Ambulance Service Nord erfüllt „Sternenfahrten“ 

Der letzte Wunsch vor dem Tod

Noch einmal die Nordsee sehen – diesen letzten Wunsch im Leben erfüllten die Ehrenamtlichen des Ambulant Service Nord einer unheilbar kranken Frau – und wissen, wie dankbar Betroffene und ihre Angehörigen dafür sind. - Foto: Szech

Martfeld - Von Anke Seidel. Die Krankheit ist unheilbar, der Tod unausweichlich. Wenn Menschen sich in dieser absoluten Ausnahmesituation befinden, brechen oft unerfüllte Wünsche auf. Einmal noch das Meer sehen, einmal noch das Enkelkind im Arm halten – doch viel zu oft bleiben solche Wünsche ein unerfüllter Traum von Sterbenden. Die Ehrenamtlichen im Ambulance Service Nord wollen das nicht hinnehmen. Sie bieten Menschen in der letzten Lebensphase „Sternenfahrten“ an und erfüllen ihnen ihren Herzenswunsch, damit sie das irdische Leben in Frieden verlassen können.

„Wir möchten es diesen Menschen ermöglichen, mit Hilfe eines Krankentransportwagens noch einmal bestimmte Orte oder Ereignisse besuchen zu können“, berichten die Ehrenamtlichen um Frank Wenzlow als Vorsitzenden des Ambulance Service Nord, kurz ASN – ein gemeinnütziger Verein. Die Ehrenamtlichen wollen selbstlos Herzenwünsche erfüllen: „Wir stellen keine Rechnung, noch verlangen wir eine sonstige Gegenleistung. Damit das Projekt trotzdem funktionieren kann, sind wir auf Spenden angewiesen.“

Erste Sponsoren sind für die „Sternenfahrten“ schon gefunden – aber noch reicht diese Unterstützung bei weitem nicht aus. Denn die Nachfrage ist groß. Das beweist die Tatsache, dass der ASN noch vor dem offiziellen Start des neuen Angebots bereits vier „Sternenfahrten“ unternommen hat.

Im Einsatz für Wünsche: (v.l.) Melanie Meyer, Frank Winkelmann, Nicole Hupe, Marco Szech und Frank Wenzlow mit ihrem Fahrzeug für die „Sternenfahrten“.

Das Team arbeitet mit dem Palliativstützpunkt Sulingen zusammen, der Menschen in ihrer letzten Lebensphase betreut. Auch zu Hospizgruppen sowie Pflegediensten hat der ASN Kontakt – und will ihn zu anderen Institutionen noch aufnehmen. „Sternenfahrten“ will er zukünftig Sterbenden in einem Umkreis von 150 Kilometern um Martfeld anbieten. Die Anmeldungen sollen über die Einrichtungen laufen. Wichtige Voraussetzung für die Fahrt: Eine dem Patienten vertraute Pflegekraft muss dabei sein.

Der erste Fahrgast des ehrenamtlichen Teams war eine Patientin aus dem Hospiz in Falkenburg. „ Die Dame wollte gerne noch einmal ihr Wohnhaus besuchen. Und so fuhren wir sie samt medizinischer Gerätschaften zu ihrem alten Zuhause, wo bereits Ehemann, Tochter und Enkel auf das Eintreffen der 71-jährigen Frau warteten“, berichten die Ehrenamtlichen – tief beeindruckt von der Dankbarkeit der Seniorin und ihrer Angehörigen dafür, dass der letzte Wunsch Wirklichkeit werden konnte.

