Ein Gespräch mit Ex-Lehrerin Iris Siewert aus Varrel

Man kann auch fröhlich lernen

Iris Siewert freut sich auf Zeit für Muße und Musik. - Foto: S. Wendt

Varrel - Man kann auch fröhlich lernen. Ein Satz, der Iris Siewert Zeit ihres Berufslebens begleitet hat. Ein Satz, der die Neu-Pensionärin durch den Ruhestand führen wird. 42 ihrer 63 Lebensjahre hat Iris Siewert als Lehrerin an Grundschulen in Celle, Ströhen, Varrel und Kirchdorf gearbeitet. „Eigentlich immer gerne“, sagt die Varrelerin.

Die Einschränkung „eigentlich“ ist den Entwicklungen der letzten Jahre geschuldet. Kurzgefasst, der zunehmenden Bürokratisierung. Ein Gespräch über Schule und Co. Iris Siewert stammt aus Österreich.

Dort habe man sich in der 8. Klasse entscheiden müssen, ob man vielleicht Lehrerin werden wollte. Iris wollte das schon seit der 4. Klasse und wechselte deshalb ab Klasse 8 auf ein „Pädagogisches Realgymnasium“. Dort stand bis zum Abitur (nach zwölf Jahren) auch Pädagogik auf dem Stundenplan. Und: Jeder musste ein Instrument lernen. Nach dem Abitur musste sich Iris Siewert für die Schulform entscheiden, an der sie unterrichten wollte. Es wurde die Grundschule.

Damit folgten vier intensive Semester. Und hier sieht Iris Siewert bereits einen gravierenden Unterschied zum Lehramtsstudium in Deutschland. Die vier Semester waren thematisch angefüllt mit Lehramt spezifischen Fächern – und von Anfang an mit einem Tag in der Woche in der Schule, in der praktischen Arbeit mit Schülern. Iris Siewert erinnert sich an die Arbeit als Studenten-Trio unter Anleitung einer Lehrkraft mit der Klasse – sofortiges Feedback inklusive.

In Deutschland indes würden die Lehramtsstudenten in ihren Fächern mit hochwissenschaftlichen Themen betraut: „Fachspezifisch klasse, aber für den Unterricht an Schule leider ungeeignet.“ Als Beispiel nennt Siewert eine Referendarin mit Studienfach Musik, die eine Facharbeit über gregorianische Gesänge anfertigen muss und Noten aus dem Mittelalter transponieren kann – aber nicht lernt, wie man Grundschulkinder zur Musik bekommt. „Vieles, was an deutschen Universitäten vermittelt wird, brauchen Grundschullehrer nicht, es ist nicht auf die Unterrichtspraxis ausgerichtet“, sagt Iris Siewert.

In ihrer Ausbildung habe sie selbst fast alle für die Grundschule relevanten Fächer auf dem Studienplan gehabt: vermittelt worden sei ihr für jedes einzelne, wie man Schüler in das jeweilige Fach einführen könne. Gerne auch musikalisch (das war der Grund, warum alle Studenten ein Instrument lernen mussten).

Die schlimmste Reform in den 40 Jahren als Lehrerin in Deutschland? „Mengenlehre“. Noch heute auf dem Stundenplan, allerdings eher ab der 4. Klasse und aufwärts, sei das Thema bei der Einführung nicht kinderkompatibel gewesen: „Die Kinder haben die Fachbegriffe im Standardwerk der Autoren Fricke und Besuden gar nicht verstehen können“, moniert Siewert. Schwache Schüler hätten die Zeichen nicht verstanden und Begriffe wie „Teiler“ und „Vielfaches“ gehören nicht zum Kindervokabular.

Stichwort Inklusion? Iris Siewert wirft den Kopf nach hinten, hebt die Arme und sagt „Oh je.“ Jedes Inklusions-Kind sei individuell zu sehen. Generell aber müssten Förderschullehrer und Regelschullehrer ein Team bilden, eng zusammenarbeiten und als kontinuierliche Einheit (an der Schule) für den Schüler wirken. Einen Förderschullehrer heute hier, morgen dort hinzuschicken sei wenig hilfreich. Die gezielte Ausbildung von Förderschullehrern und die hochspezialisierte Arbeit an den Förderschulen hätten dafür gesorgt, den Kindern einen passgenauen Weg in die Gesellschaft zu bieten. Und: Ein einzelner Lehrgang zum Thema für den Regelschullehrer könne ein Fachstudium natürlich nicht ersetzen.

Für Iris Siewert erfüllt sich mit der Pensionierung der Traum von mehr Zeit für die Familie. Musik machen steht auch wieder an. Benefiz-Konzerte, als Duo „Amabile“ zusammen mit Renate Renzelmann, wird es geben. Das Arbeitszimmer wurde um einige Kubikmeter alter Unterlagen zum Unterricht bereits erleichtert.

Die Fröhlichkeit habe Iris Siewert immer mit in den Unterricht genommen – und sie zurück erhalten, auch von schwierigen Schülern. 

sis

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