„Am Dreieck“ in Varrel helfen sich die Anwohner seit Generationen

Wo die nachbarschaftliche Welt noch in Ordnung ist

Gretchen Luley, Gisela Dreyer, Horst-Dieter Hoyer und Lina Wessels (v.l.) stöbern in alten Fotos. - Foto: ak

Varrel - Von Angelika Kratz. „Dat du mien Leevsten büst“ könnten sich die Nachbarn der Straße „Am Dreieck“ in Varrel auf ihre Fahne schreiben. Die enge Verbundenheit besteht seit Generationen zwischen den Familien Hoyer, Mahlstedt, Dreyer und allen anderen umzu. Gerade wurde auf dem Hof Mahlstedt ganz nach guter alter Sitte die Hochzeit von Bianca Siekkötter und André Mahlstedt gefeiert. Wie es sich seit Urzeiten gehört, war die gesamte Nachbarschaft eingeladen. Die hatte sich das aufwendige Kranzbinden und das Ausschmücken des Hofeingangs nicht nehmen lassen, und zudem das Fest mit Musik und Gesang eröffnet.

„Wir haben Ideen, wir machen das, und wir helfen uns“, sagt Horst-Dieter Hoyer. Der Fleischermeister im Ruhestand hat zwar seinen Laden an der Grünen Straße nebenan aus Altersgründen geschlossen, aber er und Ehefrau Sigrid sind noch immer die treibenden Kräfte in einer funktionierenden und mit Begeisterung Plattdeutsch sprechenden Nachbarschaft.

Davon erzählten jetzt bei Butterkuchen, Kaffee und Tee in der Gartenlaube bei Hoyers Gisela Dreyer (84), Lina Wessels (91) und Gretchen Luley (90). Horst-Dieter Hoyer hatte zur Freude der drei alten Damen Bilder aus der nachbarschaftlichen Schatzkiste mitgebracht. Es dauerte nicht lange bis Gisela, Lina und Gretchen so richtig in Form kamen und so manche Anekdote auspackten.

Dann wird der Schnaps eben selbst gemacht

Ins Schwärmen kam das Damentrio bei der Erinnerung an die einstigen Holschenbälle mit selbst gebrannten Schnaps auf der Diele. „Köpen ging nich“ in den bitteren Zeiten nach dem Krieg. So wurde der Eierlikör selbst gemacht, und jeder organisierte irgendetwas zur Feier. Der Quetschkasten gehörte mit deftiger Musik selbstverständlich dazu. „Sind wir nicht von Varrel her“, wurde nicht nur auf dem Varreler Markt gesungen. Oft hatten die Männer bei den Festen „gewaltig einen im Tee“, und so fingen sie auch schon mal eine Rauferei an.

Als die Männer im Krieg waren, hielten die Frauen „Am Dreieck“ ganz besonders zusammen. Ihnen oblag die gesamte Arbeit auf den Höfen. An die Handarbeitsabende kann sich Gretchen Dreyer noch genau erinnern. Der ganze Dorftratsch machte dann seine Runde.

Horst-Dieter Hoyer gehört mit seinen 74 Jahren zu den Jüngsten, weiß aber noch genau um die gelegentlichen Hilferufe beim Kuhkalben. Wie viele der menschlichen Babys wollen auch Kälber gerne in der Nacht das Licht der Welt erblicken. „Dann klopfte es an unserem Schlafzimmerfenster, ich hab mir was angezogen und bin rüber“, so Hoyer. Nach der erfolgreichen Aktion tranken die Geburtshelfer einen Schnaps zusammen und es ging wieder in die Federn.

Nachbarn sind immer dabei

Auch heute schaut jeder noch nach den alten Nachbarn, und bei einer Erkrankung wie Demenz wird nicht einfach weggeguckt. „Wenn jemand nachts ins Krankenhaus kommt, fahren wir Nachbarn mit und begleiten die Angehörigen“, fällt Hoyer noch eine weitere Hilfsleistung ein.

Viele Geschichten gab es in der fröhlichen Nachmittagsrunde. Da durfte auch Kochfrau „Tante Bosse“ nicht fehlen, deren Hühnersuppe das Maß aller Dinge war. Bei den Hochzeiten sorgten die Nachbarn nicht nur für die Speisen, sondern fein gemacht mit weißen Schürzen auch für die Bedienung der Gäste. Zum Abschluss gab es stets den „Schmerigen-Tanz“, der das Küchenpersonal aufs Parkett forderte. Anschließend ging der Hut rum, in dem alle ihren Obolus für die Begleichung der nachbarschaftlichen Feier hineinlegten.

„Und dann waren da noch die vielen Flüchtlinge, mit denen gab es nie Probleme“, erzählen sie. Warum so manches heute nicht mehr klappt, konnte die Runde auch nur mit einem Schulterzucken beantworten. Auf jeden Fall ist „Am Dreieck“ die nachbarschaftliche Welt in Ordnung und auch für Neulinge gilt die Devise: „Die kriegen wir alle“.

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