Dietmar Peters hat es geschafft

Zurück im Leben - Wachkoma-Patient kommt auf die Füße

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Heute verlässt Dietmar Peters (Mitte) die „Gut Retzen Therapie- und Pflegeeinrichtung“ in Süstedt. Er zieht in ein Haus für betreutes Wohnen. Gut-Retzen-Chef Christof Richter und Wohnbereichsleiterin Julia Daubert freuen sich für den 44-Jährigen.

Süstedt - Von Mareike Hahn. Dietmar Peters hat es geschafft. Der ehemalige Wachkoma-Patient verlässt nach 15 Jahren die Pflegeeinrichtung „Gut Retzen“ in Süstedt, um weiter an einem selbstständigen Leben zu arbeiten.

Es gab eine Zeit, da wusste Dietmar Peters gar nichts mehr. „Ich hatte keine Ahnung, wer ich bin. Ich hatte keine Ahnung, ob ich ein Mann oder eine Frau bin oder was überhaupt Mann und Frau heißt. Ich wusste nicht mal, was ein Mensch ist.“ Der 44-Jährige hat sich Stück für Stück aus dem Wachkoma zurück ins Leben gekämpft. 

Nach 15 Jahren verlässt er heute die „Gut Retzen Therapie- und Pflegeeinrichtung“ in Süstedt, um in ein Haus für betreutes Wohnen zu ziehen. Im Kreis Stade will Peters weiter unermüdlich an seiner Selbstständigkeit arbeiten – und hofft, irgendwann sogar wieder in seinem Beruf als Elektroinstallateur arbeiten zu können.

Nachdem Dietmar Peters bei einem Autounfall ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten hatte, wurde Norddeutschlands größte Facheinrichtung für Wachkoma-Patienten und andere Schwerstpflegefälle sein Zuhause. Fünf Jahre lang war der Patient auf der Schwerstpflegestation des Guts Retzen untergebracht. „Dann hatte sich sein Zustand so verbessert, dass er auf die normale Pflegestation wechseln konnte“, erzählt Wohnbereichsleiterin Julia Daubert.

Keine Erinnerungen an schwerste Zeit seines Lebens

Peters selbst kann sich an die schwerste Zeit seines Lebens nicht erinnern. Seine Mutter hat ihm erzählt, dass er damals oft aggressiv wurde. „Ich soll Leute an den Haaren gezogen und meine Mutter im Fahrstuhl angegriffen haben“, sagt er. „Wenn ich höre, wie ich gewesen sein soll, kann ich mich nur schämen.“

Dass vor allem junge Schwerstpflegepatienten mit Aggressivität auf ihr Schicksal reagieren, hat Julia Daubert schon mehrfach erlebt. „Gerade wenn sie noch viel mitbekommen, ist es für viele schwer, mit ihrer Situation zurechtzukommen.“ Daubert hat verfolgt, wie sich Dietmar Peters in den vergangenen Jahren stark veränderte: „Heute ist er immer nett und hilfsbereit.“ Peters selbst ist dankbar, „dass ich hier geduldet wurde, dass mir die Windeln gewechselt wurden, dass mir das Heim und meine Mutter so geholfen haben. Sonst wäre nichts mehr gekommen.“

Auf Gut Retzen hat sich der 44-Jährige sehr wohlgefühlt, aber seit er wieder denken kann, war da immer Heimweh. „Ich komme aus dem Alten Land, aus dem Landkreis Stade“, sagt er. „Da kenne ich alles. Alle Straßen, alle Häuser, alle Bäume. Und ich wollte immer dahin zurück.“

Peters musste alles neu erlernen

Was überhaupt Straßen, Häuser, Bäume sind, wusste Peters nach seinem Unfall lange Zeit nicht mehr. „Meine Mutter hat mir alles gezeigt und erklärt, was wie heißt.“ Auf Gut Retzen absolvierte er zahlreiche Therapiestunden. Kaum ein Tag, an dem Peters nicht mit Ergo- und Physiotherapeuten oder Logopäden trainierte. Für Gut-Retzen-Geschäftsführer Christof Richter ist die intensive Therapie ein Schlüssel zum Erfolg. „Dass sich jemand so gut weiterentwickelt wie Dietmar ist selten, aber es kommt vor“, sagt er. „Auch die schlimmsten Fälle sind nicht hoffnungslos.“

