Rahmi Tuncer will Flüchtlingen helfen

Antrag auf Erlösung von der Ungewissheit

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Rahmi Tuncer hilft einem Flüchtling, den Antrag richtig auszufüllen.

Sulingen - Von Julia Kreykenbohm. Laut schallt Rahmi Tuncers Stimme durch den Konferenzraum im GISB (Gewerkschaftliches Informations-, Beratungs- und Servicebüro) in Sulingen. Langsam und deutlich spricht der Integrations- und Migrationsberater auf Kurdisch zu den rund 30 Männern, die im Zimmer versammelt sind.

Sie alle stammen aus dem Irak oder aus Syrien. Manche sitzen, doch viele müssen auch stehen, da nicht genug Stühle vorhanden sind. Sie tragen dicke Jacken und Mützen, denn draußen ist es recht kalt. Die Luft im Raum ist verbraucht.

Jetzt hebt Tuncer das Formular hoch, das die Flüchtlinge in dieser Beratungsstunde gemeinsam mit ihm ausfüllen sollen. Es ist ein Antrag, der ihr Asylverfahren beschleunigen und sie offiziell zu politisch Verfolgten oder Bürgerkriegsflüchtlingen machen kann. Ein Antrag, der sie aus diesem beklemmenden Zustand zwischen Hoffen und Bangen erlöst. So zumindest hoffen sie. „Es ist furchtbar“, sagt ein junger Mann aus Syrien und macht mit dem Zeigefinger eine kreisende Bewegung an seiner Schläfe: „Immer nur denken, denken, denken.“

„Befürchten Sie in Syrien wegen Ihrer Rasse, Religion, Nationalität, politische Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmen sozialen Gruppe Verfolgung?“, lautet die erste Frage auf dem Formular. Sie wird in Arabisch und Kurdisch wiederholt. Auch Tuncer bemüht sich, die Kommunikation möglichst leicht für die Flüchtlinge zu gestalten, doch schnell gibt es ein Problem: Er selbst spricht türkisches Kurdisch – die jungen Iraker hingegen irakisches. „Diese vielen Dialekte sind schlimm“, seufzt die junge Dolmetscherin, die Tuncer zur Seite steht, doch die beiden geben nicht auf. Wieder und wieder erlären sie, was die einzelnen Fragen bedeuten. Ein engagierter junger Mann hört genau zu und übersetzt dann wiederum für seine Landsleute. Irgendwie kommt man zueinander, zur Not mit Händen und Füßen.

Trotz der Verwirrung und der ernsten Angelegenheit wird auch immer mal wieder herzlich gelacht. Besonders, als Tuncer einen Bekannten anruft, damit der etwas auf Arabisch übersetzen kann und regelrecht ins Smartphone brüllen muss, um sich verständlich zu machen, schütteln sich die Anwesenden.

Dabei trägt jeder von ihnen eine schwere Last auf seinen Schultern, die man zwar nicht sieht, sie aber jeden Tag mehr zu Boden drückt. Fragen kreisen im Kopf: „Darf ich bleiben? Wie geht es meiner Familie? Darf ich sie irgendwann nachholen?“ Esam Sabagh aus Syrien telefoniert jeden Tag mit seiner Frau, seinen beiden Töchtern und seinem Sohn, die noch in der Türkei sind. Wann er sie wiedersieht, weiß er nicht. Er versteht auch nicht, warum er sie nicht bei sich haben kann. Wehmütig zeigt er Bilder von seinen Kindern und zwei Tränen rinnen über die Wangen des Agrarwissenschaftlers. Aber er hat auch viele Fotos von den ehrenamtlichen Helfern in der Flüchtlingsunterkunft in Celle, in der er war. Dann leuchten seine Augen und er bezeichnet sie alle als „friends“ (Freunde) und als „amazing“ (unglaublich).

Währenddessen werden im Raum nun eifrig die Formulare ausgefüllt. Es herrscht fast Klassenzimmer-Atmospähre. „Lehrer“ Tuncer geht herum und hilft. Nur eine Gruppe von acht jungen Männern steht hilflos in einer Ecke und wirkt leicht überfordert. Klaus Gröne aus Schwaförden ist ihr Begleiter, der sich nun nach vorne zu Tuncer durchkämpft. „Wir können das hier nicht vernünftig ausfüllen“, sagt er entschieden. „Lieber nehmen wir die Anträge mit nach Hause und machen das in Ruhe, schließlich kann eine falsch angekreuzte Antwort dazu führen, dass sie nicht in das beschleunigte Verfahren aufgenommen werden.“

Nach über einer Stunde ist die Beratung vorbei. Die Flüchtlinge bedanken sich auf Kurdisch, Arabisch und einige auch mit sichtlichem Stolz auf Deutsch und gehen. Der Integrations- und Migrationsberater des Landkreises Diepholz lässt sich erschöpft auf einen Schreibtischstuhl sinken. „Bei der ersten Beratung in Barnstorf waren 47 Leute. Die nächste wird in Syke sein. Alle Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak, von denen es rund 400 im Kreis gibt, werde ich wohl nicht erreichen, aber sie können sich bei mir melden.“

Tuncer möchte, dass das grausame Warten für diese Menschen endlich ein Ende hat, dass sie sich wirklich sicher fühlen können. Seine Beratung ist kostenlos. Er habe zunächst versucht, Anwälte mit ins Boot zu holen, doch die wollten für jeden Antrag 100 Euro von den Flüchtlingen, sagt Tuncer. „Die meisten haben das Geld nicht. Sie sind häufig auch verschuldet, weil sie ihr gesamtes Vermögen den Schleppern gegeben haben.“

Die Anträge gehen nun an die Bundesämter für Migration und Flüchtlinge. „Dann warten wir auf eine Reaktion.“ Tuncer blickt auf das Formular und schüttelt den Kopf. Besonders perfide erscheint ihm die Frage: „Können Sie Dokumente zu Gefahren vorlegen, die Ihnen in Syrien drohen?“ „Die ganze Welt weiß, was dort passiert. Warum sollten diese Menschen auch noch Beweise vorlegen? Ich rate ihnen dann auch, genau das zu schreiben.“

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