SPD-Jahresempfang: Professor Gerd Glaeske blickt hinter Arzneimittelgeschäfte

Von bitteren Pillen und gefährlichen Cocktails

Der SPD-Unterbezirksvorsitzende Ingo Estermann (l.) mit Professor Gerd Glaeske – Fachmann für bittere Pillen.
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Der SPD-Unterbezirksvorsitzende Ingo Estermann (l.) mit Professor Gerd Glaeske – Fachmann für bittere Pillen.

Asendorf - Von Anke Seidel. Eine unvorstellbare Zahl: 1250 Pillen schluckt jeder Bundesbürger pro Jahr – rechnerisch. Vor allem ältere Menschen nehmen bis zu neun Medikamente gleichzeitig – und damit viel zu oft gefährliche Cocktails auf Rezept, deren Zutaten mehrere Ärzte unabhängig voneinander verschrieben haben.

Was das für fatale Folgen haben kann und warum das Gesundheitssystem dringend reformiert werden muss, das erläuterte Professor Gerd Glaeske während des SPD-Jahresempfangs im Gasthaus Uhlhorn in Asendorf. Spannende Hintergründe und überraschende Fakten würzte der Professor der Universität Bremen mit einem Schuss Humor – und fesselte mit diesem Rezept die Aufmerksamkeit der rund 120 Gäste im Saal. Der Fachmann für Gesundheitsökonomie, Gesundheitspolitik und Versorgungsforschung geißelte die private Krankenversicherung als „Anachronismus eines solidarischen Gesundheitssystems“, der für unhaltbare Zustände sorge – dann, wenn Kassenpatienten monatelang auf einen Termin bei Ärzten warten und Privatpatienten Vorrang haben: „Leistungserbringer können bei ihnen höhere Honorare abrechnen.“

Genauso unsolidarisch sei die Gesundheitsversorgung der Flüchtlinge. Weil der Staat dafür pro Kopf und Monat nur 90 Euro bewillige, entstehe ein riesiges Defizit. Dass Krankenversicherte es zahlen müssen, will Glaeske nicht hinnehmen: „Flüchtlingspolitik ist eine gesellschaftliche Aufgabe!“, forderte er unter Beifall seiner Zuhörer eine staatliche Finanzierung.

Eine besonders bittere Pille sind für den Professor die Milliardengeschäfte mit Arzneimitteln. Unvorstellbare 1,55 Milliarden Packungen kaufen die Menschen in Deutschland Jahr für Jahr. 40 Milliarden Euro werden dafür ausgegeben. Aber sind alle ihr Geld wert – und wie fatal sind die Nebenwirkungen? „Jedes Medikament, das keine Nebenwirkungen hat, hat auch keine Hauptwirkung“, antwortete Glaeske. Er verriet, dass sich manchmal mit den Nebenwirkungen goldene Geschäfte machen lassen – wie bei Viagra, das einst als Herzinsuffizienz-Medikament entwickelt worden war. Erst die Zulassungsstudie entlarvte die tatsächliche Wirkung: „Frauen gaben das Medikament zurück – aber kein einziger Mann...“

Faktisch auf Knopfdruck sei Viagra im Internet zu haben. Aber Glaeske warnte dringend davor, Medikamente auf diesem Wege zu kaufen. Denn was wirklich in den Pillen stecke und wer sie wo produzierte, sei in keinster Weise nachvollziehbar – und deshalb gefährlich: „Sie wissen nicht, was Sie sich da einfangen!“

Grundsätzlich riet der Arzneimittel-Wissenschaftler seinen Zuhörern dazu, auch bei Medikamenten auf Rezept oder beim Kauf in der Apotheke sorgfältig auf die Inhaltsstoffe zu achten – und erklärte, warum Anti-Baby-Pillen der älteren Generation deutlich risikoärmer sind als die aktuellen Rezepturen: Letztere bergen das Risiko von Thrombose, Schlaganfall oder schlimmstenfalls Lungenembolie.

Gefährliche Mixturen können im Körper auch entstehen, wenn ein Patient blutverdünnende Medikamente nimmt und dazu noch Aspirin. Denn genau das verstärkt die Blutverdünnung unerwünscht.

Fatale Wechselwirkungen können die Folge sein, wenn mehrere Ärzte unabhängig voneinander einem Patienten jeweils ein Medikament verschreiben. Jedes einzelne sei bestimmt richtig, aber in Gänze sehe das ganz anders aus. „Schreiben Sie sich auf, welche Medikamente Sie nehmen. Auch die nicht rezeptpflichtigen“, riet der Referent. Apotheker könnten die Wechselwirkungen direkt im PC entlarven.

Zur größten Vorsicht riet Glaeske bei Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Die dürften höchstens bis zu zwei Wochen genommen werden. Schlucken Menschen sie aber sechs bis acht Wochen, „dann garantiere ich Ihnen, dass 80 Prozent von ihnen ohne ärztliche Hilfe nicht mehr davon wegkommen.“

Betroffen nahmen die Zuhörer zur Kenntnis, dass 10,2 Prozent der mehr als 65 Jahre alten Patienten allein wegen Unverträglichkeit ihrer vielen Medikamente in die Klinik müssen. „Medizin muss sich sehr viel stärker koordinieren!“, forderte Glaeske. Sie müsse „weg vom Reparaturbetrieb hin zu einer präventiven Medizin“, beschrieb der Professor seine Zukunftsperspektive unter Beifall der Zuhörer. Schon in der Schule müssten Kinder und Jugendliche die gesunde Ernährung erfahren und erlernen: „Gesundheit ohne Bildung ist nicht machbar“, stellte der Gesundheitswissenschaftler fest.

Das Gesundheitssystem würde Glaeske gern so schnell wie möglich umgebaut sehen: „Wir brauchen eine Basis-Versicherung, in die alle einzahlen.“ Darauf könnten Bürger dann auf Wunsch private Versicherungen für bestimmte Leistungen aufsatteln.

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