Internet-Kriminalität: Zahl der Opfer steigt

Nur ein Klick – „Totenkopf“ fordert Lösegeld

+
Roter Totenkopf auf dem Laptop: „Petya“ verschlüsselt alle Daten – und kann Firmen und Privatpersonen großen Schaden zufügen. Die Polizei-Inspektion in Diepholz will ihnen das Handwerk legen. Das Foto zeigt (v.l. ) Pressesprecher Arno Zumbach, ZKD-Leiter Domenico Corbo und die Projektgruppen-Mitarbeiter Sebastian Schulz, Silke Biederstädt und Sascha Fortmann. 

Diepholz - Von Anke Seidel. „Bewerbung“: Eine scheinbar ganz normale E-Mail, wie sie tagtäglich in Firmen und Betrieben eingeht. Doch wer vertrauensvoll auf den Anhang klickt, sieht am Ende einen roten „Totenkopf“ und muss dafür einen hohen Preis bezahlen: Kriminelle haben über den Erpressungstrojaner (Ransomware) „Petya“ sämtliche Daten auf dem PC verschlüsselt, regelrecht gekapert – und fordern ein hohes Lösegeld. Nur bei Zahlung erhält der Besitzer den Entschlüsselungscode und wieder Zugang zu seinen Daten. Nein, das ist kein Szenario aus einem Cyber-Horrorfilm, sondern weltweit Alltag – auch im Landkreis Diepholz.

Weil die Zahl der Straftaten im Internet kontinuierlich steigt, hat die Polizeiinspektion (PI) Diepholz schon vor einem Jahr die Projektgruppe Cybercrime eingerichtet. Ihre drei Mitglieder zogen gestern gemeinsam mit Domenico Corbo, dem Leiter des Zentralen Kriminaldienstes, und Arno Zumbach als PI-Pressesprecher Bilanz.

„Suchen Nadel im Heuhaufen“

„Wir suchen die Nadel im Heuhaufen“, beschreibt Sebastian Schulz als Leiter der Projektgruppe die schwierige Suche nach den kriminellen Tätern. Denn sie agieren weltweit – und können in der virtuellen Welt blitzschnell ihre Spuren verwischen. Schon seit einem Jahr ist Schulz gemeinsam mit seinen Kollegen Sascha Fortmann und Silke Biederstädt Betrügern und Erpressern im Internet auf der Spur. Die Polizei habe 20 000 Euro in die Sachausstattung und die Räumlichkeiten investiert, erklärt Domenico Corbo.

Gut investiertes Geld, wie die Fallzahlen der Internet-Kriminalität, sprich Cybercrime, beweisen: Meldeten sich vor drei Jahren 263 Geschädigte bei der Polizei im Landkreis Diepholz, so waren es ein Jahr später bereits 272 und im vergangenen Jahr 325. Das ist nur die Spitze des Eisbergs: „Eine Dunkelfeld-Studie hat ergeben, dass nur neun Prozent der Geschädigten Anzeige erstatten“, sagt Corbo. Ein Grund dafür sei, dass sie sich nicht als Geschädigte fühlen.

Täter zu finden, ist extrem schwer

Doch jeder Fall ist für die Polizei wichtig und sollte unbedingt angezeigt werden, betont Corbo. Denn so kann die Polizei lokalisieren, wo die kriminellen Schöpfer von „Petya“ oder andere Betrüger zugeschlagen haben: Eine Hilfe bei ihren Ermittlungen. Doch den Täter tatsächlich zu finden, ist extrem schwer: „Es gibt keinen lokalen Tatort“, sagt Sebastian Schulz. Verfolgen können er und seine Kollegen – alle sind intensiv geschult – nur die loc-Dateien und die IP-Adresse des Rechners.

Aber: „Die Täter arbeiten an ihrer Software wie jedes andere Unternehmen auch“, weiß Schulz. Und: Sie agieren international, haben Server im Ausland. Genau deshalb sei ein internationales Netzwerk so wichtig, hieß es gestern. Denn: „Die Täter sind hochspezialisierte Leute.“

Und sie schlagen nicht nur mit „Petya“ zu, sondern auch mit anderen Trojanern. Genauso spähen sie Daten – sprich Passwörter oder PIN – aus, um die Konten ahnungsloser PC-Nutzer leerzuräumen. Bei etwa der Hälfte aller angezeigten Cybercrime-Fälle handele es sich um das Ausspähen von Daten, hieß es gestern. Computersabotage gegen Lösegeldforderung nach dem „Petya“-Prinzip machen acht Prozent der Fälle aus.

Waffen- und Drogengeschäfte im Darknet

Im Blick hat die Projektgruppe in Diepholz aber genauso eine andere, ebenso dunkle und gefährliche Seite des Internets: Das Darknet. In diesem schwer zugänglichen Internet-Bereich laufen Waffen- oder Drogengeschäfte. Oft spielt das Darknet bei ganz realen Verbrechen eine Rolle. Genau deshalb gehört es auch zu den Aufgaben der Projektgruppen-Mitglieder, ihre Kollegen im Zentralen Kriminaldienst und in anderen Dienststellen bei den Ermittlungen zu unterstützen und beispielsweise zu überprüfen, ob eine E-Mail-Adresse einen kriminellen Hintergrund hat.

Ab 1. Oktober sollen alle Polizeiinspektionen in Niedersachsen eine Cybercrime-Projektgruppe einrichten. Die PI Diepholz, die zur Polizeidirektion Oldenburg gehört, hat also schon ein Jahr Erfahrungs-Vorsprung – und unglaubliche Erfahrungen gemacht: „Ich bin ein armer Student“, hatte ein „Petya“-Opfer den Erpressern per E-Mail geklagt. Sie hatten ein Herz für ihn – und schickten ihm die Zugangsdaten, ohne ihm das hohe Lösegeld abzuknöpfen. Die Forderung liegt in der Regel zwischen 300 und 1 200 Euro, weiß Sascha Fortmann. Gezahlt wird es mit „Bitcoins“,der virtuellen Währung.

Mehr zum Thema:

Späte Tore lassen Werder jubeln

Späte Tore lassen Werder jubeln

Eindrücke vom Oktoberfest: Blauer Himmel und gute Laune

Eindrücke vom Oktoberfest: Blauer Himmel und gute Laune

Illuminierte Nacht in Scheeßel

Illuminierte Nacht in Scheeßel

Welt-Artenschutzkonferenz entscheidet über 500 Tierarten

Welt-Artenschutzkonferenz entscheidet über 500 Tierarten

Meistgelesene Artikel

Von Schwarme bis zum Polizeikommissariat in Leeste eskortiert

Von Schwarme bis zum Polizeikommissariat in Leeste eskortiert

Mordfall in sechs Stunden gelöst

Mordfall in sechs Stunden gelöst

Tödlicher Unfall auf der B51

Tödlicher Unfall auf der B51

Junger Filmemacher aus Twistringen bringt „Nirgendwo“ in die Kinos

Junger Filmemacher aus Twistringen bringt „Nirgendwo“ in die Kinos

Kommentare