Künftig Erzeugerpreise auf jede Packung drucken?

Milchbauernkrise: „Wir sind am Ende!“

Auf der Suche nach einer Lösung: (v.l.) Johanna Böse-Hartje (BDM), Landwirtschaftsminister Christian Meyer, Moderatorin Elke Öhlmann, Landvolk-Chef Theo Runge und Wolfgang Johanning (BDM).

Rehden - Von Anke Seidel. Ratlosigkeit und Ohnmacht überschatten den lauen Sommerabend in Rehden. Die Krise der Milchbauern bewegt knapp 80 Gäste, vor allem Landwirte. Der Druck ist groß: „Wir können nicht mehr. Wir sind am Ende!“, so ein verbitterter Zwischenruf aus dem Publikum. Ein Patentrezept für die Lösung hat niemand – weder Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) noch Landvolk-Vorsitzender Theo Runge. Aber in einem Punkt sind sich alle mit der Milchbäuerin Johanna Böse-Hartje einig: Die Milchmenge muss runter. Europaweit.

Es sind die Grünen, die an diesem Dienstag zur Molkerei Siebenhäuser eingeladen haben – an einen Ort, an dem Milchbauer Wolfgang Johanning mutig in die Direktvermarktung investiert hat. Er kämpft als Kreisteamleiter des BDM (Bund Deutscher Milcherzeuger) für faire Milchpreise. Als Moderatorin hinterfragt Barnstorfs Bürgermeisterin Elke Öhlmann Chancen ganz praktisch: „Was kann ich als Verbraucherin tun?“ Wäre ein Button oder Aufkleber auf der Milchpackung, dass ein bestimmter Centbetrag direkt an die Erzeuger fließt, eine Hilfe?

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer inspiriert diese Idee zu einem ganz konkreten Vorschlag: „Den Erzeugerpreis draufzuschreiben, das finde ich gut“, sagt Meyer. „Auch bei Brötchen. Da wäre mancher Verbraucher wohl sehr erstaunt, dass der Landwirt für sein Getreide darin nur drei Cent bekommt.“ Auch Theo Runge begrüßt diese Verbraucher-Information und nimmt den Landwirtschaftsminister sofort beim Wort: „Am besten über ministerialen Erlass!“

Auch wenn dadurch die ganze Misere der Milchbauern offenkundig würde – lösen würde es sie nicht: „Das Problem lässt sich nicht über den Verbraucher regeln“, stellt Johanna Böse-Hartje als Landesvertreterin des BDM klar. Aber wichtig wäre es schon, dass Verbraucher regionale Erzeugnisse kaufen – wie bei Wolfgang Johanning – oder in Supermärkten zu Produkten der Asendorfer oder der Ammerländer Molkerei greifen. Denn das würde die regionalen Strukturen stärken und den Milchbauern vor Ort helfen.

Rustikales Ambiente und schweißtreibende Debatte: Rund 80 Landwirte, Politiker und Interessierte verfolgen aufmerksam die Beiträge der Podiumsgäste. - Fotos: Seidel

Doch die engagierte Milchbäuerin erklärt an diesem Abend nicht nur einmal: Gelöst werden kann die Krise nur europaweit, weil zuviel Milch auf dem Markt ist. Das sieht der Landwirtschaftsminister genauso: „Es kann nur eine europaweite Lösung geben.“ Und sie muss schnell her: Die niedersächsischen Milchbauern müssten zurzeit Einkommensverluste von von 50 bis 60 Prozent hinnehmen, sagt Meyer. Und die jetzt versprochene Sonderzahlung in Höhe von 800 Euro pro Betrieb und Jahr? „Das ist ungefähr die Summe, die ein Milchbauer jede Woche verliert“, stellt der Landwirtschaftsminister klar – und gesteht: „Ich bin auch ein stückweit ratlos...“

Johanna Böse-Hartje bewewertet die Sonderzahlung als „beschämend!“ und ist sicher: Das Bundeslandwirtschaftsministerium wolle die Familienbetriebe nicht mehr: „Sie sollen weg!“ Gäbe es nicht schnell eine Lösung, dann werde sich der ländliche Raum dramatisch verändern. Dann gebe es irgendwann nur noch Betriebe mit 300 Kühen oder mehr, finanziert von fremden Investoren. „Der Bauer ist dann nur noch Lohnmelker.“

Deshalb gibt es für den BDM keine Alternative zu einem europaweiten, gesetzlichen Mengen-Regulierungsinstrument. Der BDM fordert, genau das über die so genannte Monitoring-Stelle in Brüssel zu schaffen – in der Hand der Landwirte und ohne überbordende Bürokratie: „Wir wollen am Markt agieren!“ Landwirte, die bewusst weniger Milch anliefern, sollen dann eine Aussgleichszahlung erhalten.

Die Landvolk-Verbände Friesland und Wesermarsch hätten ihre Mitglieder zu dieser Lösung schon befragt, stellen Johanna Böse-Hartje und Christian Meyer gemeinsam fest. Das Landvolk Wesermarsch stehe bereits hinter der Reduzierungsregelung, erklärt Johanna Böse-Hartje – und fordert von Theo Runge eine solche Befragung für das Landvolk Diepholz. Auch für den Landwirtschaftsminister gibt es zu einer europaweiten Reduzierungsregelung keine Alternative: „Sonst wird es in einigen Jahren nur noch die Hälfte der Betriebe geben – aber die Kuhzahl wird bleiben“, befürchtet Meyer gnadenlosen Wettbewerb.

Aus dem Publikum kommt am Ende die Frage, warum die Milchbauern nicht längst deutlich sichtbar gegen das Dilemma protestieren, sondern es geduldig ertragen. „Wir sind hier ja nicht in Frankreich“, antwortet Landvolk-Vorsitzender Theo Runge, „sonst hätten wir schon den einen oder anderen Supermarkt abgefackelt“.

Zwei schwere Schicksalsschläge 

Die Betroffenheit der 80 Teilnehmer an der Podiumsdiskussion in Rehden ist groß, als Wolfgang Johanning als Kreisteamleiter des BDM (Bund Deutscher Milcherzeuger) einen plötzlichen Wechsel im Podium erklärt: Weil er selbst in seiner Molkerei Siebenhäuser Gastgeber ist, sollte sein Stellvertreter Dieter Rempe auf dem Podium sitzen. Doch der Landwirt aus Wagenfeld hat an diesem Tag gleich zwei schwere Schicksalsschläge erlitten. Wolfgang Johanning erinnert an den Großbrand, der den Kuhstall von Rempe zerstört hat. Nur wenig später der zweite Schicksalsschlag: Rempe wird bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt und in eine Klinik gebracht. Er hatte bei einem Auswärts-Termin telefonisch vom Feuer erfahren und war unterwegs nach Hause, als sich der Unfall ereignete. Sein Wagen kollidierte auf der B 239 mit einem Bus, dessen Fahrer aus einer Nebenstraße kam und die Bundesstraße überqueren wollte.

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