Geschätzte 200.000 Eschen sind bereits abgestorben

„Ein herber Verlust für die Lemförder Berginteressenten“

Berginteressent Günther Storck (links) und Revierförster Wolfgang Meyer zeigen an einem Eschenzweig das einsetzende Absterben der Triebe. Etwa 200 000 Eschen sind im Lemförder Wald bereits vom Pilz befallen oder schon abgestorben. - Fotos: Benker

Lemförde - Von Horst Benker. Günther Storck und Wolfgang Meyer schauen schweigend und betrübt in den Stangenwald vor ihnen im Lemförder Berg. Wo noch vor nicht allzu langer Zeit sattes Grün die Szenerie beherrschte, ragen nackte, armdicke Stämme in den Himmel – acht bis zehn Meter hoch – tot.

„Das Absterben dieser jungen Eschen war und ist auf das Eschentriebsterben zurückzuführen und hat sich in den letzten drei Jahren massiv im Lemförder Berg ausgebreitet“, bricht Meyer das Schweigen und erklärt, warum die Bäume abgestorben sind.

Beginnend seit 2012 konnten laut Meyer, Leiter der Revierförsterei Bohmte, im Lemförder Berg vereinzelt absterbende junge Eschenbäume mit einer Höhe von ein bis zwei Metern beobachtet werden.

Ursache: Schlauchpilz ,falsches weißes Stengelbecherchen‘

„Ursache für das Eschentriebsterben ist der Schlauchpilz ,falsches weißes Stengelbecherchen‘ aus Japan, also ein Neomycet, ein Pilz, der anfangs die frischen Triebe der Eschen befällt und zum Absterben bringt“, erläutert der Fachmann. Der Neomycet breite sich über die Markröhren und Markstrahlen der Eschen, die noch keinen angepassten Abwehrmechanismus gegenüber diesem entwickelt hätten, im gesamten Holzkörper des Baumes aus und bringe selbst Altbäume zum Absterben.

„Die Esche liefert sehr gutes und wertvolles Holz für die Möbelindustrie“, weiß Meyer. Im Alter von etwa 120 bis 140 Jahren erreiche sie die „Schlachtreife“. Er und Storck, Vorsteher der Berginteressenten, zeigen auf Bäume in einem Alter von 80, 90 Jahren, die im Kronenbereich ebenfalls schon Totholz aufweisen. „Die müssen wir bereits jetzt fällen, um den Stamm noch einigermaßen vermarkten zu können, ansonsten wird er zu Brennholz“, sagt der Förster.

Storck und Meyer schätzen, dass im Lemförder Berg inzwischen etwa 200.000 Eschen im Alter von ein bis 35 Jahren abgestorben beziehungsweise absterbend sind. „Ein herber Verlust für die Lemförder Berginteressenten“, sagt Storck. „Wollten wir die Eschen sofort durch eine Großpflanzen-Pflanzung ersetzen, müssten wir rund 400 000 Euro investieren“, rechnet er vor.

Gesunde Bäume können sich zu Wehr setzen

Ein Waldeigentümer plane für die Zukunft der Laubwälder bis zu 120 bis 200 Jahre im Voraus. In den nächsten Jahren müssten deshalb Strategien entwickelt werden, die Waldverjüngung in den abgestorbenen Eschenpartien mit Laubholz zu ersetzen. „Dort wo noch Buchen-,Mutterbäume‘ stehen, können wir auf eine Verjüngung durch die herabfallenden Bucheckern hoffen“, erzählt Storck. Dort, wo über den abgestorbenen Eschen keine Altbäume stünden, müssten in den nächsten Jahren Tausende junge Bäume gepflanzt werden. Der Waldeigentümer werde dabei durch öffentliche Förderungen von naturnaher Laubholzpflanzung mit bis zu 70 Prozent unterstützt, 30 Prozent der Kosten müssten die Lemförder Berginteressenten selbst „schultern“, um einen naturnahen Wald der Zukunft aufzubauen.

Gesunde Bäume können sich nach Worten von Meyer sehr wohl gegen eindringende Bakterien, Pilze und Insekten zu Wehr setzen. Deshalb hoffen die beiden Fachmänner, dass die überlebenden Eschen Resistenzen entwickeln und diese über die Samen weitergeben.

Seit Anfang der 90er Jahre begannen, laut Meyer, in Polen Eschen in großer Zahl abzusterben. „Inzwischen grassiert das Eschentriebsterben in 22 Ländern Europas, von Norwegen bis Italien und von Polen bis Frankreich“, verdeutlicht der Förster die Dimensionen. In den letzten drei Jahren trete dieses Baumsterben auch massiv in der Dümmerregion und im Osnabrücker Berg- und Hügelland auf. In Dänemark und in Waldteilen Niedersachsens seien befallene Eschenbestände bis zu 95 Prozent abgestorben. „Das Eschentriebsterben stellt somit das stärkste Absterben einer wichtigen und weit verbreiteten heimischen Laubbaumart in den letzten 100 Jahren dar“, sagt Meyer.

Artenreicher, vielgestaltiger, schöner und wertvoller Wald

Der Lemförder Berg befindet sich seit 1770 im Eigentum der Lemförder Berginteressenten. Der Wald umfasst etwa 75 Hektar und stockt auf nährstoffreichen Kalkböden mit unterschiedlich mächtigen Lößauflagen.

Die Rotbuchenalthölzer in einem Alter von bis zu 181 Jahren prägen nach Storcks Worten hier als natürlich verbreitete Hauptbaumart das Gesamtwaldbild. Auf 50 Prozent der Fläche habe sich Naturverjüngung aus Bergahorn, Gemeiner Esche, Rotbuche, Hainbuche und Feldahorn durch natürliche Aussamung der „Mutterbäume“ eingefunden. „Daraus ergibt sich ein artenreicher, vielgestaltiger, mehrstufiger, schöner und wertvoller Wald, mit dem wir relativ wenig Arbeit haben“, kommt Günther Storck vorübergehend ins Schwärmen.

Auf der Verjüngungsfläche von etwa 40 Hektar hat sich zu einem Anteil von 63 Prozent die Gemeine Esche ausgesamt. Hier hat sich in den vergangenen 35 Jahren unter und zwischen den Altbuchen ein junger strukturreicher Eschenbestand aufgebaut, der im zukünftigen Wald eine wichtige Rolle spielen sollte. Der Pilz könnte dies letztendlich zunichte machen.

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