Zwischen virtueller und realer Welt: Ein Selbstversuch mit „Pokémon Go“

Auf Monsterjagd in Vilsen

Volle Konzentration: Um das Pokémon auf dem Display zu fangen, braucht Kreiszeitung-Autor Max Brinkmann (19) die richtige Position und etwas Geschick. - Foto: Oliver Siedenberg

Br.-Vilsen - Von Max Brinkmann. Im Dunkeln stehen sie da und starren auf ihre Handys. Es ist Mitternacht, als mir die Gruppe auf einer Straße in Bruchhausen-Vilsen auffällt. Mir ist sofort klar, dass es für die seltsame Versammlung nur einen Grund geben kann: „Pokémon Go“. Die etwa 15 Jugendlichen machen mich so neugierig, dass ich mir gleich am nächsten Morgen die App auf mein Smartphone lade.

Ich will wissen, was hinter dem Hype steckt und laufe mit meinem Handy durch Bruchhausen-Vilsen. Mein Ziel: Herausfinden, warum das Spiel manche Menschen so mitreißt, dass sie dafür sogar auf Schlaf verzichten. Spannend finde ich auf jeden Fall, dass es die reale mit der virtuellen Welt verknüpft.

Ich lege an der Vilser Kirche los, dort sind gleich mehrere Poké-Stops. So nennt man die Orte, an denen Items (sammelbare Gegenstände in Computerspielen) wie die sogenannten Poké-Bälle versteckt sind. Wenn ich in ihrer Nähe stehe, erscheinen sie auf dem Display, ich klicke sie an und wische darüber, um sie zu bekommen. Items brauche ich zum Fangen der Pokémons. Habe ich eins erwischt, ist der Poké-Stop für eine bestimmte Zeit leer, der nächste Spieler muss also etwas Geduld mitbringen. Die Stops befinden sich meistens an Sehenswürdigkeiten. Bei der St.-Cyriakus-Kirche zum Beispiel an den Glocken und am Kirchengebäude selbst. Wenn ich richtig davor stehe, kann ich einen Fang machen.

Ähnlich funktioniert es, wenn ein Pokémon auf dem Bildschirm zu sehen ist. Ich klicke einfach drauf. Das Handy nutzt die Kamerafunktion, und so erscheint das Pokémon in der realen Umgebung auf dem Display. Nun muss ich nur noch mit dem Finger einen Poké-Ball danach werfen und es fangen.

Anfangs komme ich mir etwas komisch vor, es scheint sich aber niemand über meine hektischen Bewegungen zu wundern. Während meines zweistündigen Gangs durch Bruchhausen-Vilsen spricht mich keiner an, und ich habe auch nicht das Gefühl, schräg angeguckt zu werden. „Pokémon Go“ gehört längst zu Bruchhausen-Vilsen wie der Brokser Markt.

Ich gehe weiter Richtung Engelbergplatz, wo es eine Arena gibt. In Arenen können Spieler gegeneinander antreten. Ich bin allerdings noch nicht soweit. Für jedes gefangene Monster bekommt man Erfahrungspunkte und erreicht so mit der Zeit immer höhere Level. Ab dem fünften kann man sich einem der drei Teams Blau, Rot oder Gelb anschließen und Arenen von Andersfarbigen erobern beziehungsweise die eigenen Arenen verteidigen, indem man gegnerischen Attacken durch ein Wischen über den Bildschirm ausweicht. Fingerfertigkeit ist auf jeden Fall gefragt bei „Pokémon Go“. Hab ich. Schließlich bin ich es gewohnt, mein Smartphone nicht nur als Wecker zu benutzen.

Weiter zum Kohlwührensee. Mein Handy zeigt an, dass einige Wasser-Pokémons in der Nähe sind. Pfoten auf dem Bildschirm leiten mich: Bei drei muss ich noch etwas laufen, bei einer ist das Wesen fast neben mir. Ich entwickele den Ehrgeiz, so schnell wie möglich so viele Pokémons wie möglich zu jagen. Nicht ganz einfach, denn die Standortangaben sind nicht immer präzise. Am See bin ich erfolglos – wie ich mein Handy auch drehe und wende, auf dem Display erscheint einfach keins der Fantasiewesen.

Unterwegs sehe ich immer wieder andere Spieler. Wir lächeln uns wissend zu, sprechen aber nicht miteinander. Wir haben auch Besseres zu tun. Wischen, gehen, drehen, wischen.

Als nächstes versuche ich mein Glück im Kurpark. Auch dort gibt es einige Poké-Stops, zum Beispiel am Wiehe-Bad. Ich bekomme ein Ei, in dem sich ein Wesen befindet. Ich soll es ausbrüten. Ausbrüten? Zum Glück muss ich mich dafür nicht wie ein Huhn auf mein Handy setzen, sondern einfach nur ein wenig damit rumlaufen. Aus meinem ersten Zwei-Kilometer-Ei schlüpft ein Hornliu. Es gehört zu den häufigsten Pokémons, von denen ich mittlerweile schon einige habe.

Nachdem ich nicht mal eine Stunde rumgelaufen bin, erreiche ich Level fünf, wähle Team Gelb, bestreite meinen ersten Arenakampf am Engelbergplatz  – und verliere. Meine Pokémons sind einfach zu schlecht, ich habe noch nicht genug Wettkampfpunkte. Mithilfe von Sternenstaub und Bonbons, die man während des Fangens erhält, kann man seine Stärke jedoch verbessern. Mit Bonbons kann ich umgehen, denke ich, während ich ein „Nimm zwei“ auspacke. Es besteht also Hoffnung. Vielleicht schaffe ich es ja heute Nacht.

Das Fazit

Anfangs stand ich der App skeptisch gegenüber, weil sie nicht viel mit den „Pokémon“-Videospielen gemeinsam hat, die ich als Kind so gerne gespielt habe. Aber ich muss sagen, „Pokémon Go“ macht mit der Zeit immer mehr Spaß. Der größte Nachteil ist der hohe Akkuverbrauch. Erwachsene, die das Spiel verteufeln und meckern, dass alle Kinder jetzt nur noch mit Handy in der Hand rumlaufen, kann ich nicht verstehen. Klar sind bereits Unfälle passiert, weil Leute auf ihr Smartphone gestarrt haben. Ich denke allerdings, dass solche Vorfälle weniger mit der App, sondern mehr mit der Dummheit dieser Leute zu tun haben. Außerdem haben viele Jugendliche auch schon vor „Pokémon Go“ ständig auf ihr Handy geguckt. Jetzt fällt es nur mehr auf, weil die App sie runter vom Sofa und nach draußen lockt. Und das ist doch gut: Durch das Spiel verlassen die Menschen ihre Häuser und lernen ihre Heimat besser kennen. 

Auch Guido Menker, Redakteur in der Rotenburger Redaktion, testete das Spiel bereits.

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