Polizeisprecher zu konkretem Eintrag: „Da ist absolut nichts dran“

Grusel-Clown-Meldungen bei Facebook schockieren

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Bettina Precht aus Süstedt verleiht auch Clowns-Kostüme. Derzeit sei sie besonders sensibilisiert bei entsprechenden Ausleih-Wünschen.

Diepholz/Nienburg - Von Kurt Henschel. Schrecksekunde am Frühstückstisch: „Schüler (16) tötet Grusel-Clown (24)“ steht da bei Facebook geschrieben. Die Quelle dieser Nachricht ist www.aktuelles24.com. Die Meldung verbreitet sich rasend schnell. Aber ist sie auch wahr? Eine Nachfrage bei der Polizei ergibt: „Da ist absolut nichts dran!“ Unverständnis beim Polizei-Pressesprecher, der einfach nicht glauben kann, warum jemand solche Schock-Nachrichten in Umlauf bringt.

Und damit Ängste schürt. Vor allem Kinder, die solche Meldungen über angebliche oder auch tatsächliche Grusel-Clowns mitbekommen, sind mindestens irritiert. Eigentlich sind Clowns für sie Geschöpfe, die Freude und Spaß verbreiten. Das ist nicht mehr so: Seitdem überall auf der Welt Menschen in Clowns-Kostüme schlüpfen, um andere Menschen zu erschrecken oder auch anzugreifen, haben nicht nur Kinder ein völlig anderes Bild vom Clown verinnerlicht.

Die Falschmeldung, die von aktuelles24.com verbreitet wurde, trägt noch zu dieser Angst bei. Dabei wissen viele Leser nicht, dass es sich bei dieser Plattform um eine Homepage handelt, auf der jeder seine eigenen Nachrichten verfassen kann. Eine Scherz-Seite also. Nur dass manche Scherze einfach nicht witzig sind, wie die Meldung über den toten Clown zeigt. 

Polizisten und inzwischen auch Politiker schütteln die Köpfe ob dieser Entwicklung, die unmittelbar vor Halloween eine noch größere Bedeutung bekommt. Obwohl der Polizei-Pressesprecher mit Bedacht keine offizielle Mitteilung zum Bericht über das angebliche Ereignis an die Medien verschickt, um nicht noch mehr Nachahmer auf den Plan zu rufen, ist diese Zeitung dennoch bemüht, für Aufklärung zu sorgen beziehungsweise zu sensibilisieren.

Kostümverleiherin passt auf

Sehr feinfühlig geworden ist beispielsweise Bettina Precht. Sie betreibt einen etablierten Kostümverleih in Süstedt in der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen. „Ich habe aktuell eine Vorbestellung für ein Clowns-Kostüm“, erklärt sie. Sie kenne den Kunden schon lange und wisse, wofür das bunte Outfit dienen soll. „Die Familie feiert Halloween jedes Jahr zu Hause, da habe ich dann keine Bedenken“, so Precht. Jugendlichen, die sie nicht kennt und die ein solches Kostüm haben wollten, würde sie angesichts der aktuellen Entwicklung kein Kostüm ausleihen. „Ich bin schon sehr sensibilisiert und überlege genau, was ich tue“, sagt die Kostümverleiherin. Das Sortiment ihrer Clowns-Kleidung will sie aber dennoch nicht aus dem Programm nehmen. Sie wolle von Fall zu Fall entscheiden.

Und dennoch: Mag sich noch jemand als Clown in der Öffentlichkeit zeigen? Eine Frau, die das an Halloween geplant hatte, sagt: „Jetzt mache ich das natürlich nicht mehr!“ Eine andere: „Da habe ich richtig Schiss – ich öffne an Halloween keine Tür!“

Situation ist für Profi „ganz fürchterlich“

Für Profi-Clowns sei die derzeitige Situation „ganz fürchterlich“, bestätigt auf Nachfrage Timo Lesniewski aus Nienburg, bekannt als „Monsieur Momo“. Da er bei privaten Auftritten eher dezent geschminkt auftrete, um das Menschliche nicht zu verwischen, spüre er noch keine sonderlich große Belastung. Auch als Klinik-Clown spiele er „immer den Tollpatschigen, damit die Kinder Oberwasser bekommen und sich gut fühlen“, so „Monsieur Momo“ im Gespräch mit dieser Zeitung.

Bei denen, die derzeit als Grusel-Clowns für Schlagzeilen sorgten, handele es sich nach Ansicht des Nienburgers um „Leute mit schwachem Selbstwertgefühl, die irgendwie und ohne über ihr Tun nachzudenken auf sich aufmerksam machen wollen“. Er und seine Clown-Kollegen finden es „schlimm, für das ureigene Clowns-Image werben zu müssen“. Eine Maske trage er übrigens nicht: „Wir wollen uns ja nicht verstecken“, so Timo Lesniewski, der auf die Frage, ob er derzeit an Halloween als Clown auf die Straße gehen würde, mit einem glasklaren „Nein“ antwortete. Er hofft, „dass das ganze Theater nach Halloween wieder aufhört“.

Ein Kommentar von Kurt Henschel zum Thema

Redakteur Kurt Henschel

Vorweg: Ich bin in den sozialen Netzwerken nicht unterwegs. Das soll auch so bleiben, obwohl mein Chef das nicht verstehen mag. Aber mit dem Verständnis ist das so eine Sache. Was andere meiner Mitmenschen vielleicht verstehen oder für selbstverständlich halten, erschließt sich mir nicht. Dazu gehört das Schock-Forum bei Facebook. Ich finde die Beiträge dort zwar nicht selbst, aber ich bekomme sie gezeigt, wenn sie augenscheinlich unseriös, schockierend sind. Das war am Dienstag der Fall bei der Nachricht, ein 16-jähriger Gymnasiast habe einem 24-jährigen Grusel-Clown dessen Machete entrissen und ihn damit getötet. 

Eine Fake-Nachricht, bestätigte auf Nachfrage die Polizei. Ich war einerseits erleichtert, andererseits aber auch ziemlich aufgewühlt: Was treibt Menschen dazu, solche Dinge zu posten? Warum denken die „Autoren“ solcher Nachrichten nicht an die Folgen? Daran, dass sie Ängste schüren? Darauf finde ich keine Antwort, aber sehr wohl Bestätigung meiner Facebook-Abneigung mit allergischen Reaktionen ob der Kreativität der überflüssigen Art und Weise. 

Mag sein, dass es Leute gibt, die derartige Falschmeldungen lustig finden – ich gehöre nicht dazu. Da hört der Spaß einfach auf. Möglich, dass ich zu alt bin für so einen Quatsch, doch damit gebe ich mich nicht zufrieden: Mit Sorge erfüllt mich, wohin gesellschaftliche Werte driften. Niveau hat derartige Kommunikation in sozialen Netzwerken nicht. Leider, so empfinde ich es, zeigt sich das – vielleicht auch wegen des bei Facebook veröffentlichten Unsinns – auch im menschlichen Miteinander. Das leidet meines Erachtens auch unter Defiziten.

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