wird tatsächlich zu Ende sein: Dadurch, dass wir zum 1. Juni die ukrainischen Geflüchteten bei uns im Jobcenter in den Leistungsbezug aufnehmen werden – so, wie es der Gesetzgeber beschlossen hat. Das wird bei uns zu einem erheblichen Zuwachs an Kunden führen.

Mit wie viel neuen Klienten rechnen Sie?

Das ist einerseits ein bisschen wie ein Blick in die Glaskugel. Andererseits müssen wir möglicherweise davon ausgehen, dass wir ziemlich genau die Anzahl an Menschen, die wir in den vergangenen Jahren aus dem Leistungsbezug geholt haben, wieder in der gleichen Zahl in den Leistungsbezug bekommen. Kurz gesagt: Es kann passieren, dass wir in den nächsten Wochen so viele neue Kunden bekommen, wie wir in den letzten fünf Jahren abgebaut haben. Ob sich das in dieser Größenordnung realisiert, bleibt aber abzuwarten.

Wie viele Menschen waren es denn vor fünf Jahren?

Vor fünf Jahren hatten wir 13 200 Menschen im Leistungsbezug. Aktuell – Stand Januar – sind es 10 600.

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen war im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Wird diese Kurve in Zeiten der Rezession noch steiler nach oben gehen?

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist in den letzten Jahren gestiegen, was unseren Rechtskreis angeht. Ob es jedoch bei den Langzeitarbeitslosen Zuwächse geben wird, das kann man im Moment noch nicht sagen. Es kommen zurzeit eine Menge neue Kunden, aber ob sie zu Langzeitarbeitslosen werden, kann man nicht voraussehen. Es gibt das allgemeine Risiko am Arbeitsmarkt durch die Kriegssituation in der Ukraine, die daraus resultierenden wirtschaftlichen Auswirkungen und ihre Folgen für den Arbeitsmarkt. Das kann zu vermehrter Arbeitslosigkeit und auch zu vermehrter Langzeitarbeitslosigkeit führen.

Der Mangel an Fachkräften und Auszubildenden ist enorm. Gibt es Aussicht auf Besserung?

Man muss sich hier einfach nur die demografische Entwicklung anschauen. Dann ist klar, dass man an dieser Stelle keine Trendumkehr erwarten kann. Wir unternehmen große Anstrengungen, jedenfalls was unsere Kunden angeht, Qualifizierung zu ermöglichen, damit sie sich als Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt etablieren können. Aber die Zahl, die wir da bewegen können, ist im Vergleich zur demografischen Entwicklung – also zum altersbedingten Wegfall von Arbeitskräften – begrenzt. Deshalb möchte ich an dieser Stelle noch mal an alle unsere Kundinnen und Kunden appellieren, sich an ihre persönlichen Ansprechpartner im Jobcenter zu wenden. Wer sich jetzt auf den Weg macht, der ist bereit, entsprechende Arbeitsplätze zu übernehmen, wenn der demografische Wandel voranschreitet. Wer dann sein Patent in der Hand hält, der kann als Fachkraft einsteigen.

Was ist aktuell die größte Herausforderung für das Jobcenter?

Den Übergang der Ukraine-Flüchtlinge in unseren Leistungsbezug zu bewerkstelligen, das ist die aktuelle Herausforderung. Daneben stehen bei uns aber auch – quasi als Dauerthemen – die Digitalisierung und der Fachkräftemangel, von dem wir als Jobcenter auch betroffen sind, auf der Agenda.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wenn ich die Wahl hätte, dann wäre es, dass das Jobcenter aus dem Alarm-Modus auch mal herauskommt. Nach Corona jetzt Ukraine – beides Themen, die uns stark beanspruchen. Es wäre schön, wenn der Krisenmodus auch mal beendet werden könnte.

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