Genau diese Dankbarkeit ist es, die das Team immer wieder spürt – wie die einer Palliativ-Patientin, die gern noch einmal an die Nordsee fahren wollte. Auch einer unheilbar an Krebs erkrankten Frau erfüllte der ASN den Wunsch, noch einmal das Meer zu sehen. Schon eine Woche später waren die Ehrenamtlichen wieder an der Nordsee – diesmal mit einer Tumorpatientin als Fahrgast, die ebenfalls den Blick auf das Meer als letzten Wunsch hatte. Kein leichtes Unterfangen, mit Krankentransportwagen, Rollstuhl und medizinischem Gerät direkt an den Strand zu fahren. Denn die behördlichen Auflagen sind streng, die Vorbereitung für eine „Sternenfahrt“ deshalb enorm. Doch Frank Wenzlow hat bereitwillige Unterstützung erfahren: „Die Behörden sind dafür erfreulicherweise sehr aufgeschlossen.“ Auch andere – wie ein Reiterhof und ein Renntaxi-Unternehmen – wollen helfen.

Was es heißt, einen geliebten Menschen zu verlieren, musste Frank Wenzlow selbst erleben. Er hat seine Frau an den Krebs verloren – und versuchte, ihr bis zum letzten Atemzug alle Wünsche zu erfüllen. Wenzlow weiß, wie wertvoll genau das für Menschen in einer absoluten Ausnahmesituation ist, welchen Frieden diese Wunsch-Erfüllung Sterbenden bringen kann.

Bei einer niederländischen Stiftung hat sich der ASN-Vorsitzende darüber informiert, wie „Sternenfahrten“ organisiert werden können. Von den ASN-Mitgliedern erhielt er einen einstimmigen Beschluss für das Projekt.

Wenngleich es für die ausgebildeten Sanitätskräfte einen absoluten Paradigmenwechsel bedeutet. Denn anderes als bei Sanitätsdiensten mit Rettungseinsätzen geht es bei den „Sternenfahrten“ nicht darum, „im Akutfall mit aller Rettungsmedizin Leben retten zu wollen“, formuliert es Wenzlow.

Zu den neuen Erfahrungen der Ehrenamtlichen gehört es, dass Menschen die Erfüllung ihres letzten Wunsches nicht mehr erleben können. Wie ein Patient aus Bremen, der in Mecklenburg-Vorpommern sterben wollte: „Sein Arzt hat davon abgeraten, weil der Patient die Fahrt dorthin wahrscheinlich nicht überlebt hätte“, berichtet Wenzlow. Deshalb war der ASN nicht gefahren. „Wenn es während der Fahrt zum Ende kommt, muss man das akzeptieren“, sagt der Vorsitzende, „aber man muss es nicht provozieren“.

Gern hätten die Ehrenamtlichen einem anderen Patienten den Wunsch erfüllt, noch einmal ein Musical in Hamburg zu besuchen – doch der Tod war schneller. Auch im Fall einer alten Dame, die vor ihrem Abschied vom irdischen Leben gern noch ihr neugeborenes Enkelkind im Arm gehalten hätte.

Wenzlow weiß, dass Menschen in der absoluten Ausnahmesituation, dem unausweichlich bevorstehenden Tod, unterschiedlich reagieren: „Einige können loslassen, sind wie befreit. Andere hadern mit ihrem Schicksal.“

Die Erfüllung des letzten Wunsches ist wie das letzte Glied in der Lebenskette, die sich dann schließen kann. „Wir sind wie ein Mosaikstein in einem Fenster“, beschreibt der ASN-Vorsitzende die Betreuung von Menschen in ihrer letzten Lebensphase, „zu diesem Fenster gehören ganz, ganz viele Menschen“, blickt er auf die Mitarbeiter der verschiedensten Einrichtungen – und hat erfahren, dass die Herzenswünsche Sterbender nicht immer spektakuär sind: „An der Geburtstagsfeier von Onkel Ludwig teilnehmen“ gehöre genauso dazu wie ein letztes Kaffeetrinken mit einer Freundin.

Egal, was es ist: Die Ehrenamtlichen versuchen, den letzten Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Deshalb hoffen sie sowohl auf Sponsoren als auch auf neue Mitglieder. Weitere Infos gibt es telefonisch (0174/1770807), per E-Mail (vorstand@asnev.de) oder im Internet

www.asnev.de

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