Psychomotorisches Förderangebot für traumatisierte Flüchtlingskinder

„Da kommen Unglück und Verzweiflung zum Ausdruck“

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Kooperation: die Heilpädagoginnen Sylvia Dumke (r.) und Vicky Bryden mit Hussein Moubarak vom Flüchtlingsnetz Stuhr.

Brinkum - Von Andreas Hapke. Viele Flüchtlingskinder kommen nach Deutschland, ohne je eine Kindheit gehabt zu haben. Die Erlebnisse in ihrer Heimat und während der Flucht haben sie traumatisiert. „mut.ich“, die heilpädagogische Praxis unter Leitung von Sylvia Dumke, kümmert sich ehrenamtlich um drei kleine Migranten. „Mut zum Sprechen finden“ heißt das Projekt in Kooperation mit dem Flüchtlingsnetz Stuhr. Es läuft seit Januar dieses Jahres.

Den Kontakt hatte Hussein Moubarak vom Flüchtlingsnetz hergestellt. Er erzählt von einem fünfjährigen Jungen aus Syrien, der im Sommer vergangenen Jahres traumatisiert nach Stuhr gekommen sei. „Er konnte mir nicht in die Augen sehen und hat nicht gesprochen. Dank der Therapie geht das heute. Wenn er mich sieht, grüßt er mich.“ Der Zustand des Jungen bei seiner Ankunft in Deutschland ist für Moubarak kein Wunder: „Seit er zwei Jahre alt war, ist er nur von Versteck zu Versteck gezogen. Er hat nie einen Spielplatz gesehen.“

Das spiegelt sich auch in der Therapie wider: Der Fünfjährige kommt in den Raum und verschwindet sofort unter Decken. Bis zu 20 Minuten geht das laut Dumke so. „Wir lassen das zu“, sagt sie. „Wenn er sich sicher fühlt, darf man öffnen und er strahlt.“

Außer ihm nehmen ein achtjähriges Mädchen aus dem Sudan und dessen jüngerer Bruder (4) an der Therapie teil. Sie kommen ein Mal pro Woche für 60 Minuten in die Praxis. Eine Kindheit mit Spielen in allen Entwicklungsstufen haben diese Sprösslinge nach Auskunft Dumkes nicht gehabt. An ihrem Verhalten könne sie genau ablesen, wann die Kleinen ihr Land verlassen haben.

Anders als Psychologen arbeiten Dumke und ihre Kollegin Vicky Bryden über die Körpersprache und das symbolische Spiel. „Auf diese Weise versuchen wir zu übersetzen, was die Kinder uns sagen wollen. Wir filtern die Sprache heraus.“ Bei Dumke dürfen die Kinder frei agieren – unter der Voraussetzung, dass sie sich selbst und anderen nicht wehtun. In einem geschützten Raum sollen sie ihre Erlebnisse, Gefühle und Konflikte ausdrücken, verarbeiten und so die Sprache wiederfinden.

Das Mädchen aus dem Sudan baut sich im freien Spiel eine Höhle und schließt sich ein. „Sie öffnet die Türe nicht, weil sie ihre innere Tür nicht öffnen kann“, erklärt die Heilpädagogin. „Da kommen viel Verzweiflung und Unglück zum Ausdruck.“ Ohne therapeutische Hilfe seien diese Sprösslinge „von seelischer Behinderung bedroht“. Sie könnten sich zu aggressiven und/oder autoaggressiven Kindern entwickeln.

„Die Versuche, sie im Kindergarten und in der Schule zu integrieren, reichen nicht aus“, sagt Dumke. Sie benötigten ein sozial-emotionales Fundament, ein gutes Selbstbild von sich, ansonsten könnten die Kinder nicht lernen und würden alles abblocken. Das Mädchen aus dem Sudan etwa habe große Probleme in der Schule, auch weil es mit seinem Verhalten bei den anderen Schülern anecke.

Nach einem halben Jahr wollen Moubarak, Dumke und Bryden Bilanz ziehen. Fortschritte in dem Verhalten der Kinder seien bereits zu sehen, sagt Dumke. Doch sie weiß auch jetzt schon, „dass ein halbes Jahr nicht reicht“. Nur allzu gerne würden sie und Moubarak die Arbeit auf eine verlässliche finanzielle Basis stellen, sei es durch Spenden oder durch eine Leistungsvereinbarung mit dem Landkreis.

Dumke: „Ich wünsche mir vom Kreis, dass die Frühförderung für traumatisierte Flüchtlingskinder gefördert wird, und zwar bis in die Grundschule hinein.“ Das Problem: Ohne Anerkennung kein Anspruch auf Frühförderung. Lediglich für den fünfjährigen Syrer liegt die Anerkennung inzwischen vor, der Antrag beim Landkreis ist gestellt.

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