Arbeitskreis gegen sexuellen Missbrauch sieht Wandel im Umgang mit „Tabu“

Schattenwende löst sich auf

Auszeichnung 2004 in Hannover: Hilke Göritz-Möller, Helga Kieckbusch, Irene Dümer, Liane Lube, Eva Kurth, Detlef Zilinka (Landkreis-Fachdienst Jugend) und Ursula von der Leyen, damals Niedersächsiches Sozialministerin, mit einer ihrer Töchter (v.l.).
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Auszeichnung 2004 in Hannover: Hilke Göritz-Möller, Helga Kieckbusch, Irene Dümer, Liane Lube, Eva Kurth, Detlef Zilinka (Landkreis-Fachdienst Jugend) und Ursula von der Leyen, damals Niedersächsiches Sozialministerin, mit einer ihrer Töchter (v.l.).

Sulingen - Aufgelöst hat sich der Sulinger Arbeitskreis gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, „Schattenwende“. Das gab jetzt Eva Kurth bekannt, die 1989 Mitbegründerin und seitdem in der Gruppe und deren Förderverein aktiv war. Die Entscheidung fiel bereits im vergangenen Jahr, wurde nicht an die große Glocke gehängt, da noch Präventionsveranstaltungen geplant waren.

Das Beratungstelefon, ein erstes, niedrigschwelliges Hilfsangebot für die Opfer von sexuellem Missbrauch, aber auch besorgte Nachbarn, Lehrer oder Familienangehörige, werde kaum noch genutzt. „2015 waren es noch zwei, drei Anrufe, früher zwischen zwölf und 14 Fälle im Jahr“, stellt Eva Kurth fest. Auch die Präventionsangebote – etwa Informationsveranstaltungen und Beratung für Lehrkräfte oder Kindergartenmitarbeiterinnen, Veranstaltungen, die sich an Schülerinnen und Schüler richten – seien heute deutlich weniger nachgefragt. Natürlich gibt Eva Kurth sich nicht der Illusion hin, dass es weniger Missbrauchsfälle gibt: „Viele holen sich über das Internet Hilfe, hinzu kommt, dass es heute an den Schulen Sozialpädagogen gibt, an die sich die Kinder und Jugendlichen wenden können.“

Das sah Ende der 80er Jahre noch vollkommen anders aus: „Es hat lange gedauert, bis man über das Thema in der Öffentlichkeit überhaupt sprechen konnte, es war ein absolutes Tabu. ‚In Sulingen gibt es so etwas nicht‘, hieß es.“ Als dann Missbrauchsfälle an Sulinger Schulen bekannt wurden, „waren wir als Lehrer völlig unvorbereitet“, erinnert sich Eva Kurth, die an der Realschule unterrichtete. „In der Ausbildung kam dieses Thema nicht vor. Ich glaube, das hat sich bis heute nicht geändert.“ Hans-Ulrich Freyer, seinerzeit Rektor der Lindenschule, und die damalige Kreisjugendpflegerin Annegret Bommelmann ergriffen die Initiative, luden zu einem ersten Treffen ein, an dem über 70 Lehrkräfte teilnahmen. Fortbildungen wurden organisiert, um richtig reagieren zu können, wenn es Anzeichen für sexuellen Missbrauch gibt. Der Kreis der Aktiven reduzierte sich schnell auf ein gutes Dutzend. Doch der Anfang war gemacht: „Schattenwende“ entstand als erster Arbeitskreis seiner Art im Landkreis Diepholz, weitere folgten in Twistringen, Stuhr und Weyhe. Zu den Gründungsmitgliedern zählten neben Eva Kurth die Allgemeinmedizinerin Hilke Göritz-Möller, Gisela Falk-Rest und Resi Hausmann. Nach entsprechender Ausbildung wurde das Beratungstelefon eingerichtet, „und wir haben damals ganz, ganz viele Anrufe gehabt“, versichert Eva Kurth. Den Anrufern war es besonders wichtig, anonym zu bleiben – das hat sich im Laufe der Jahre geändert, stellt Eva Kurth fest, die zuletzt mit Helga Kieckbusch, Beate Behling, Liane Lube, Anne Ehmig und Doris Koop den „Telefondienst“ übernahm. „Das persönliche Gespräch wurde stärker gesucht, auch ein Zeichen dafür, dass das Thema mehr und mehr aus dem Tabubereich herauskam.“

Öffentliche Anerkennung für das Wirken von „Schattenwende“ gab es unter anderem 2004 mit einem Preis im Wettbewerb „Aktiv für gesunde Kinder und Familien“ des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit. Finanzielle Unterstützung bekam der Arbeitskreis zunächst durch den Landkreis, dann durch den Förderverein und Spender.

Dass nun die geringe Inanspruchnahme der Angebote von „Schattenwende“ die Aktiven bewog, den Arbeitskreis aufzulösen, sieht Eva Kurth von zwei Seiten: „Mir tut das schon leid, diese Aufgabe ist mir in 26 Jahren ans Herz gewachsen. Aber es ist gut, dass es heute einige Alternativen gibt, sich Hilfe zu holen.“

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