Familie Sivulka zelebriert Rainer Maria Rilke

Deutschstunde schlägt Discobesuch

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Juraj Sivulka, Bernhard Schencke am Klavier sowie Mira und Lara (v.l.) gestalten den Rilke-Abend. 

Stuhr - Von Angelika Kratz. „Hätte ich das geahnt, dann hätte ich eine Karte vorbestellt“, staunte eine Besucherin am Sonnabend nicht schlecht über den nahezu ausverkauften Rathaussaal. Was fast 200 Menschen animierte, sich zur besten Samstagabend-Pantoffelkino-Zeit auf den Weg zu machen, hat einen Namen: Bei Juraj Sivulkas Ausflügen in die deutsche Literatur lauschen stets viele Fans.

Seit 16 Jahren schon nimmt der Deutschlehrer seine Zuhörerschaft mit auf die „Stationen eines Lebens“, wie seine Reihe heißt. Er legt oder verfestigt bei den Gästen vielfach den Grundstein für ihre eigene Liebe zur deutschen Literatur.

Aktuell schlüpfte Sivulka in die Rolle des Rainer Maria Rilke, der eigentlich René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke hieß und am 4. Dezember 1875 in Prag geboren wurde. Der Vater war nach gescheiterter militärischer Karriere Bahnbeamter, und die Mutter entstammte einer wohlhabenden Prager Familie. 

Ihr Traum, ein vornehmes Leben zu führen, ging nicht in Erfüllung, und die Ehe brach früh auseinander. Nach dem Tod der erstgeborenen Tochter wurde der Sohn in den ersten Jahren als Mädchen gekleidet und sollte so über den Verlust der Tochter hinweghelfen. Künstlerisch begabt, musste Rilke dennoch auf Wunsch der Eltern auf eine Militärschule. Immer wieder wurde er krank und brach schließlich die Schule ab. Matura und Studium folgten, aber auch hier hielt Rilke nicht durch.

Den Werdegang des bedeutenden Dichters der Moderne bis zu dessen Tode im Jahr 1926 gestaltete Juraj Sivulka abwechslungsreich und durchaus spannend als szenische Lesung. Wie stets dabei waren seine beiden Töchter Lara (14) und Mira (12), die längst vom Lyrik-Virus des Vaters angesteckt worden sind. Sie übernahmen einzelne Szenen und sorgten mit ihren jugendlichen Stimmen für die richtige Portion an Abwechslung. „Außerdem kann ich dann mal durchatmen“, gestand Papa Juraj, der ein enormes Pensum an Texten und Gedichten rezitierte.

Noch mehr Wirkung durch Musikbegleitung

Seit drei Jahren sitzt auch Bernhard Schencke, der wie Juraj Sivulka Pädagoge an der Lise-Meitner-Schule in Moordeich ist, im literarischen Boot oder vielmehr am Klavier oder streicht den Bogen seines Cellos. Für die Textpassagen sucht er als Musikfachmann die Stücke aus und gibt den Worten durch die Noten noch mehr Wirkungskraft.

Innerlich zerrissen zwischen der künstlerischen Berufung, ständigen Geldsorgen und der Unfähigkeit sich auf Dauer zu binden, litt Rilke oft unter Depressionen. Seiner steten innerlichen Unruhe kam auch Sivulka nach und wechselte ständig die Orte. Auf zwei großen Leinwänden wurden die Gedichttexte eingeblendet. Was für die Zuhörer ein Vorteil war, war für den Rezitator umso mehr eine Herausforderung. „Da merkt jeder den kleinsten Fehler“, aber Vater und Töchter legten eine überzeugende Leistung ab.

„Solch einen Deutschunterricht hätte ich mir damals gewünscht“, seufzte eine Besucherin voller Anerkennung. Viele junge Menschen saßen im Rathaussaal, eine Tatsache, die besonders den Pädagoge Sivulka freute. „Ich bin dankbar, dass sie statt in die Disco zum Poeten gekommen sind.“

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