Werktags am Arbeitsort, am Wochenende bei der Familie 

Forscher untersuchen: Wie ist das Leben an zwei Wohnorten?

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Ein Liebespaar verabschiedet sich am Bahnhof. Viele Menschen wohnen an mehreren Orten.

Diepholz - Von Anke Seidel. Zwei Leben in einem – Alltag für alle, die während der Arbeitswoche am Zweitwohnsitz, in einem Gästezimmer oder einer Ferienwohnung am Arbeitsort leben und nur das Wochenende Zuhause mit der Familie verbringen können. Es ist ein Leben in sogenannter Multi-Lokalität, der Wissenschaftler jetzt im Landkreis Diepholz auf der Spur sind. 

Mittwoch unterzeichneten Landrat Cord Bockhop und Professor Frank Othengrafen von der Leibniz-Universität Hannover in Diepholz den Kooperationsvertrag für das dreijährige Projekt. Es trägt den Titel „TempALand“ und wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 628.000 Euro gefördert. 

Betroffen: Studenten, Paare, Scheidungskinder

Professor Frank Othengrafen (v.l. vorn), Landrat Cord Bockhop und Fachdienstleiter Detlef Tänzer sowie (dahinter v.l.) Annette Seitz, Jürgen Lübbers, Michael Klumpe, Detlev Bloch, Rüdiger Scheibe, Matthias Kreye, Kristiane Gross und Lena Greinke. 

„Wir suchen Sie!“ ist das Plakat überschrieben, mit dem Professor Othengrafen und sein Team Betroffene dazu einladen, in vertraulichen Gesprächen über ihr Leben mit mehreren Wohnsitzen zu berichten. Das gilt für Fachkräfte genauso wie für Studenten – ebenso für Paare, die wegen ihrer unterschiedlichen Karrieren nicht zusammenleben können oder bewusst eine Fernbeziehung führen. Außerdem betroffen: Scheidungskinder, die wechselnd bei Vater oder Mutter leben, und Senioren, die ihren Lebensabend im eigenen Ferienhaus – zum Beispiel am Dümmer – verbringen.

Wie viele solcher Menschen mit mehrfachem Zuhause leben überhaupt im Landkreis Diepholz? Das sei über Statistiken kaum zu ergründen, musste Professor Othengrafen feststellen. Denn viel zu viele Betroffene melden ihren Zweitwohnsitz nicht an. Deshalb setzen die Forscher auf besagte Plakate und wollen Kontakt zu Vereinen knüpfen, um Betroffene zu ermitteln. Eine Internet-Plattform sei in Planung, hieß es gestern während der Pressekonferenz im Niedersachsenhaus.

Forschungsprojekt in Diepholz

Ansprechpartnerinnen für das Projekt sind ebenso Lena Greinke, die ihre Doktorarbeit über das Thema schreiben will, und Linda Lange. Beim Landkreis Diepholz geben Fachdienstleiter Detlef Tänzer und Annette Seitz Auskunft.

Das Forschungsprojekt erstreckt sich zunächst auf die Südkreis-Kommunen Lemförde, Wagenfeld, Rehden und Barnstorf sowie auf die Stadt Diepholz. Doch weil es um Menschen sowohl am Arbeits- als auch am Heimatort geht, können Betroffene auch aus anderen Städten, Gemeinden und Regionen kommen: beispielsweise der Wagenfelder, der an seinem Arbeitsort Hamburg eine Zweitwohnung besitzt – oder genau umgekehrt.

Welche Bedürfnisse haben diese Menschen? Wie verbringen sie ihre Freizeit? Engagieren sie sich ehrenamtlich? Diese Fragen haben Auswirkungen vor Ort – nicht nur auf den Wohnungsmarkt, sondern auch auf die Nutzung des Freizeit-Angebots sowie für Ver- und Entsorger für Energie, Wasser und Abwasser. Ganz zu schweigen von den Folgen für die kommunalen Haushalte, sprich Steuereinnahmen, und den Zusammenhalt in den Dorfgemeinschaften.

Deshalb sind die Forschungsergebnisse kommunales Handwerkszeug, wenn es beispielsweise um die Ausweisung von Wohn- oder Gewerbegebieten geht. Sowohl die Herausforderungen als auch die Potenziale für den Landkreis Diepholz wollen die Forscher untersuchen.

Ihr Ziel: die Entwicklung strategischer Handungsansätze sowie die Vorbereitung und Erprobung konkreter Maßnahmen und Lösungsvorschläge. Und schließlich: das Aufzeigen neuer Optionen und Handlungsmöglichkeiten für Planung und Politik. Dass sie großes Interesse an neuen praktischen Möglichkeiten haben, signalisierten gestern alle Kommunalvertreter am Tisch. Landrat Cord Bockhop erinnerte beispielsweise an die Lage der Feuerwehren, die in manchen Orten tagsüber kaum noch die Einsatzstärke gewährleisten können.

Der Barnstorfer Samtgemeinde-Bürgermeister Jürgen Lübbers erinnerte sich schmunzelnd, selbst multi-lokal gelebt zu haben („ich war sieben Jahre in Sachsen-Anhalt“) und Rüdiger Scheibe vermutete als Bürgermeister des Alten Amtes Lemförde, dass es in seinem Bereich etliche Betroffene gebe. Scheibe blickte auf das Weltunternehmen BASF in Lemförde, sein Bürgermeister-Kollege Matthias Kreye auf ZF in Wagenfeld. Hartmut Bloch, Samtgemeinde-Bürgermeister in Rehden, hat vor Ort den größten Erdgasspeicher Europas, während die Stadt Diepholz Bundeswehr-Standort ist. Michael Klumpe, allgemeiner Vertreter des Diepholzer Bürgermeisters, bewertete das Forschungsprojekt gerade in Zeiten des Fachkräftemangels als enorm wichtig.

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