„Er ist wieder da“ vor 380 Besuchern im Theater

Wenn der „Führer“ Scherenschnitt macht

„Er ist wieder da“ auf der Diepholzer Theaterbühne. - Foto: Brauns-Bömermann

Diepholz - Von Simone Brauns-Bömermann. Die 380 Besucher im Schauspiel „Er ist wieder da“ stellten sich selbst auf die Probe. „Wie werde ich reagieren auf ein Stück Geschichte, das düsterer und dichter nicht sein kann für Deutsche?“ Die Antwort lag im Applaus am Schluss: Der fiel dezent, aber kräftig und voller Scham und mit einer erneuten Frage aus: „Wenn ich jetzt applaudiere, gilt das dem grandiosen Spiel der Schauspieler oder wird er von meinem Nebenan als Solidarität zu den braunen Gedanken empfunden?“.

Alles sehr schwierig, bei einer hervorragenden Inszenierung von Gert Becker, Ausstattung von Elke König und Dramaturgie von Christian Scholze. Und den Protagonisten Adolf Hitler, der im Berlin von 2011 aufwacht und sich ins Leben zurück kämpft mit der gleichen Demagogie, dem gleichen Fatalismus und Strenge, gibt es im Doppelpack. Mit Schauspieler Guido Thurk als Hitler 1 und viel Stimme und Burghard Braun als Hitler 2, der wie ein Zeitraffer des gleichnamigen Buches von Timur Vermes fungiert und die gespielten Szenen durch Weitererzählen der Story brückt.

Autor und Journalist Timur Vermes legte mit seinem Debütroman „Er ist wieder da“ einen Hochstart hin: Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste, 1,7 Millionen mal verkauft und in 41 Sprachen übersetzt. Verfilmt nach seinem Drehbuch und auf der Bühne.

Nun war er auch in Diepholz, seine Romanfigur Hitler, bastelte per Scherenschnitt die Girlande aus Hakenkreuzen auf schierem Beton wie im Führerbunker selbst und eroberte die Herzen und Gedanken seiner „Vermarkter“ der Medienbranche wie im Blitzkrieg. Das Thema Nationalsozialismus und die Gefahren selten so latent und wachsend wie heute. In Zeiten vom Outen: „Wir sind Reichsbürger“ mit eigenem Pass und großer Ignoranz eines über 70 Jahre erkämpften demokratischen Staates, war das Treiben auf der Bühne und die Entwicklung zur Dominanz des aus Versehen wieder erwachten Hitlers beängstigend.

Die große Kunst die Wortdoppeldeutigkeit im Stück: Während Hitler auf die Berliner wie ein echt authentischer Comedian wirkt und gleich unter Vertrag genommen wird bei einem der Boulevard-Sender, fragen die: „Haben Sie denn schon ein Programm? Ja, seit 1925!“. Hitler sucht den Völkischen Beobachter, findet „Bild“ und Spiegel. Seine Email-Adresse wird: NeueReichskanzlei, „Adolf Hitler“ war verboten, die andere war frei.

Das Bühnenbild aus Sichtbeton mit schrägen Rampen in Form von Aufbahrungstisch oder Sarkophag, Öffnungen, die an die von Bunkern erinnern, dienen als Fenster in Geschehen und Geschichte. Die Rampen bringen Dynamik und Statik ins Spiel, die Betonwände bilden Projektionsfläche für Infos aus dem Internet. Brettgeschalt und kühl, monumental wie Speers Architektur. Im Schauspielprogramm steht geschrieben: Zeitgenössisches Stück. Das kommt selten vor, ist aber wohl für die Erläuterung notwendig. Wagner-Klänge bei Szenenwechseln brücken, und Hitler verrät sein rhetorisches Geheimnis: „Ich will die Wahrheit sagen, den Rest erledigt die Wiederholung“. In der Tat dient sogenanntes „Repeated hearing“ dem Lernerfolg. Als neuer Medienstar hat er schnell Erfolg, gibt Interviews und schlägt die Interviewer mit den eigenen Waffen: „Bild zahlte alles“ die Bildunterschrift, wenn die investigative Reporterin die Zeche beim Interview im Adlon erbost zahlt und auf Bild gebannt wird. Als er für den Grimme Preis nominiert wird, meinen seine Förderer: „Das ist nicht nur Comedy-Trash, das ist Premium“.

Dann wird es gruselig für die Zuschauer, denn nun sitzen sie mit im Boot: „1933 wurde kein Volk überrumpelt, sondern es wählte einen Führer. Das was geschah, wurde vom Volk gebilligt“. Und zu guter Letzt, soll er sein drittes Buch schreiben: Das soll Zeugnis ablegen über seine Weltsicht.

Noch gruseliger der Schluss: Wenn die Kollegencrew von Hitler im TV-Sender vor seinem neuen Slogan in Serifen-Schrift: „Es war nicht alles schlecht“ stramm steht. Und auf dem Gesehenen begründete sich der Applaus, der in Potenzen höher ausgefallen wäre für die Qualität von Spiel und Inszenierung, vor dem Hintergrund des Themas, wie er war.

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