Weyher leitet Alibi-Agentur

Organisierte Unwahrheit als Dienstleistung

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Kundengespräch: Patrick Ulmer (l.) weiß, wie er es drehen muss, dass der Redakteur heute zu Hause bleiben kann und ohne dass der Chefredakteur Wind davon kriegt.

Weyhe - Von Philipp Köster . Sein aktueller Fall führt ihn nach Wien: Patrick Ulmer muss dort für einen Kunden eine Wohnung suchen, „damit der sich zurückziehen kann“. Vermutlich für einen Seitensprung.

Der Kunde hat schließlich Folgeaufträge in Aussicht gestellt. Und das Fremdgehen steckt hinter 60 bis 70 Prozent der Aufträge für Ulmer. Der Weyher betreibt eine sogenannte Alibi-Agentur.

„Ich gebe meinen Kunden ein Alibi, privat oder geschäftlich“, umschreibt er ganz simpel seine umfassende Angebotspalette. Das kann wie im beschriebenen Fall die diskrete Organisation einer Wohnung für amouröses Stelldichein sein. Oder eine erfundene Partnerin für einen Homosexuellen, der sich nicht outen möchte. Oder einfach nur eine SMS, um einen Manager aus einer langweiligen Besprechung loszueisen.

Der organisierten Unwahrheit sind im Grunde keine Grenzen gesetzt. „Außer es handelt sich um strafrechtliche Dinge, das machen wir natürlich nicht“, sagt Ulmer. Es bliebt aber immer noch ein breites Flunker-Spektrum . „Das kann mir keiner erzählen, dass er ohne Lügen auskommt“, sagt der 28-Jährige. Skrupel hat er keine. „Ich sehe das als Dienstleistung und hinterfrage es nicht. Man muss kühl sein und es sich nicht zu Herzen nehmen, auch wenn dabei vielleicht eine Familie kaputtgeht“. Ohne Gewissensbisse trägt Ulmer bei seinem Autoservice zum Beispiel dafür Sorge, dass das Fahrzeug auch die für die angebliche Dienstreise notwendigen Kilometer auf die Uhr bekommt, während sich der Kunde in Wahrheit zum Schäferstündchen in der Nachbarschaft trifft.

Der gelernte Konditor backt Auftraggebern aber auch eine Anstellung, obwohl sie erwerbslos sind. „Sie trauen sich oft nicht, von ihrer Arbeitslosigkeit zu erzählen, weil sie als Versager dastehen oder sie wollen die Familie schützen.“ In solchen Fällen besorgt Patrick Ulmer ein Firmenhandy, Visitenkarten und einen Schauspieler, der sich zum Beispiel als Chef ausgibt.

Mehr als 60 Mitarbeiter helfen dem 28-Jährigen, dass das Alibi nicht hochgeht. Das tun sie vor allem in Süddeutschland und Österreich. Dort leben 90 Prozent von Ulmers Kunden. Sind Norddeutsche also ehrlicher? „Kann sein. Die Mentalität der Leute ist hier einfach anders.“

Wo seine Auftraggeber wohnen, ist dem Kirchweyher ohnehin egal. Er freut sich vielmehr über den enormen Aufschwung seines Geschäfts in der jüngeren Vergangenheit. Seine Agentur hat der zweifache Familienvater schon vor fünf Jahren gegründet, aber vor allem dank bundesweiter Berichterstattung „flutscht“ es jetzt. Das liegt aber auch daran, dass das Geschäft mit dem Auftragsflunkern in Deutschland noch eine Marktlücke ist: Es gibt neben der Weyher nur noch eine Agentur in Hude und eine in Leipzig. „Nächste Woche bin ich zum ersten Mal im Frühstücksfernsehen“, sagt Ulmer und reibt sich die Hände. Denn trotz guter Auftragslage – reich ist Ulmer mit seiner Alibi-Agentur noch nicht geworden, obwohl ein „Alles-Inklusive-Alibi“ über eineinhalb Jahre schon mal 6 000 Euro kostet. Los geht es bei neun Euro für eine SMS, ein angebliches Seminar kostet ab 99 Euro.

Sein eigener Kunde ist der Inhaber übrigens nicht. „Ich fahre nächste Woche nach Berlin und Wien. Meine Frau weiß das, und es stimmt ja auch.“

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