Projekt läuft seit einem Jahr

Integration: „Beim Modellieren vergessen sie für kurze Zeit die Trauer“

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Mit Plastiken aus Ton drücken die Migrantinnen ihre Befindlichkeit aus.

Brinkum - Von Andreas Hapke. An der Weltkarte erklärt die aus Eritrea stammende Shewit ihre Flucht nach Deutschland. Sudan, Libyen und Italien waren demnach die Stationen ihrer Reise, die rund zwei Monate gedauert hat.

„Very dangerous“, sehr gefährlich sei das gewesen. Gemeinsam mit anderen Migrantinnen nimmt Shewit an dem Projekt „Integration durch Begegnung mit Sprache und Kunst“ teil, das jeden Mittwochvormittag in den Räumen des Frauentreffs „Sie(h)da“ über die Bühne geht und inzwischen seit rund einem Jahr läuft.

Eine vage Vorstellung davon, was die Frauen auf der Flucht erlebt haben, vermitteln die gemeinschaftlich gemalten und zum Teil erschütternden Bilder. Darauf sind Tote zu sehen, die im Wasser treiben, verstümmelte Menschen und überladene Boote. Das von Shewit hat ungefähr 400 Flüchtlinge nach Italien gebracht, schätzt sie.

„Unter uns erzählen die Frauen manchmal, was ihnen zugestoßen ist. Unterwegs und in den Auffanglagern“, berichtet Projektleiterin Anke Nesemann. Allerdings habe es lange gedauert, bis die Teilnehmerinnen aus sich herausgegangen sind. „Das ist eigentlich erst jetzt der Fall“, sagt Nesemann.

Gemeinsam mit der Leiterin der Außenstelle Stuhr der Volkshochschule, Brigitte Witte, hatte die in Bürstel lebende Künstlerin im Sommer vergangenen Jahres die Idee zu diesem Projekt gehabt. Durchschnittlich neun Migrantinnen aus Eritrea, Liberia und Somalia kommen laut Nesemann mittwochs zusammen.

Traumatisierte Frauen drücken sich aus

„Das wechselt je nach Lust und Laune. Manchmal muss ich wieder von vorne anfangen“, beklagt sie. Immer wieder betone sie gegenüber den Frauen, wie wichtig Kontinuität und Pünktlichkeit seien. Bei vielen Teilnehmerinnen sei das inzwischen auch angekommen.

Als übergeordnetes Ziel bezeichnet die Bildhauerin das Erlernen der deutschen Sprache in Verbindung mit künstlerischem Arbeiten. Doch es geht um mehr: In der Runde mit Gleichgesinnten könnten die traumatisierten Frauen ihren eigenen Ausdruck finden. „Hemmschwellen und Ängste werden abgebaut, und die Teilnehmerinnen können sich der neuen Situation in einem friedlichen und freundlichen Raum über die Kunst und die Sprache öffnen“, erklärt Nesemann.

Freude und Frust in Deutschland sowie die mitunter schrecklichen Erlebnisse der Flucht spiegeln sich in den Arbeiten wider. Zuletzt haben sich die Migrantinnen mit Plastiken aus Ton beschäftigt. Sie sollten sich selbst darstellen, um ihre Befindlichkeit auszudrücken. Shewit etwa sieht sich mit nach vorne gebeugtem Kopf, während die aus Liberia stammende Linda eine Figur mit breiten Schultern geformt hat.

Neues Selbstbewusstsein entwickeln

„Sie ist wesentlich selbstbewusster, eine starke, kämpferische Frau“, sagt Nesemann. Eigenschaften, die ihr auf der Flucht geholfen haben dürften. Linda war über Sierra Leone, Mali, Algerien, Libyen und Italien nach Deutschland gekommen, viele Etappen hat sie zu Fuß bewältigt. Nach eigener Auskunft war sie insgesamt ein Jahr unterwegs.

„Wenn die Frauen modellieren, kommen sie ins Lachen und vergessen für einen Moment ihre Trauer. Generell bleibt die aber im Vordergrund“, sagt Nesemann. Sie möchte den Frauen „Mut machen, das Leben in der Fremde selbstbewusst zu entwickeln und zu steuern“.

Den Bezug zum Alltag stellt die Künstlerin im sprachlichen Teil der Treffen her. Zurzeit geht es um das Thema Verkehr im Allgemeinen und den Flughafen im Speziellen. Einen Beitrag zur Bewältigung des Alltags leistet Nesemann auch, indem sie den mitgebrachten Schriftwechsel der Frauen mit der Gemeinde oder dem Arzt erklärt.

Wer sich die Arbeiten des Kurses ansehen möchte, kann dies im Frauentreff „Sie(h)da“ tun. Dort sind die Bilder und Plastiken dauerhaft ausgestellt. Eine kleinere Präsentation ist ab Freitag, 25. November, für zwei Wochen in der Bibliothek an der Jupiterstraße in Brinkum zu sehen. Anlass ist der Aktionstag „Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen“. Die Vernissage beginnt um 18 Uhr.

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