Zwei angehende Notfallsanitäterinnen ziehen Bilanz nach einem Ausbildungsjahr

Perfekt vorbereitet für Tag X

Wollen Menschenleben retten: Chris Stuve (hinten von links, angehender Rettungssanitäter), Arwen Freidank (Notfallsanitäterin, 1. Lehrjahr), Marlon Liedtke (angehender Notfallsanitäter), Anika Stubbe (vorne), Katrin Bagdahn (beide angehende Notfallsanitäterinnen) und Viola Rippe (Notfallsanitäterin, 1. Lehrjahr). - Foto: Kreykenbohm

Br.-Vilsen - Von Julia Kreykenbohm. Das Telefon auf der Rettungswache schrillt. Ein schlimmer Verkehrsunfall mit Verletzten. Zwei Rettungsassistenten steigen in den Rettungswagen, rasen zur Unglückstelle. Vor Ort dürfen sie alles tun, um die Unfallopfer zu retten. Sie entscheiden auch, ob ein Notarzt kommen muss. Doch wenn einer der Verwundeten unter Schmerzen leidet, dürfen sie ihm nur rezeptfreie Medikamente geben, die bei schweren Verletzungen häufig keine Linderung bringen. Dann stehen sie hilflos daneben, halten die Hand des Menschen und warten darauf, dass endlich der Notarzt kommt.

Für die Helfer, die ihren Beruf ergriffen haben, weil sie Leid lindern wollen, eine extrem frustrierende Situation. Doch damit soll nun über kurz oder lang Schluss sein. Seit Anfang 2014 werden keine Rettungsassistenten mehr ausgebildet. An ihre Stelle sind die Notfallsanitäter getreten, von denen laut Gesetz ab 2023 jeweils einer im Rettungswagen mitfahren muss. Deren Ausbildung dauert drei, statt zwei Jahre, ist umfangreicher, intensiver und besser durchgeplant. Dementsprechend hat der Notfallsanitäter auch mehr Kompetenzen, darf zum Beispiel vor Ort einem Menschen mit starken Schmerzen ein verschreibungspflichtiges Medikament geben.

Viele Rettungsassistenten lassen sich nun, neben ihrer Arbeit, zum Notfallsanitäter weiterbilden. Aber es gibt auch junge Leute, die sich direkt dazu ausbilden lassen. Im Landkreis Diepholz sind es insgesamt fünf: drei beim Deutschen Roten Kreuz und zwei beim Rettungsdienst Landkreis Diepholz. Sie werden die ersten Notfallsanitäter im Kreis sein, die die dreijährige Ausbildung durchlaufen haben.

Beim Rettungsdienst sind das Viola Rippe und Arwen Freidank. Die beiden 21- und 22-Jährigen sind nun seit knapp einem Jahr dabei und noch immer begeistert von ihrem Beruf. „Wir werden sehr gefordert, aber nie überfordert“, beschreibt es Rippe. Die ersten Wochen der Ausbildung verbringe man auf der Wache und fahre mit raus, als dritte Person im Rettungswagen, Tag und Nacht. So komme man gleich in den Alltag hinein. Wieviel man sich dann im Einsatz einbringe, bleibe jedem selber überlassen. „Jeder wird dort abgeholt, wo er steht und macht, was er sich schon zutraut.“

Danach geht es zum Unterricht an die Rettungsdienstschule nach Bremen. Doch auch dort heißt es, nicht nur trockene Theorie büffeln. „Der Unterricht ist sehr praxisbezogen. Viele Unfall-Szenarien werden dort nachgestellt.“ Man werde auf alle erdenklichen Situationen vorbereitet, die einem im Berufsalltag begegnen können. Da die Aggressivität gegenüber Rettungskräften zunimmt, gehören auch Selbstverteidigung und Übungen in Deeskalation dazu. Und besonders wichtig: Kommunikation. Wie spreche ich mit Verletzten, mit Feuerwehrleuten, der Polizei? Wie überbringe ich eine Todesnachricht? Auch auf die vielen Flüchtlinge, die im Landkreis leben, habe man sich eingestellt. „Wir haben einen Katalog für Übersetzungen dabei“, erzählt Rippe.

Neben Rettungswache und Schule, verbringen die Azubis auch viel Zeit im Krankenhaus, wo sie einen Einblick in den Klinikalltag bekommen. Doch dort schauen sie nicht nur zu, sondern dürfen – natürlich unter Aufsicht ihrer Anleiter – auch selber Hand anlegen. Das ist wichtig, denn als künftige Notfallsanitäter wird von ihnen erwartet, dass sie in der Lage sind, beispielsweise ein Loch ins Schienenbein zu bohren und einen Zugang zu legen. „Ein Notfallsanitäter muss die Zeit überbrücken können, bis der Arzt eintrifft“, erklärt Klaus Speckmann, Geschäftsführer des Rettungsdienstes. Diese Fähigkeit werde gerade in Zeiten des Ärztemangels immer wichtiger und sei ein großer Gewinn für die Bevölkerung.

Die Azubis bleiben bei jeder Station etwa einen Monat, bevor sie wieder wechseln. „Das ist super, weil man so das erworbene Wissen meist gleich in der Praxis anwenden kann“, sagt Freidank. Außerdem werde man von den Ausbildern nie allein gelassen und Wache, Klinik und Schule seien eng miteinander vernetzt. Das macht die Ausbildung qualitativ sehr hochwertig.

Der Notfallsanitäter wird mit vielen extremen Momenten konfrontiert. Von der Geburt bis zum Tod kann alles dabei sein. „In der Schule, aber auch mit den Kollegen reden wir viel über diese Erlebnisse“, berichtet Rippe. Sie selber hat schon einen Todesfall miterlebt. „Wir nennen das den Tag X, der bei jedem früher oder später kommt. Bei mir war er früh. In dem Moment, wo es passiert, funktioniert man, macht seine Arbeit. Erst später registriert man, dass es einen doch sehr belastet, was man da gesehen hat.“

Doch Rippe findet das auch wichtig, damit man nicht „menschlich erkaltet“. Natürlich gebe es auch Erlebnisse, wie einen schweren Verkehrsunfall, die einen sehr prägen und an denen man länger „knabbere“. Die Geräusche, die Gerüche, verletzte Personen, die man kennt oder die einen an Bekannte erinnern – all das brenne sich ein und man frage sich: Schaffe ich so eine Situation nochmal? „Aber dann sagt man sich: ,Ich habe alles getan, um zu helfen.’ Außerdem sind die Kollegen da und fangen einen auf. Und letztendlich motiviert so ein Erlebnis am Ende noch mehr, als das es einen bremst, weil man sich vornimmt, es beim nächsten Mal noch besser zu machen.“

Schon bald werden Rippe und Freidank nicht mehr die einzigen Notfallsanitäter-Azubis des Rettungsdienstes sein. Zwei junge Frauen und ein junger Mann treten im Oktober ihre Ausbildung zum Notfallsanitäter an. Und auch sie freuen sich schon, einen Beruf zu erlernen, der es ihnen ermöglicht, Menschen in Not schnell und kompetent zu helfen.

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