Diskussion über Misshandlungen: „Freistatt – was kommt nach dem Film?“

Von der Geschichte lernen

Waren bei der Diskussionsrunde über den Film „Freistatt“ auf dem Podium: Geschäftsführerin Luise Turowski (v.l.), Regisseur Marc Brummund, Wolfgang Rosenkötter, die ehemalige Oberstudienrätin Elke Brandes, Moderatorin Anja Röhl, Pastor Christian Sundermann, Maler und Bildhauer Eckhardt Kowalske und sein Künstlerkollege Fredi Uhlig.
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Waren bei der Diskussionsrunde über den Film „Freistatt“ auf dem Podium: Geschäftsführerin Luise Turowski (v.l.), Regisseur Marc Brummund, Wolfgang Rosenkötter, die ehemalige Oberstudienrätin Elke Brandes, Moderatorin Anja Röhl, Pastor Christian Sundermann, Maler und Bildhauer Eckhardt Kowalske und sein Künstlerkollege Fredi Uhlig.

Sulingen - Von Martina Kurth-Schumacher. „Freistatt – was kommt nach dem Film?“ Als heutiger Träger der Jugendhilfe-Einrichtung suchte „Bethel im Norden“ am Samstag im Rahmen einer Diskussionsrunde nach Antworten auf die Misshandlung von Kindern und Jugendlichen in Erziehungsheimen der Diakonie in den 1950er- bis 1970er-Jahren.

Im Podium: Wolfgang Rosenkötter, dessen Geschichte im Mittelpunkt des Films steht, und der Maler und Bildhauer Eckhardt Kowalske. Beide sind ehemalige Freistätter Heimkinder. Weitere Gesprächspartner von Moderatorin Anja Röhl waren der Regisseur Marc Brummund, Pastor Christian Sundermann sowie die ehemalige Oberstudienrätin Elke Brandes. Letztere gehörte Anfang der 1970er- Jahre zu den Pionieren, die für eine differenzierte Ausbildung von Sozialarbeitern unter modernen pädagogischen Ansätzen stritten.

„‚Freistatt' ist nur ein Beispiel, gemeint sind alle“, sagte Anja Röhl mit dem Hinweis auf 3000 „Folterheime“ in Westdeutschland und Westberlin. Ausgemusterte Soldaten, Totengräber und im Schnelldurchgang ausgebildete Erzieher hätten das gelebt, was man ihnen beigebracht hat.

Wolfgang Rosenkötter war 1962 und 1963 „Zögling“ im Freistätter Erziehungsheim Moorstatt. Die Zeit habe sein Leben geprägt, sagt er. Die Aufarbeitung seiner eigenen, 40 Jahre verdrängten, Geschichte sei für ihn ein Stück Therapie gewesen. Marc Brummund dankte Bethel im Norden für die Unterstützung bei der Recherche und der filmischen Umsetzung. „Wir haben erst nach und nach begriffen, was hier in jener Zeit passiert ist, und sind sehr betroffen“, räumte Geschäftsführer Christian Sundermann ein.

„Wer im Heim war, hat seine Sozialfähigkeit verloren“, sagte Eckhardt Kowalske. Er organisierte als 14-Jähriger einen Ausbruch aus dem Freistätter Heim und landete dann im Jugendgefängnis Vechta. „Viele von uns fanden sich später im Knast wieder“, sagt er. Er selbst sei voll Hass auf die Institution sowie den Staat gewesen und habe heute noch ein anderes Rechtsempfinden als „Otto-Normalverbraucher“. Dass jetzt ein Dialog in Freistatt möglich sei, erfülle ihn mit Stolz.

„Freistatt wäre nicht möglich gewesen, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse anders gewesen wären“, sagte der ehemalige Anstaltsleiter Pastor Karl Heinz Kämper, der als Zuhörer der Diskussion beiwohnte. Er habe die Sorge, dass ähnliche Strukturen wieder aufleben: „An den jungen Leuten, die sich im Nahen Osten zu Terroristen ausbilden lassen, haben wir viel versäumt. Wie damals an euch.“

„Die Taten erklären zu wollen, bedeutet nicht, sie zu entschuldigen“, entgegnete Anja Röhl. Prävention sei nur möglich, wenn man versuche, die Hintergründe zu verstehen. Sie regte an, Täter- und Opfer-Biografien zu erforschen.

Eine weitere Möglichkeit sei die Aufstellung einer Bronzeskulptur von Eckhardt Kowalske mit den Namen der Opfer, die in Freistatt in den Tod getrieben wurden. „Wenn eine Gedenkstätte, dann auch für die Überlebenden“, hieß der Ruf aus dem Publikum.

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