Einer von uns

Heimspiel für Horst Evers in Diepholz

„Geschichtenerzähler aus Berlin“: Horst Evers. - Foto: sbb

Diepholz - Von Simone Brauns-Bömermann. Horst Evers ist der klassische Vorleser. Ihm zuzuhören ist der pure Hörgenuss. Diesen kulturellen Luxus direkt aus Berlin gönnten sich mehr als 541 Besucher des Diepholzer Theaters, feilschten mit dem Veranstalter noch um die zwei Sitze für gehandicapte Menschen.

Kurz um: Das Theater der Kreisstadt war restlos ausverkauft beim Besuch des viel gefragten Autors und Kabarettisten. Er trat in Diepholz mit seinem neuen Programm „Der kategorische Imperativ ist keine Stellung beim Sex“ vor solidarischem Publikum an, es schien, als wenn die Samtgemeinde Lemförde mit ihren sieben Mitgliedsgemeinden und Bruchregionen drei Stunden am Donnerstagabend entvölkert war.

Natürlich meldeten sich auch Diepholzer Gäste in der Pause zu Wort, schließlich war der Erfolgsautor, der schon seit seinem Lehramtsstudium in der Bundeshauptstadt lebt, aber aus Evershorst stammt und zur Graf-Friedrich-Schule ging, auch einer von ihnen. „’Haste Deine Hausaufgaben gemacht’, schoss es mir sofort durch den Kopf, als ich das Theater neben der GFS heute betrat“, beginnt er. 

„Hab das Areal wiedererkannt und bin hier ja evangelisch sozialisiert rund um Diepholz aufgewachsen und mit den Lehrern da hatte ich so eine Strategie…“. Er hatte oft keine Ahnung, was die Lehrer von ihm wollten, doch seine Rechnung ging oft so auf: „Ich bin geehrt, dass Sie ausgerechnet meine Meinung zu dem Thema wünschen, wo Sie doch so viel gelehrter sind als ich“. Damit sei er nicht immer durchgekommen, aber zugegeben oft.

Es stimmt, was er über sich selbst sagt: „Ich bin ein Geschichtenerzähler aus Berlin“. Gerd Winter alias Horst Evers wühlt sich durch den ganz normalen Alltagswahnsinn mit seinen schelmischen Anekdoten und Geschichten aus der Provinz und der Metropole. Unweigerlich ist letzteres die Quelle seiner Absurditäten-Schöpfungen. Wie schon sein Name als Verdrehung des Ortes, aus dem er stammt: Er ist der Meister im Beobachten des Alltäglichen, deren Absurditäten.

Warum der neue Titel der Show heißt, wie sie heißt, gehe auf die Denkwelt des Philosophen Emanuel Kant zurück: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ So das grundlegende Prinzip der Ethik und der kategorische Imperativ in seiner Grundform. In seinen zitierten Geschichten spielen Freunde mit, er unterhält und streitet sich aber auch gerne mit sich selbst: „Im Dialog bin ich ein guter Begleitnicker, der eine erzählt, der andere nickt. Und im Übrigen braucht ein gelungener Abend keine zwei Meinungen“. Zwei Meinungen könne er mit sich selbst haben, da kenne er die Tücken und wie bockig und garstig er sein könne.

Sein Humor fängt harmlos an, biegt um zig Ecken und zum Schluss weiß der Zuhörer nicht mehr was ihn hinter der letzten erwartet. Die Geschichte mit den zwei Polizisten in Berlin, die nach seiner Meinung Bauchredner sein müssen und das im Dienst proben, zieht sich durch den gesamten Abend: „Und ich wusste es doch, wenn die schöne Polizistin sprach, bewegte sich sein Bart“. In die Geschichten sind sein fundiertes Geschichts- und Philosophiewissen verpackt. Plötzlich denkt er wie der preußische Feldmarschall von Blücher und muss in Haft zum Korsen nach Elba.

Die Bühnenpräsenz anderer Komödianten des medialen Jetzt hat allerdings auch auf Horst Evers abgefärbt, obwohl er das gar nicht nötig hat. Die Körpersprache erinnert an Marlene Jaschke in ihrem legendären „Auf in den Ring“. Die vielen „Uih, uih, uihs“ und „Oh, oh, ohs“ laut und präsent sind dem Comedy-TV geschuldet, er braucht sie eigentlich nicht. Seine Qualitäten kommen gut ohne diese Ranken und Füllpassagen aus, denn er hat Ernstes, seicht verpackt zu sagen.

Beispielsweise dass Planer endlich ehrlich beim Bauen von Großprojekten wie dem Berliner Flughafen zu sich sein sollten: „O.K. wir haben eigentlich einen Friedhof geplant“. Manchmal mache aber auch die untere Baubehörde einen Strich durch die Rechnung: „Eine schöne Pyramide haben sie da gebaut, super, aber wir genehmigen nur einen Flughafen“. Evers schaut genau hin und nimmt auch die Rückkehr der Wölfe in Brandenburg aufs Korn: „Da habe ich für die angefassten Touristiker ein Gedicht geschrieben für ihre Broschüre für den offenen Umgang mit dem Wolf. „Wölfe fressen Menschen aber nicht, meint der Golfparkbetreiber. Darauf der Wolf: Oh, das wusste ich nicht“.

Mit Evers entwickelten Sportarten können sich auch die Diepholzer anfreunden: Ultimate Surfing, im Wind stehen ohne alles, ohne Segel, ohne Brett, ohne Neopren. Doch auch Diepholz bekommt sein Fett: „Machen wir uns doch nichts vor, auch Diepholz ist jetzt nicht sooo… .hm?“. Wollte er etwa sagen attraktiv? Er hatte jedenfalls „ein zärtliches Gefühl“ wie Herman van Veen. Und um der Hibbeligkeit der Großstadt zu entkommen, macht er Urlaub auf dem Reiterhof. „Ich habe kein Interesse an Pferden, Reitern oder Höfen“, aber dort kann ich an nichts denken.

Dort denkt er sich wohl seine aberwitzigen Ideen aus: Wie die des Gummibaumes, sorry der Schefflera, die in Wirklichkeit eine Spionagepflanze der NSA ist und ihren Job satt hat. Bis kurz vor 23 Uhr ging der Aberwitz mit dem Schüler aus Diepholz und dem Geborenen aus Evershorst.

Mehr zum Thema:

Immer mehr Wohnungslose in Deutschland

Immer mehr Wohnungslose in Deutschland

Van der Bellen neuer Präsident in Österreich

Van der Bellen neuer Präsident in Österreich

Weihnachtsmarkt in Nordwohlde

Weihnachtsmarkt in Nordwohlde

Klaus Allofs' Erfolge

Klaus Allofs' Erfolge

Meistgelesene Artikel

Schwerer Unfall auf Diepholzer Umgehungsstraße - Fahrbahn gesperrt

Schwerer Unfall auf Diepholzer Umgehungsstraße - Fahrbahn gesperrt

Weihnachtliche Kulturtage: Wintersonne sorgt für Hochbetrieb

Weihnachtliche Kulturtage: Wintersonne sorgt für Hochbetrieb

Twistringer GUT zufrieden mit Besuch auf dem Weihnachtsmarkt

Twistringer GUT zufrieden mit Besuch auf dem Weihnachtsmarkt

Kinder-„Dingsda“ zur Eröffnung

Kinder-„Dingsda“ zur Eröffnung

Kommentare