Thorsten Röhrmann kann trotz Querschnittslähmung gehen

Nach 20 Jahren wieder auf eigenen Beinen

Thorsten Röhrmann und seine Frau Petra können nun auch mal gemeinsam spazieren gehen. - Foto: Kreykenbohm

Br.-Vilsen - Von Julia Kreykenbohm. „Das Anziehen der Schuhe dauert am längsten“, sagt Thorsten Röhrmann und lacht. Der 54-Jährige aus Bruchhausen-Vilsen sitzt auf einem Bänkchen in einem Therapieraum von Therapie und Sport Wolters und steigt in die grauen Treter, die an normale Turnschuhe erinnern. Doch wandert der Blick höher, scheinen sie eher zum Unterleib eines Roboters zu gehören. An ihnen sind Schienen befestigt, in denen sich Motoren für Ober- und Unterschenkel verbergen. Mit mehreren Gurten und geübten Handgriffen verbindet Röhrmann diese Apparaturen mit seinen Beinen. Klick, Klick, Klick – und alles ist fest. Zum Schluss kommt der Bauchgürtel.

Dann drückt er den Knopf an einer Art Armbanduhr, es piept und Röhrmann packt die beiden Unterarmgehstützen, die neben der Bank lehnen. Im nächsten Moment erhebt er sich und steht aufrecht. Was von außen recht unspektakulär und alltäglich wirkt, ist in Wahrheit etwas ganz Besonderes. Denn Thorsten Röhrmann ist seit 20 Jahren querschnittsgelähmt. Aus eigener Kraft kann er sich weder erheben, noch stehen. Dass er es nun doch wieder tun kann, liegt an dem „Rewalk Personal System“ – so nennt sich der „halbe Roboter“.

„Im vergangenen Jahr hat mir ein anderer Rollstuhlfahrer davon erzählt“, berichtet Röhrmann, der sich leicht hin- und herwiegt – „eingroovt“, wie er es nennt – denn durch das lange Sitzen sind die Beine steif und Sehnen verkürzt. Die Geschichte machte ihn neugierig und er nahm Kontakt zu Rewalk Robotics in Berlin auf. Mitarbeiter reisten zu ihm und Röhrmann bekam eine Trainingssession, bei der er das System ausprobieren durfte.

Ein "irres Gefühl"

„Ich war vorher unglaublich nervös, konnte gar nicht schlafen“, erinnert sich der 54-Jährige. Als er dann das erste Mal wieder auf seinen Füßen stand, habe er das als „Wunder“ und „irres Gefühl“ empfunden. Das zweite Wunder folgte gleich darauf, denn mithilfe des Rewalk-Roboters kann er auch laufen. Dazu muss er lediglich auf einen weiteren Knopf an der „Uhr“ drücken und das System setzt sich – und damit ihn in Bewegung. Kleine Schritte, die für ihn Großes bedeuten. „Ich war total euphorisch und wäre am liebsten immer weitergegangen“, so Röhrmann.

Damit ist ein Stück Lebensqualität zu ihm zurückgekehrt. Bevor er durch einen Verkehrsunfall an den Rollstuhl gefesselt wurde, war er begeisterter Sportler, ist geschwommen und Marathon gelaufen. Obwohl der sympathische 54-Jährige nicht mit seinem Schicksal hadert, Lebensfreude ausstrahlt und über seine Behinderung sogar scherzen kann, bedeutet es ihm viel, sich mithilfe des Systems bald wieder mit Freunden zu einem Spaziergang treffen oder sie im dritten Stock ihrer Wohnung besuchen zu können. Denn auch Treppensteigen ist damit möglich.

Hartes Training

Allerdings erfordert all das Training und Geduld. Denn das System ist so konstruiert, dass es auf kleinste Veränderungen sofort reagiert, um den Patienten nicht zu gefährden. Um es in Bewegung zu setzen, muss sich der Nutzer leicht nach vorne neigen. Geht er zu aufrecht, was Röhrmann häufig tut, bleibt der Geh-Roboter stehen. „Man stelle sich vor, der Patient würde an der Ampel warten. Es wird grün, er drückt ,Laufen’ und kurz darauf braust noch ein Auto über den Gehweg. Da muss der Patient in der Lage sein, das System sofort wieder zu stoppen“, erläutert Andree Bolte von Rewalk.

Das Programm, das all das steuert, befindet sich in einer Kunststoffverschalung an Röhrmanns Rücken, in der auch die Akkus stecken, die für viereinhalb Stunden Laufen reichen. „Die Software ist auf jeden Nutzer individuell eingestellt“, berichtet Bolte.

Röhrmann wandert währenddessen im Raum herum, immer begleitet von Physiotherapeut Marcel Mielke, der seit Monaten mit ihm arbeitet. Im Terapieraum und auch Zuhause, wo sie mittlerweile Dinge wie Einkaufen üben. Dabei erklingt ein permanentes Brummen. „Viele Bekannte bemängeln das, aber es ist wichtig“, erklärt Röhrmann. Das Geräusch dient als Orientierung, wann er die Gehstützen aufsetzen muss.

Es dauert etwa ein Jahr, bis die Patienten das System so gut beherrschen, dass sie es allein im Alltag anwenden können. Anfangs hat Röhrmann fünfmal pro Woche geübt, inzwischen macht er es viermal, für jeweils eine Stunde. „Zunächst war es anstrengend, aber jetzt haben sich Muskeln in den Oberarmen, Schultern und Beinen aufgebaut.“ Das sei wichtig, um das Gleichgewicht zu stärken, was die Patienten brauchen, da sie kein Gefühl in den Beinen haben.

Auf sein Wohlbefinden hat sich das System nur positiv ausgewirkt. „Ich habe weniger Spastik in den Beinen, kann besser schlafen und auch die Magen-Darm-Funktion ist deutlich besser.“ Andree Bolte kennt diese Effekte schon. „Viele Nebenerkrankungen können durch das System beeinflusst werden, weswegen die Patienten weniger Medikamente oder Klinikaufenthalte benötigen. Aus diesem Grund hoffen wir, dass Krankenkassen künftig für die Kosten aufkommen.“

Alltägliche Dinge sind wieder möglich

Denn die sind enorm. Ein Exemplar kostet 85.000 Euro und mit der Therapie 100 .000 Euro. Bei Röhrmann zahlte die Berufsgenossenschaft. „Darauf bin ich sehr stolz. Ich kann nun ganz anders am Leben teilnehmen. Es sind die kleinen, alltäglichen Dinge, wie mit Freunden am Tresen stehen, die jetzt wieder möglich sind.“ Er lächelt verschmitzt: „Und meine Frau muss nun auch mal zu mir aufschauen.“

Das Rewalk-System eignet sich für Patienten, die ihre Arme noch bewegen können. Sie sollten zwischen 1,60 bis 1,90 Meter groß und nicht schwerer als 100 Kilogramm sein. Allerdings fallen nicht automatisch alle Patienten raus, die diese Vorgaben nicht erfüllen. Um sich näher zu informieren sollten sich Interessierte mit Rewalk in Verbindung setzen. Ansprechpartner ist unter anderem Andree Bolte unter andree.bolte@rewalk.com oder unter Telefon 030/25895080.

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