Georg Büchners „Dantons Tod“ im Diepholzer Theater 

Ausmaß an Amoralität bei gesellschaftlichem Umsturz

„Dantons Tod“ im Diepholzer Theater: Die Schauspieler machen aus dem Frontaldrama ein Drama, an dem alle beteiligt sind. Auch das Publikum. - Foto: Brauns-Bömermann

Diepholz - Von Simone Brauns-Bömermann. Es ist starker Tobak, dem sich rund 150 angehende Abiturienten – neben weiteren Zuschauern – im Diepholzer Theater im Drama von Georg Büchner „Dantons Tod“ gegenübersahen.

Der Autor war, als er das Drama schrieb, kaum älter als sie selbst. Liest man den kurzen Lebenslauf Büchners, drängt sich der Schluss auf: Es ist total egal, wie alt man wird, es ist wesentlich, was der Mensch mit seiner Zeit anfängt. Damit ist man bei der zentralen Frage angekommen: Was ist der Mensch? Und damit inmitten der Philosophie im Dialog mit Glaube und Naturwissenschaft.

Wenn die Schüler im Theater im Unterricht gute Lehrer haben, die sie bei der Bearbeitung des komplexen, für das Abitur relevanten Stoffes begleiten, dann erfahren sie neben geschichtlichem Kontext auf Europäischer Ebene humanistisches Gedankengut und dessen mögliche Perversion. Denn macht man sich klar, mit welcher Mammutaufgabe die Abiturienten sich einmal mehr konfrontiert sahen, erschrickt man: Im Kerncurriculum Deutsch heißt es aus dem Kultusministerium: „Das Ende der klassisch romantischen Kunstperiode“. Verbindliche Lektüre: Georg Büchner: Dantons Tod (1835). Danton, ein tragischer Held? Rhetorik der Revolution.

Auf erhöhtem Niveau werden Briefe von Büchner an seine Braut oder Büchners Geschichtsverständnis und Kunstauffassung, die aus dem Brief an seine Eltern 1835 deutlich wird, abgefragt.

Für Büchner war die Frage, aus den Gegenpaaren Not und Ungerechtigkeit, Allmacht und Luxus eine intellektuelle Antwort zu finden. Sein kurzes Leben, das bereits mit 24 Jahren durch Typhus endet, war geprägt von der Idee, wie die zukünftigen Menschen in der neuen Welt von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit leben, da sie in das alte, ungerechte Feudalsystem geboren waren.

Büchners Drama „Dantons Tod“ spiegelt zwar einen kurzen Auszug aus der Fieberkurve der Französischen Revolution, ist aber stellvertretend für die sozialen Zustände Europas ab 1789. Er ist jung, ein radikaler Autor, ein Revolutionär, nicht einmal 20 Jahre alt. Büchner schreibt „Dantons Tod“ in wenigen Wochen, zuvor hatte er 1834 die „Gesellschaft für Menschenrechte“, eine erste frühkommunistische Geheimgesellschaft, gegründet und in der revolutionären Flugschrift „Der Hessische Landbote“ Parolen wie „Friede den Hütten! Krieg den Palästen“ veröffentlicht. Er verlässt das Land.

Georg Büchner setzt sich mit seinem Stück direkt mit dem Ausmaß an Amoralität bei gesellschaftlichem Umsturz auseinander.

Dantons Tod ist extrem aktuell: Es wird und wurde immer gemordet. Um der Demokratie, der Republik oder des Gottesstaates willen. Die Frage bleibt dieselbe: Wie viele Opfer werden in Kauf genommen?

Hier setzt das Stück der Landesbühne Detmold in Diepholz mit drei Farben an: Mit Blau, Weiß, Rot – den Farben der Trikolore, die einiges an Blut aufsaugen musste während der Terrorphasen der Französischen Revolution.

Alles, was aus dem Geschichts-, Deutsch- oder Französisch-Unterricht hängen blieb, zeigt das erste und fast einzige Bühnenbild von Mathias Rümmler. Die Bühne bedeckt von der Decke über den Boden ein Vorhang in den Farben der französischen Trikolore, darauf finden die Schrecken der Revolution von 1794 und Dantons Tod statt, nach einer Stunde Revolution, Wortgefechten und Überlegungen, fällt das besudelte Tuch und die herabgelassene horizontale Queraufhängung symbolisiert die Inhaftierung Dantons und seiner Getreuen.

Ist der erste der durch ein Unrechttribunal vier Verurteilten bereits guillotiniert und läuft blutüberströmt auf der Bühne, kommen die Bühnenbauer und hängen das Tuch wieder auf: Zuvor hat es unzählige Tote begraben, fungierte als Leichentuch und wird als Banner des Sieges stilisiert.

Martin Pfaffs Inszenierung des fatalistischen Revolutionsdramas nutzt zwar Büchners Stoff, verwandelt es aber mit dem Einstieg der Worte von Peter Handke, die die Protagonisten Markus Hottgenroth (Georg Danton), Stephanie Pardula (Julie), Lukas Schrenk (Camille Desmoulins), Robert Oschmann (Philippeau) und Marie Luisa Kerkhoff (Hérault-Séchelles) dem Publikum entgegenwerfen zu einer „Wir“- Veranstaltung. Für Regisseur Pfaff ist seine Inszenierung ein zeitloses Lehrstück, dass die Besucher zwingt, Geschichte und Jetzt zu reflektieren. Oben und unten auf und vor der Bühne soll eins werden, soll sich mit ähnlichen Geschehnissen kritisch auseinandersetzen. Die Schauspieler sind die Akteure, das Publikum Ansprechpartner.

Büchners Dramentexte über Sex und Selbstbefriedigung finden Eingang, wie die Kälte des Weggefährten von Robespierre (Hartmut Jonas), Saint Just (Adrian Thomser), der die Menschen köpft eines höheren Prinzips aus dem Existenzkampf in der Natur folgend abgeleitet. Büchner und Danton scheinen langsam zu verschmelzen in den Monologen: „Ich gewöhne mein Auge ans Blut. Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?“, schreibt Büchner im Brief und sagt Danton auf der Bühne. Überhaupt herrscht nicht nur Sinn und Klang der Worte, sondern die Temperatur der Sprache.

Nur knapp vier Monate nach dem Tod von Danton fraß die Revolution ihr nächstes Kind: Robespierre auf dem Höhepunkt des „La Terreur“.

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