Spuren der Leinenweberei

Leinen aus Vilsen war einst sogar in Amerika begehrt

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Die Gästeführer Manfred zum Hingst und Heidi Dreyer präsentieren vor dem Denkmal „Die Wringerin“ am Engelbergplatz, im Volksmund auch „Die dicke Berta“ genannt, über 100 Jahre altes Leinen aus Vilsen. 

Br.-Vilsen - Von Dieter Niederheide. In einer Volksweise aus dem Jahr 1833 heißt es, dass die Leinenweber eine saubere Zunft haben. Allerdings handelt es sich dabei weniger um ein Lob- als vielmehr um ein deftiges Spottlied auf einen durchaus ehrbaren Berufsstand. Ein weiteres Zitat: „Der Leineweber schlachtet alle Jahr zwei Schwein, das eine ist gestohlen, das andere ist nicht sein.“ Dass das auf die einstigen Leinenweber in Wahrheit nicht zutraf, wissen die Gästeführer Manfred zum Hingst und Heidi Dreyer. Sie kennen sich aus mit den Arbeitern, die in Vilsen zwar zur unteren Schicht zählten, aber nicht verarmt waren. Das Thema steht im Mittelpunkt der Tour „Auf den Spuren der Leinenweberei“, die die beiden leiten.

Mehr als 20 Frauen und Männer nahmen am jüngsten Termin teil. Sie erfuhren, dass die heimischen Bürger im 18. und 19. Jahrhundert stolz waren auf die Weber und ihre Produkte. Die Gästeführer erklärten, dass es sich beim Weben um ein häusliches Handwerk handelte, überwiegend von Frauen ausgeübt. Über Händler gelangten die besten Leinensorten aus Vilsen damals über Bremen bis in die Nachbarländer, nach England und sogar nach Amerika.

Besonders stolz waren die Obrigkeit und die Einwohner, als im Jahr 1882 im Haus Schulstraße 16 eine Webereilehrwerkstatt eingerichtet wurde. Die Gründer – die Kaufleute Hoppe, Lindenberg, Spillzer, Schragenheim, Vaßmehr und Archilles – wollten damit die Hausweberei beleben. 1899 bekam die Ausbildungsstätte die Bezeichnung „Preußische Webereilehrwerkstatt“ verliehen. Wie Manfred zum Hingst im Gespräch mit unserer Zeitung sagte, erhielten in der Einrichtung, die später an die Sulinger Straße zog, elf Mädchen aus der Umgebung Unterricht an acht Webstühlen. Ihre Arbeiten wurden auf überregionalen Ausstellungen ausgezeichnet. Den Unterricht erteilten die Lehrer Büsselberg, Wenzel und Feilke. Vermutlich wurde die Lehrwerkstatt, die über Jahrzehnte Vorzeigeobjekt des Orts war, Mitte des 20. Jahrhunderts geschlossen.

Die Gästeführung begann an der Bronzefigur „Die Wringerin“ am Engelbergplatz, die der Künstler Robert Enders 1991 schuf. Dort gingen Heidi Dreyer und Manfred zum Hingst auf einige Gebäude des Fleckens ein. Der anschließende Spaziergang durch Vilsen führte zu mehreren Stätten, an denen einst Leinenweber oder Händler wirkten, die vom Leinenhandel gut lebten. So ging die Gruppe zum Haus Brautstraße 12 (das Matthiesche Haus von 1782). Vor dem Gebäude hatten sich einst ein Handelsplatz für Flachs – das ist der Rohstoff zur Herstellung von Leinen – und die Nebenlegge der Bruchhausener Legge befunden, also der zentralen Leinenprüf- und -sammelstelle. Der Flachs wurde an Markttagen beispielsweise auf dem Kirchplatz angeboten. Die Käufer waren unter anderem Händler und Bauern der Wesermarsch.

Der Flachs, gewonnen aus den Stängeln der Flachspflanze, lag nach dem Abstreifen der Samenkapseln einige Tage in einer Rötekuhle, einem eigens dafür angelegten Teich. Manfred zum Hingst und Heidi Dreyer wiesen darauf hin, dass zur Verbesserung der Qualität auch Hauslehrer tätig waren, die Interessierte am eigenen Webstuhl unterrichteten.

Ein wichtiger Prozess, sagte zum Hingst, war der Bleichvorgang, der in einer „Bleichordnung“ festgelegt war. Jeder „Eingesessene im hiesigen Flecken“ war berechtigt zu bleichen. Auswärtigen hingegen war das Bleichen untersagt. Jeder männliche Einwohner, der Garn oder Gewebe bleichen wollte, musste laut „Bleichordnung“ auch Nachtwache schieben.

Um 1870, erklärte zum Hingst, ging das Leinenweben im Ort zurück, die Schweinemästerei nahm an Bedeutung zu und brachte mehr Geld ein. Gleichzeitig wurde vermehrt Baumwolle statt Leinen verarbeitet.

Am Ende der überaus interessanten Gästeführung konnten die Frauen und Männer altes Leinen begutachten. Manfred zum Hingst hatte Leinenballen mitgebracht, über 100 Jahre alte Erbstücke aus der Familie seiner Frau Ursula.

„Die Wringerin“ am Engelbergplatz in Vilsen erinnert bis heute an die Leinenweberei. Sie ist sechs Zentner schwer, 1,90 Meter groß und wird in Bruchhausen-Vilsen fast ein bisschen liebevoll „Dicke Berta“ genannt. Das Denkmal stellt eine Leinenweberin beim Waschen und Wringen dar. Ein Gasthaus mit dem Namen „Leinenweber“ gibt es in Bruchhausen-Vilsen auch noch. Und eine Straße namens „An der Bleiche“. Die Weber haben also Spuren hinterlassen.

In diesem Jahr gibt es keine festen Termine mehr für die Gästeführung „Auf den Spuren der Leinenweberei“. Gruppen können aber individuelle Termine vereinbaren. Interessierte sollten sich im „TourismusService“ (Bahnhof 2) melden, Telefon 04252/930050 oder E-Mail info@bruchhausen-vilsen.de. Das gilt auch für alle, die 2017 an der Tour teilnehmen möchten.

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