Diepholzer Fund gibt weiter Rätsel auf:

Mord oder Ritual? Mumien-Junge mit Pfeil im Kopf

Diepholz - Gegen 20 Uhr kommt Lutz Kettler am Donnerstagabend mit einer Sackkarre durch einen Nebeneingang in die zu dieser Zeit patientenleere Radiologie am Diepholzer Krankenhaus. In einer neutralen Transportkiste liegt die Mumie, die der Zahnarzt Ende Juli auf dem Dachboden des 1970 von seinen Eltern gebauten Hauses in Diepholz gefunden hat. Ihr Geheimnis soll an diesem Abend gelüftet werden.

Radiologe Dieter E. Wistuba und seine Mitarbeiterinnen Felicitas Staebener-Schmidt und Kristin Sievering heben die hygienisch ganz in Folie verpackte Mumie auf den Untersuchungstisch des nagelneuen 16-Zeilen-Computertomographen. Dieser CT zeichnet sich durch eine besonders niedrige Röntgenstrahlenbelastung der Patienten aus. „In diesem Fall ist das nicht so wichtig“, scherzt Dieter Wistuba.

Auch die Echtzeit des Sargs, in dem die Mumie gefunden wurde, überprüften die Experten. Zum Bericht

Überhaupt herrscht eine lockere Stimmung bei der Untersuchung. Alle Beteiligten gehen davon aus, dass die Mumie, deren Fund international durch dutzende von Medienberichten für Aufsehen sorgte, ein Fake ist – eine Puppe. Doch dann erscheinen die ersten Bilder des CT auf dem Monitor. Knochen! Hüfte und Rippen werden sichtbar. Die Spannung steigt.

Aber etwas ist merkwürdig: Die Knochen werden nur unscharf dargestellt. „Sie müssen mit etwas getränkt sein, das Metall enthält“, vermutet der erfahrene Facharzt Dieter Wistuba, der mit Mumien bislang nichts zu tun hatte. Die Knochen des Schädels hingegen erscheinen normal im Bild. Sichtbar wird eine Art Stirnband, das auch Metall-Anteile enthält. Gold vielleicht? Auffällig ist: Die Halswirbelsäule fehlt, der Unterkiefer ist heruntergeklappt.

Und was ist dieser Gegenstand, der da in dem Kopf steckt? Eine Pfeilspitze. War ihr tiefes Eindringen in die linke Augenhöhle die Todesursache? Oder deutet der Gegenstand auf ein Ritual hin? Es wird nicht das einzige Rätsel der Diepholzer Mumie bleiben.

Sicherheitshalber kommt der aufregende Fund vom Kettlerschen Dachboden noch einmal unter das klassische Röntgengerät – stehend und liegend. Die Bilder geben aber auch keinen weiteren Aufschluss.

Bei der Bearbeitung der CT-Aufnahmen fallen Dieter Wistuba Hieroglyphen auf. Die ägyptischen Schriftzeichen sind auf dem im Rücken der Mumie zur Fixierung angebrachten Brett zu sehen. Was sie bedeuten, müssen Fachleute klären.

Lutz-Wolfgang Kettlers inzwischen verstorbener Vater Dr. Wolfgang Kettler brachte die Mumie in den 50er Jahren von einer Ägypten-Reise mit nach Diepholz mit und lagerte das mysteriöse Souvenir ab 1970 in einer dunklen Ecke des Dachbodens.

Hatte Lutz-Wolfgang Kettler mit dem Ergebnis in der Radiologie gerechnet? „Nein“, ist die kurze Antwort des 51-Jährigen. Zu viel habe auf eine Fälschung hingedeutet. Auch der schmale Körperbau. Doch der ist nun erklärbar: Die Knochen des Brustkorbes und der Hüften sind eng zusammengedrückt. Organe sind auf den CT-Aufnahmen nicht zu sehen, auch kein Gehirn.

Die Diepholzer Mumie in einer CT-Aufnahme. Während der Schädel mit einem Stirnband normal abgebildet wird, sind die Knochen des Körpers offenbar mit einer Flüssigkeit getränkt, die Metall enthält oder mit einem Metall-Pulver überzogen.

In der Woche zuvor hatte Lutz Kettler die Mumie in Berlin von einem mit ihm befreundeten Archäologen untersuchen lassen. Doch dort waren keine Kapazitäten zur Durchleuchtung frei. Der Berliner Experte kam aber zu dem Ergebnis, dass das außen bei der Mumie verwendete Material aus dem 20. Jahrhundert stammt. Die miteinander verklebten Bandagen sind zwar aus Naturwolle, aber maschinell gewebt. „Sie abzulösen, ohne Beschädigungen zu verursachen, ist unmöglich“, meint der Archäologe, der namentlich nicht genannt werden möchte. Doch auch das moderne Material – und dass Sarg und Beigaben offenbar Repliken sind – müsse nicht bedeuten, dass die Mumie eine Fälschung ist. Ungewöhnlich stabil ist die Mumie auf jeden Fall.

