Szenenapplaus im Stadttheater Sulingen

Frau Müller bleibt

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„Frau Müller muss weg“: Darin sind sich die Eltern vor dem Elternsprechtag einig. Doch es kommt anders. 

Sulingen - Die Leistungen der Viertklässler haben sich drastisch verschlechtert. Für die Eltern liegt der Grund auf der Hand: Lehrerin Sabine Müller ist ausgebrannt und überfordert. Und ihr fehlt ein pädagogisches Konzept. Der Elternabend in der Dresdener Grundschule wird zum Tribunal, Frau Müller zur Angeklagten. Das Urteil der Eltern: „Die Lehrerin versaut unseren Kindern die Zukunft: Sie muss weg.“

Das Euro-Studio-Ensemble (Konzertdirektion Landgraf) brachte den Stoff von Lutz Hübner am Sonntagabend auf die Bühne des Stadttheaters. Der Kulturverein bescherte dem Sulinger Publikum im nahezu ausverkauften Haus einen unterhaltsamen Abend – obwohl oder weil das Stück alle Klischees bediente. Die ambitionierte Verwaltungsbeamtin Jessica Höfel, der arbeitslose Weltverbesserer Wolf Heider, das aus beruflichen Gründen von Köln nach Dresden gezogene und von Heimweh geplagte Ehepaar Marina und Patrick Jeskow und die alleinerziehende Museumspädagogin Katja Grabowski sind Wortführer der Elternschaft – jeder von ihnen belastet mit familiären Problemen und eigenen „Leichen im Keller“. Einig sind sie sich darin, Eltern eines besonderen Kindes zu sein. Ihr erklärtes Ziel: Sie wollen für ihre „Blagen“ (O-Ton Jessica Höfel) eine Gymnasialempfehlung erreichen, um ihnen den bestmöglichen Start ins Berufsleben zu ermöglichen.

Frau Müller verlässt nach den Anschuldigungen der Eltern aufgebracht den Raum. Diese finden in der von ihr zurückgelassenen Tasche eine Zensurenliste, die sie zu Optimismus veranlasst. Elternsprecherin Jessica formuliert die neue Strategie: „Solche Noten bekommen die Kinder bei keinem anderen Lehrer. Es gibt keinen Grund, sie abzusetzen.“ Als die Pädagogin ihre Tasche holen will, versichern sie ihr: „Liebste Frau Müller, wir vertrauen Ihnen. Wir sind begeistert von Ihrem Engagement.“ Die Pointe: Erst nach dieser opportunistischen Lobhudelei stellt sich heraus, dass Frau Müller eine Zensurenliste des letzten Halbjahres in ihrer Tasche hat.

Überfürsorgliche „Helikopter-Eltern“, gefrustete Mütter und Väter, die eigene verpasste Gelegenheiten oder berufliches Scheitern kompensieren wollen, Pädagogen, die vermeintlich immer Recht und nachmittags frei haben – daraus lässt sich eine feine Geschichte stricken, zu der jeder eine Meinung hat. Autor Hübner treibt die Probleme des heutigen Schulalltags auf die Spitze und hält Schülern, Eltern und Lehrern den Spiegel vor. Das Publikum belohnte den Schlagabtausch der Protagonisten immer wieder mit Szenenapplaus – einerseits für die großartigen schauspielerischen Leistungen, andererseits für die Aufarbeitung eines Stoffs, aus dem Alpträume sind. Das Stück, angesiedelt auf dem schmalen Grat zwischen guter Unterhaltung und bissiger Realsatire, offenbart die Auswüchse der Leistungsgesellschaft. Die Frage nach Sinn oder Unsinn des Schulsystems und dessen Zukunft bleibt. Ein kleines Happyend: Frau Müller auch. 

mks

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