Misere der Landwirtschaft ist Thema bei Regionalkonferenz

Aus den „Ernährern“ wurden „die anderen“

Aufstellen für die Presse: Die Organisatoren und Redner der Regionalkonferenz. - Foto: Kreykenbohm

Stuhr - So nahe können Licht und Schatten beieinander liegen. Auf der einen Seite herrschte auf der Regionalkonferenz „Entwicklungsperspektiven der Land- und Ernährungswirtschaft in der Metropolregion Nordwest“ Feierlaune. Denn sowohl die Metropolregion Nordwest als auch die Landwirtschaftskammer Niedersachsen, die Veranstalter der Konferenz, bestehen seit zehn Jahren. Zehn Jahre, in denen viele Projekte von beiden Einrichtungen angeschoben wurden, die die Region gestärkt haben. Doch auch die Tatsache, dass die Landwirte zurzeit schwer zu kämpfen haben, wurde nicht unter den Teppich gekehrt.

Besonders Landrat Cord Bockhop ging in seinem Grußwort sehr eindringlich darauf ein. Er erinnerte an die Rolle der Bauernhöfe in der Vergangenheit. „Jahrhundertelang und auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges kam ihnen eine besonders bedeutsame Rolle zu: den Hunger zu bekämpfen.“ Dieses Bild vom Ernährer des Volkes habe sich fast komplett gewandelt. Die Landwirte würden in großen Teilen der Bevölkerung als „die anderen“ wahrgenommen und müssten sich rechtfertigen für das, was sie tun. „Wenn sie beispielsweise ihren Betrieb um einen Stall vergrößern wollen, werden sofort Fragen laut wie: ,Muss dass denn sein? Wir haben doch schon genug Puten.’“ Bockhop sah vielsagend in die Runde der Gäste, die im Gut Varrel in Stuhr zusammengekommen waren. „Wenn sich ein Tischler hingegen vergrößern will, sagt niemand: ,Wir haben doch schon genug Möbel’.“

Die Landwirte dürften nicht mehr stigmatisiert werden, und die Gesellschaft solle nicht nur Bio fordern, sondern dann auch kaufen. Zudem forderte Bockhop eine finanzielle Unterstützung der Zukunftsbetriebe. „Kontrollen sollten von den Landwirten nicht als Bestrafung, sondern Bestätigung wahrgenommen werden.“

„Der Gewinn ist vom vergangenen Jahr um 72 Prozent gefallen“

Der Milchpreis, den Bockhop als „Katastrophe“ bezeichnete, griff auch der Präsident der Landwirtschaftskammer, Gerhard Schwetje, auf, der von einer Preismisere sprach. „Der Gewinn ist vom vergangenen Jahr um 72 Prozent gefallen“, berichtete Schwetje. Es gebe einen Rückgang der Betriebe um 60 Prozent. Dabei sähe die Entwicklung von Außen sehr positiv aus. „Vor 25 Jahren ernährte ein Bauer 85 Menschen. Heute ernährt er doppelt so viele.“ Niedersachsen sei Agrarland Nummer eins und hätte einen Spitzenplatz auf dem europäischen Markt. „Viele junge, gut ausgebildete Leute zieht es noch in die Landwirtschaft. Darum sollten wir dort investieren“, so Schwetje.

Auch der Präsident bedauerte das Bild der Landwirtschaft in der Öffentlichkeit. „Häufig sind es Neu-Bürger mit ihren eher urbanen Vorstellungen, die keine Sympathie für die Bauern aufbringen können.“ Er habe schon mehrere Demonstrationen gegen geplante Ställe erlebt und nannte die Art, wie diese abliefen, „bedenklich“. „Erst wenn die Leute die Ställe dann besuchen und sehen konnten, wie es dort zugeht, verstummten die Proteste.“ Deswegen Schwetjes Appell an die Landwirte: „Öffnet euch!“

Landwirtschaftskammer will die Landwirte in allen Fragen unterstützen

Auch die Schweine- und Ackerbauern machten eine harte Zeit durch, aber „wir sind Realisten und Optimisten“, so Schwetje. Er hoffe, dass sich die Preise erholen werden. Die Landwirtschaftskammer sei jedenfalls bereit, den Familienbetrieben zu helfen, den Weg in die Zukunft zu gehen – oder im Ernstfall auch, den Ausstieg zu ermöglichen. Man wolle die Landwirte in allen Fragen unterstützen. Alles in allem sehe er die Nordwest-Region in Bezug auf die Landwirtschaft aber als Vorbild, von dem sich viele Ecken in Niedersachsen „eine Scheibe abschneiden“ könnten.

Lobende Worte fand auch die Staatssekretärin für Europa und regionale Landesentwicklung und Vorstandsmitglied der Metropolregion Nordwest, Birgit Honé. Die Metropolregion genieße bundesweite Anerkennung – und das zu Recht. Die zehn Jahre bezeichnete sie als „Erfolgsgeschichte“. Man habe viele Projekte auf den Weg gebracht, die innovativ und beispielhaft für die Region wären und inzwischen ohne Fördermittel auskämen. Eines davon sei das Europäische Fachzentrum für Moor und Klima in Diepholz.

Nach den Grußworten hielten noch Experten Fachvorträge zu verschiedenen Themen.

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