„Das Gehirn altert schneller als der übrige Körper“

Ehemaliger Bremer Bürgermeister Henning Scherf referiert im Stuhrer Rathaus

Henning Scherf referiert zum Thema „Gut leben im Alter – mit und ohne Demenz“. - Foto: Jysch

Stuhr - Von Rainer Jysch. Auf Einladung des Vereins Pro Dem hat der frühere Bremer Bürgermeister Henning Scherf (77) am Mittwoch im Rathaus über alternative Wohnformen für Menschen im Alter gesprochen. Er selbst wohnt seit fast drei Jahrzehnten mit seiner Frau Louise zusammen mit acht weiteren Bewohnern in einem „liebevoll“ altersgerecht hergerichteten Haus in der Bremer Innenstadt. Vor dem eigentlichen Vortrag hatte Scherf alle rund 70 Besucher persönlich per Handschlag begrüßt.

Zweifellos ist Scherf ein ausgewiesener Fachmann in Sachen Wohnen im Alter. Nicht nur durch seine persönlichen, privaten Erlebnisse, sondern auch durch zahlreiche Besuche in anderen Wohngemeinschaften sowie Begegnungen mit alten und zum Teil dementen Menschen verfügt Scherf über einen großen Erfahrungsschatz, den er in verschiedenen Buchveröffentlichungen verarbeitet hat.

„Alle, die im Interesse der Demenzerkrankten unterwegs sind, wissen, dass es eine Hilfe für die Betroffenen sein kann, wenn man mit der Erkrankung nicht alleine gelassen wird“, so Scherf. Auch sollte man Demenzerkrankte nicht unterfordern. „Man muss sie mit ihren verbliebenen Kräften und Urteilsfähigkeiten einbinden, um ihnen das Gefühl zu geben: Ihr seid mittendrin.“ Nach Scherfs Meinung hat unsere Gesellschaft in dieser Hinsicht noch einen weiten Weg vor sich. Ganz anders verhalte sich dies in den skandinavischen Ländern und in den Niederlanden. Dort habe er „ganz wundervolle Beispiele“ gefunden, wie man das Leben von alten und dementen Menschen gestalten kann. „Demenz ist ein Ausdruck unseres Altwerdens“, sagte der Schirmherr der Deutschen Stiftung für Demenzerkrankte. „Das Gehirn altert schneller als der übrige Körper.“

Ein gutes Beispiel habe er erlebt, als sich Alleinlebende zusammengetan haben, um das Mittagessen zu organisieren. Jeder der bestenfalls sieben Leute sei einmal in der Woche an der Reihe, um für alle zu kochen und sich gegenseitig einzuladen. Das habe er auch anderen Gruppen geraten. „Sie werden merken, Sie haben wieder Spaß am Kochen, und in der Gemeinschaft schmeckt es auch besser“, so Scherfs Empfehlung.

Jeder sollte so selbstständig wie möglich leben

In seiner Wohngemeinschaft in Bremen seien auf fünf Etagen je rund 90 Quadratmeter Wohnraum für insgesamt zehn Bewohner geschaffen worden. Auch Platz für Übernachtungsgäste aus den Familien gebe es dort. „Wir haben uns damals reingedacht in unsere Zukunft“, beschrieb Scherf die Überlegungen vor Kauf und Umbau des Hauses, das seit zehn Jahren auch mit einem Fahrstuhl aufwarten kann. Jeder sollte so selbstständig wie möglich leben – mit eigenen Küchen und Nasszellen; aber, wenn das gewollt ist, auch mit den anderen zusammen. „Wir haben schrittweise gelernt, miteinander umzugehen“, berichtete der promovierte Jurist vom Zusammenleben der drei Generationen. Ein geplantes, tägliches gemeinsames Frühstück scheiterte allerdings an den unterschiedlichen Aufstehgewohnheiten.

Zur „Nagelprobe“ für die Gemeinschaft sei die zu spät erkannte Krebserkrankung einer Mitbewohnerin geworden. Über knapp zwei Jahre hinweg habe man sie bis zu ihrem Ableben „rund um die Uhr“ betreut und gepflegt. „Inzwischen hat sich aus der Gemeinschaft ein Kreis von rund 60 Leuten, Verwandte und Freunde, gebildet, die untereinander eng befreundet sind, und uns das Gefühl vermitteln, wir werden nicht immer weniger, sondern im Gegenteil: Wir sind auf diese Weise wieder gewachsen und haben ein Stück mehr Lebensqualität gewonnen, als wenn wir alleine geblieben wären“, fasste Scherf zusammen.

Scherf lobte die Arbeit von Pro Dem und den Einsatz von mehr als 100 Ehrenamtlichen. Gerade im Alter sollte man nach seinen Worten nicht „Beine und Arme baumeln“ lassen, sondern „sich über ein Ehrenamt einmischen“, warb Scherf für eine solche Beschäftigung.

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