Nach und nach lernte Peters beispielsweise, wieder zu sprechen. „Erst habe ich bloß gehört, dass Leute reden. Ich habe mich gefragt, was die wohl machen“, sagt er. Heute kann er seinen Gesprächspartnern wieder folgen. Peters beantwortet – manchmal etwas hastig, aber insgesamt gut verständlich – alle Fragen, und vor allem erzählt er gerne.

Ein Schnacker, dem die Ressourcen der Erde besonders am Herzen liegen. Geduldig ermahnt er die anderen Bewohner wieder und wieder, Strom zu sparen, er kümmert sich um die Heizung und rät Christof Richter, den Wasserverbrauch im Blick zu behalten: „Ihr müsst aufpassen, dass ihr Trinkwasser spart. Das ist euer Geld.“

Nächster Schritt: Betreutes Wohnen

Dietmar Peters wird auf Gut Retzen „ein Loch hinterlassen“, da sind sich Daubert und Richter einig. „Ich versuche, einmal im Jahr zu Besuch zu kommen“, verspricht Peters. Nicht das einzige, was sich der 44-Jährige für die Zukunft vornimmt. Schon jetzt wäscht er sich selbst, packt beim Tischabräumen mit an und überprüft jeden Tag in der Wäscherei, ob seine Kleidung schon gewaschen ist. 

Im betreuten Wohnen will Peters einen weiteren Schritt in Richtung Selbstständigkeit gehen. „Wir teilen uns mit vier Männern eine Küche. Ich werde am Wochenende kochen. Ich möchte nicht nur Essen kriegen, sondern es auch selbst machen.“

Besonders freut er sich, im Alten Land seine Familie und seine Freunde wieder in der Nähe zu haben. Sein Bruder und dessen Kinder leben fußläufig zu der Einrichtung für betreutes Wohnen. „Ich will ein guter Onkel sein. Eine Zeitlang konnten meine Neffen mehr als ich, das war nicht gut. Ich war wie ein Baby.“ Auch Peters‘ Mutter wohnt ganz in der Nähe. „Und ich kann meinen Vater auf dem Friedhof besuchen.“

Dietmar Peters schaffte es vom Bett in den Rollstuhl und wieder auf die Füße. Heute kann er mit einem Rollator oder einem Spazierstock wieder gut laufen, und das tut er auch ausgiebig. Im Korb seines Rollators liegen eine Flasche Wasser, eine Packung Apfelsaft und eine „TV Spielfilm“. Am liebsten ist er in der Natur unterwegs.

Hoffnung: In den Beruf wieder einsteigen

„Ich bin gerne draußen, und ich arbeite gerne draußen“, sagt er. Wieder zu arbeiten, das ist sein größter Wunsch. Auf jeden Fall im Handwerk, am liebsten als Elektroinstallateur. „Mit der Therapie ist vieles wiedergekommen“, erklärt Peters. „Ich musste ein paar Dinge sehen, dann kam die Erinnerung wieder. Zum Beispiel an schwarze Kabel, blaue Kabel, grüngelbe Kabel. Eine Hälfte meines Gehirns war total zerstört, die haben sie wieder halbwegs in Gang gebracht. In der anderen war viel gespeichert.“ 

Ob das reicht, möchte Dietmar Peters ausprobieren. Außerdem will er testen, ob seine Sehkraft für den Job genügt. Er ist seit dem Unfall auf einem Auge fast blind.

Der Wille, es zu schaffen, hat Dietmar Peters nie verlassen. „Meine Mutter sagt, dass ich viel ausgehalten habe und immer sehr ehrgeizig war. Meine Familie hätte nie gedacht, dass ich wieder so okay werde.“

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