Als der Berliner Experte zur Materialuntersuchung fuhr, hatte er sie in seinem Transporter nicht gesichert. Auf dem „Großen Stern“ an der Siegessäule in der Hauptstadt wurde er beim Abbiegen geschnitten und musste „halsbrecherisch ausweichen“. Der Sarg hinten in dem Transporter kippte um, die Mumie fiel heraus – und blieb heil.

Bislang war die Mumie vom Dachboden für Lutz-Wolfgang Kettler gefühlt eine Puppe. „Jetzt gehe ich pietätvoller damit um“, sagte der Diepholzer gestern, am Morgen nach der Röntgenuntersuchung. Trotz der klaren Bilder, die die Durchleuchtung lieferte, bleibt der 51-jährige Zahnarzt etwas skeptisch: „Es könnte ja auch sein, dass jemand irgendwelches Material so präpariert hat, dass es im Röntgenbild als Knochen erscheint.“

Die Mumie habe er „gut verstaut“. Nun warte er erst einmal ab, was die nächsten Tage bringen, sagt Kettler. Wenn das öffentliche Interesse etwas abgeklungen ist, will er die Mumie nach jetzigem Stand an ein Institut „in Übersee“ übergeben, das mit ihm nach den ersten Medienberichten in Kontakt getreten war und das sich mit vergleichender Archäologie beschäftigt.

Bis dahin soll die Mumie unversehrt bleiben.

Hintergrund: Leiche oder Artefakt

Ist die Diepholzer Mumie eine Leiche oder ein Artefakt, also eine Sache? Mit der Antwort auf diese Frage taten sich gestern sowohl die Polizeiinspektion Diepholz als auch die zuständige Staatsanwaltschaft in Verden schwer.

Die Polizei ermittelt derzeit nicht in dem Fall. Das erklärte gestern auf Nachfrage Frank Bavendiek, Pressesprecher der Polizeiinspektion Diepholz. Für Baviendiek ist zunächst das Ergebnis der forensischen Untersuchung der Mumie entscheidend: „Für uns ist relevant, ob es sich um eine Straftat handelt. Ansonsten sind wir als Polizei aus dem Fall raus.“

Auch die Staatsanwaltschaft in Verden hält sich mit konkreten Aussagen zu dem Fund zurück. Oberstaatsanwalt Jann Scheerer: „Ich höre zum ersten Mal von so einem Fund.“

Scheerer zufolge werde die Staatsanwaltschaft grundsätzlich erst dann aktiv, wenn die Polizei wegen eines Leichenfundes ermittelt.

„Grundsätzlich ist ein toter Körper, der gefunden wird, eine Leiche“, sagt Scheerer. „Würde aber festgestellt werden, dass der Todeszeitpunkt zum Beispiel 3 000 Jahre zurückliegt, würde der Fall gleich wieder geschlossen werden.“

Die bestätigten Fakten im Überblick

Ende Juli entdeckt der Diepholzer Zahnarzt Lutz-Wolfgang Kettler gemeinsam mit seinem Sohn Alexander eine Mumie in einem ägyptischen Sarg auf dem Dachboden seines Elternhauses.

Kettlers Vater hatte den Sarg in den 50er-Jahren aus Ägypten mitgebracht.

Der Sarg erweist sich als Kopie des 20. Jahrhunderts. Die abgebildeten Hieroglyphen sind modernen Buchpublikationen entlehnt.

Röntgenaufnahmen der Mumie zeigen einige Besonderheiten: Im Schädel des Toten – vermutlich ein Junge – steckt eine Pfeilspitze. Die Knochen müssen mit etwas getränkt sein, das Metall enthält. Um den Kopf ist eine Art Stirnband gewickelt, das auch Metall-Anteile enthält – möglicherweise Gold. Die Halswirbelsäule fehlt, der Unterkiefer ist heruntergeklappt.

Überlick: Offene Fragen

Handelt es sich bei dem Toten um das Opfer eines Gewaltverbrechens?

Wurde die Pfeilspitze rituell in den mumifizierten Schädel gelegt?

Handelt es sich bei dem Fund um eine neuzeitliche Leiche, da doch die Binden in moderner, industrieller Produktion gefertigt worden sind?

Könnte es sich um eine altägyptische Mumie handeln, die erst Jahrhunderte später für den illegalen Handel bandagiert worden ist?

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