Kurzweiliger Vortrag über den rastlosen Künstler Franz Marc

Der Suchende

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Dr. Hans Thomas Carstensen

Br.-Vilsen - Von Ulf Kaack. Anspruchsvolle Themen gut bekömmlich vorzutragen, das ist nicht jedem Redner gegeben. Wohl aber Dr. Hans Thomas Carstensen, der am Donnerstagabend über das Leben und die Kunst von Franz Marc (1880-1916), dem bedeutendsten deutschen Expressionisten, anschaulich und facettenreich referierte. Eingeladen hatten Volkshochschule sowie Kultur- und Kunstverein, rund drei Dutzend Freunde der Malerei verfolgten den Vortrag im Schulforum Bruchhausen-Vilsen mit Aufmerksamkeit.

Wer kennt ihn nicht – Franz Marc, einen der einflussreichsten Künstler des frühen 20. Jahrhunderts? Dessen Biografie begann Carstensen mit der Vorwegnahme des Endes, projizierte zwei surreal anmutende Dias auf eine Leinwand: Deutsche Soldaten zu Pferde mit der Gasmaske vor dem Gesicht. Franz Marc hätte unter ihnen sein können, Teil dieser verstaubten, trostlosen Kolonne. Er führte ein Doppelleben als Offizier und Künstler an der französischen Front, sah sich als Beobachter, ja als aktiver Teilhaber von Dantes Inferno. Als einen Dämmerzustand wie im Traum beschrieb er die Geschehnisse des Ersten Weltkriegs.

„Als Kind war er ein weltentrückter Einzelgänger, als ,unseren kleinen Philosophen‘ titulierten ihn seine Eltern“, beschrieb der Hamburger Kunsthistoriker den jungen Marc, der auf introvertierte Weise mit großer Aufmerksamkeit, mit offenen Augen und Ohren durch die Welt ging. Sein Vater Wilhelm war ein künstlerischer Feingeist. Nach einem juristischen Studium war er Professor an der Akademie der Bildenden Künste in München und widmete sich der Landschaftsmalerei.

Sein Sohn trat in seine Fußstapfen, immatrikulierte sich 1900 an der Münchner Kunstakademie. Stilistisch folgte er zunächst seinem Vater, war tief im Realismus verwurzelt. Das änderte sich drei Jahre später, als Franz Marc mit einem Studienfreund nach Paris reiste. Ein Erweckungserlebnis – mit allen Sinnen saugte er das freie Lebensgefühl in der französischen Metropole auf. Dort entdeckte er Monet, Renoir und Manet. Die französischen Impressionisten beeinflussten den jungen Maler aus Bayern nachhaltig. Er eiferte den neuen Heilsbringern nach – und brach sein Studium ab.

Das Beziehungsleben von Franz Marc gestaltete sich komplex. Zweimal war er verheiratet. Noch am Tag seiner ersten Hochzeit machte er sich allein auf den Weg zu einem erneuten Besuch in Paris. Zu seinem Erstaunen waren seine impressionistischen Vorbilder nicht mehr präsent. Stattdessen stieß er auf die Werke Gauguins und van Goghs: Die traumhaftesten Erlebnisse seines Lebens, wie er in seiner überschwänglichen Begeisterung formulierte. Als raum- und seelensprengende Bilder ohne die impressionistische Verklärung bezeichnete er die Arbeiten.

„Es ist die 1910 geschlossene Freundschaft mit dem Künstlerkollegen August Macke, die Franz Marc weiterbringt“, sagte Carstensen. „Künstlerisch waren die beiden nicht unbedingt auf einer Wellenlänge, menschlich dafür umso mehr. Macke stellte einen Kontakt zu dem Berliner Kunstmäzen Bernhard Koehler her, durch dessen Unterstützung Franz Marc finanziell unabhängig agieren konnte.“

Im Februar 1911 stieß er zur Neuen Künstlervereinigung München und lernte hier den Expressionisten Wassily Kandinsky kennen, den Wegbereiter der abstrakten Kunst. Konfrontiert mit den Werken von Braque, Picasso und Rouault geriet Franz Marc erneut in ein künstlerisches Spannungsfeld. Seine Malerei fand in der Presse und beim Publikum oftmals eine vernichtende Kritik. Doch das störte ihn wenig. Gemeinsam mit Kandinsky begründete er im Dezember 1911 die berühmte Redaktionsgemeinschaft „Der Blaue Reiter“, die beiden wurden zu Wegbereitern der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts.

Franz Marc war ein rastlos Suchender nach neuen Ausdrucksformen. Nach seiner frühen realistischen Phase griff er den Impressionismus auf, entfaltete sich dann im Expressionismus, was schließlich in nahezu völliger Abstrahierung mündete. Betrachtet man sein Lebenswerk in dessen Chronologie, ist diese Entwicklung unschwer erkennbar. Fast immer standen Tiere im Zentrum seiner Darstellungen – Rehe, Pferde oder sein geliebter sibirischer Schäferhund Russi.

Hinter der Naturwahrheit vermutete Franz Marc eine zweite Ebene der Wirklichkeit. Der verlieh er nun mit reduzierter, teils kubistischer Formgebung sowie flächigem Farbauftrag ein neues Antlitz. Die Realität verlor immer mehr an Kontur, gab der Symbolhaftigkeit damit großen Raum. Marc folgte seiner eigenen darstellerischen Gesetzgebung.

Mit Begeisterung zog Franz Marc als Soldat in den Ersten Weltkrieg, sah ihn als Prozess der Erfrischung und der Reinigung von der Dekadenz. Doch die Realität der Gewalt ließ ihn schnell umdenken. Künstlerisch war er an der Front kaum aktiv, fertigte lediglich Zeichnungen aus der Erinnerung heraus. Erst drei Wochen vor seinem Tod widmete er sich begeistert wieder der Malerei: Marc erhielt den Befehl, großflächige Zeltbahnen zur Tarnung gegenüber feindlichen Aufklärungsfliegern zu bemalen. Ein letztes Mal tobte er sich aus, schoss dabei weit über die gestalterischen Vorstellungen der Militärs hinaus.

Am 4. März 1916 wurde Franz Marc während eines Erkundungsritts unweit von Verdun im Nordosten Frankreichs durch einen Granatsplitter tödlich verletzt. Er hinterließ seiner Nachwelt berühmte Gemälde wie „Die blauen Pferde“, „Der Tiger“ oder „Tirol“, vor allem aber eine neue Blickweise auf das Reale.

Carstensen gelang es, aus spröder Kunsthistorie heraus plakative Kunstgeschichten zu erzählen. Ein Wiedersehen mit dem Hamburger Experten in Bruchhausen-Vilsen wird es am 6. April 2017 geben. Dann steht der Expressionist Ernst Ludwig Kirchner im Zentrum seiner sicherlich erneut kurzweiligen Betrachtungen.

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