Umweltminister sieht Anlass zur Sorge

Nitrat im Trinkwasser: „Der Bremsweg ist sehr lang“

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Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Mitte) im Gespräch mit Landrat Cord Bockhop und Ulf Schmidt (links), Fraktionsvorsitzender der Grünen im Kreistag und Mitglied des Samtgemeinderats. 

Br.-Vilsen - Von Ulf Kaack. Hoher Besuch aus aktuellem Anlass: Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) referierte am Dienstagabend im Gasthaus Dillertal in Bruchhausen-Vilsen über das Thema Wasser und dessen Schadstoffbelastung. Vorangegangen war eine stichprobenhafte Untersuchung der Grundwasser-Qualität in 28 deutschen Kommunen. In diesem Ranking belegte Bruchhausen-Vilsen einen unschönen letzten Platz.

Um die Klischees gleich vorwegzunehmen: Ja, Stefan Wenzel reiste mit einem umweltschonenden Hybrid-Pkw der Mittelklasse an, benutzt auf seinem Weg zum Niedersächsischen Landtag den Bus und die Bahn. Außerdem outete er sich als Vegetarier. Abseits davon begegneten die Bürger im gut gefüllten Saal einem überlegten und freundlichen Grünen-Minister, der ohne Polemik, dafür mit Sachverstand und klarem Blick die Probleme und mögliche Lösungsansätze nannte.

Doch bevor es ernst wurde, war erst einmal Humor angesagt: Der Kabarettist Peter Henze aus Arbste ging als Kunstfigur Willi Grün mit der Partei Die Grünen hart ins Gericht. Der gealterte Studentenrevoluzzer und Ökoaktivist der ersten Stunde beschwor die gute alte Zeit der Wasserwerfer in Brokdorf, der Instandbesetzung ganzer Häuserzeilen und Demos in Gorleben. „Ohne Kenntnisse im Stricken bekam man damals in der Partei keinen Fuß auf die Erde“, schwadronierte er lässig-gehässig. „Und die internen Grundsatzdebatten dauerten so lange, dass man in dieser Zeit locker einen halben Pullover fertig hatte.“

In seinem anschließenden Referat bezeichnete Stefan Wenzel das Wasser neben der Atemluft als das wichtigste Lebensmittel für die Menschheit. „Das Grund- und Trinkwasser hat in Niedersachsen eine zumeist hervorragende Qualität, die Grenzwerte für belastende Stoffe sind extrem niedrig angesetzt“, führte er an. „In unserem Bundesland wird es an 1 280 Messstellen permanent überprüft. Seit einiger Zeit geben die Ergebnisse Anlass zur Sorge. Wir bewegen uns zwar deutlich im Bereich des Erlaubten, doch der Trend der Belastung vor allem durch Nitrat geht erkennbar nach oben.“

Die aktuelle Analyse der Stiftung Warentest ergab für Bruchhausen-Vilsen im Grundwasser einen verhältnismäßig hohen Nitratwert von 29,5 Milligramm pro Liter bei einer gesetzlichen Obergrenze von 50 Milligramm. Dieses Messergebnis führen Experten auf die intensive Nutzung der landwirtschaftlichen Flächen zurück, was vor allem in zu hohen Mengen ausgebrachter Gülle seine Ursache hat.

„Diese Problematik ist eine große Herausforderung für die Gesellschaft und hat einen sehr langen Bremsweg“, so Wenzel, „Es dauert zehn bis 15 Jahre, bis heute in den Boden eingebrachte Nitrate das Grundwasser erreichen. Reagieren wir heute, können wir nur langfristig eine Verbesserung erzielen.“

Ganz klar für ihn: Hier besteht akuter Handlungsbedarf. Der Minister blickt dabei auf die Landwirte und ihren Interessensverbände als unbedingt notwendige Partner. Aber auch eine partei- und ressortübergreifende Kooperation von allen Betroffenen sei zwingend notwendig. Schnellstmöglich solle eine neue Gülleverordung, die zurzeit im Bundestag zur Entscheidung vorliegt, verbindlich auf den Weg gebracht werden. Die Umweltminister der Länder sind sich in dieser Frage einig.

„Der ,Gülletourismus‘ benötigt vernünftige und verbindliche Strukturen“, forderte Wenzel. „Angewandtes Recht muss das Maß der Dinge sein. Eine Güllebörse wird in Zukunft den Transfer von Gülle zwischen Gebieten mit nährstoffreichen und nährstoffarmen Böden sicherstellen. Kontrollmechanismen überwachen die Einhaltung der Vorschriften.“

In diesem Zusammenhang spielt auch der Klimawandel eine Rolle: Die zunehmenden Extremwettereignisse in den vergangenen Jahren nehmen direkten Einfluss auf die Grundwasserbildung. Bei Starkregen, der binnen kurzer Zeit Niederschlagsmengen wie sonst in einem ganzen Monat bringt, läuft das Wasser mit hoher Geschwindigkeit über Bäche, Flüsse und Vorfluter ab, verrieselt dabei nur in geringen Mengen in den natürlichen Kreislauf.

Und schließlich ist qualitativ hochwertiges Trinkwasser auch eine Handelsware, die nicht unerhebliche Erträge in die kommunalen Kassen – im wahrsten Sinne des Wortes – spült. Wenzel: „Sind eine Beimischung von hochwertigerem Trinkwasser oder technische Lösungen wie die Installierung von teuren Filteranlagen seitens der Wasserversorger notwendig, werden die Kosten für solche Maßnahmen zwangsläufig an die Verbraucher weitergereicht.“

Ob Überdüngung, Monokulturen, belasteter Klärschlamm, Biogasanlagen, Antibiotikarückstände … alles hängt miteinander zusammen, so die für Wenzel noch lange nicht abgeschlossene Bilanz in Sachen Grund- und Trinkwasser. Es bedarf eines gemeinsamen Kraftakts für eine dauerhafte Problemlösung. Er habe große Hoffnung, die Situation unter Einbeziehung der verschiedenen Interessenlagen langfristig in den Griff zu bekommen. Denn zwei Dinge sind aus seiner Sicht ganz sicher: Heute vorsorgen ist kostengünstiger als morgen zu handeln und die Zeche zahlt am Ende der Steuerzahler, sprich wir alle.

Mehr Details zur umweltpolitischen Situation in der Region hat Stefan Wenzel der Kreiszeitung in einem Interview verraten. Wir drucken es in einer unserer nächsten Ausgaben.

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