Unsere Autorin stößt an ihre Grenzen

VHS-Kurs: Das kommt mir Arabisch vor

Kreiszeitung-Autorin Karin Neukirchen-Stratmann (links) mit Kursleiterin Fadia Khodr (Mitte) und Teilnehmerin Vanessa Beste.

Br.-Vilsen - Von Karin Neukirchen-Stratmann. Im August fiel mir das Volkshochschul-Programmheft in die Hand, und ein Kurs weckte meine Neugier: „Arabisch – Sprache und Kultur“. Die Beschreibung bewog mich, mal wieder etwas für die grauen Gehirnzellen zu tun: „Dieser Kurs richtet sich an interessierte Bürger, die sich mit der aktuellen Flüchtlingsfrage auseinandersetzen und sich vielleicht auch in irgendeiner Form engagieren. Der Kurs soll Verständigungsmöglichkeiten mit arabisch sprechenden Flüchtlingen verbessern und helfen, ihre Kultur und Religion zu verstehen.“

Ich engagiere mich zwar bisher nicht aktiv in der Flüchtlingshilfe, interessiere mich aber sehr für das Thema. Neugierig war ich, wer sich wohl zu diesem VHS-Angebot anmelden würde. Ich erwartete zahlreiche Asylbegleiter aus der Samtgemeinde Bruchhausen-Vilsen, doch deren Zahl war übersichtlich. Später erfuhr ich, dass die meisten Asylbegleiter, die ich kenne, von dem Kurs gar nichts wussten. Schade!

Mit zwölf Personen starteten wir Anfang September, der Kurs läuft noch bis Anfang Dezember. Unsere Lehrerin ist Fadia Khodr, eine Libanesin, die 1986 nach Deutschland kam und seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Bruchhausen-Vilsen lebt. Von den Teilnehmern war leider schon nach drei, vier Terminen nur noch die Hälfte regelmäßig dabei. Oft sitzen wir sogar nur zu dritt im Kursraum des Bavendamschen Hauses in Bruchhausen-Vilsen.

Neben der arabischen Sprache, die Fadia Khodr uns – mehr oder weniger erfolgreich – zu vermitteln versucht, erfahren wir auch viel über die Lebensweise und die Heimat der gebürtigen Libanesin. So erzählte sie uns, wie es ihr nach der Flucht mit der Familie vor 30 Jahren erging: „Wir landeten zuerst in Berlin, ich war 15 Jahre alt. Über Helmstedt ging es nach Vechta, da lebte ein Onkel von mir. Wir waren acht Kinder und unsere Eltern.“

Guten Tag, guten Abend, Entschuldigung

Anders als heute, wo alle jugendlichen Flüchtlingskinder für die Schule angemeldet werden, besuchte Fadia Khodr keine Schule: „Da hat niemand nach gefragt, niemand hat etwas gesagt.“ Deutsch wollte sie trotzdem lernen, ebenso wie ihre Geschwister. So besuchte Fadia Khodr einen Sprachkurs. „Wir haben uns immer selber bemüht. Ich bin mit dem Fahrrad zum Sozialamt gefahren, ganz alleine, und habe gefragt, was ich machen könnte.“

Auf diesem Weg kam Fadia Khodr auf die Hauswirtschaftsschule, die sie ein Jahr lang besuchte. Dann lernte sie ihren heutigen Mann (ebenfalls ein Libanese) kennen, der damals schon in Bruchhausen-Vilsen wohnte. Schnell wurde geheiratet, kamen die ersten Kinder. Heute sind es fünf, alle erwachsen, drei sind fertig mit der Lehre. Auch Großmutter ist Fadia Khodr bereits.

Zwischen den Lerneinheiten erzählt sie immer wieder von ihrem Mann, ihren Kindern und Enkeln, auf die sie sehr stolz ist. Wir lernen, dass die Familie im arabischen Raum einen sehr hohen Stellenwert hat.

Zu Beginn jeder Kursstunde verteilt Fadia Khodr einen Zettel mit neuen Wörtern. Guten Tag, guten Abend, Entschuldigung, nein danke, ja, nein, vielen Dank – das waren unsere ersten Wörter. Neben den deutschen Begriffen stehen die arabischen auf dem Papier, zusätzlich haben wir alle einen Zettel mit dem Alphabet. Mir wurde schnell klar, dass ich niemals den Ehrgeiz entwickeln werde, Arabisch lesen oder schreiben zu können. Allein das Sprechen ist schon eine Herausforderung. Wir Kursteilnehmer entwickelten alle unsere eigene Lautschrift, damit wir zu Hause zumindest ansatzweise die richtige Aussprache hinbekommen. Ein Mann hat eine gute Handy-App entdeckt, mit der man prima alte Begriffe wiederholen und neue lernen kann.

„Deutsch muss für Araber schwer sein“

Einige der Teilnehmenden haben beruflich mit Flüchtlingen zu tun, etwa Vanessa Beste, die in der Personalabteilung einer Firma arbeitet. „Da habe ich immer mal wieder Kontakt mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen“, sagt sie. „Wir bekommen auch viele Bewerbungen von Leuten, die aus den arabischen Ländern kommen. Durch den Kurs hoffe ich, mehr Verständnis zu entwickeln. Mich faszinieren auch generell die andere Lebensweise und fremde Kulturen.“ Das Zwischenfazit der 28-Jährigen zum Kurs lautet: „Jetzt hat man eine realistische Vorstellung davon, wie schwer es für einen Araber sein muss, Deutsch zu lernen.“ Die Sprachen sind wirklich sehr unterschiedlich.

Susanne Rusch, mit 69 Jahren die älteste der regelmäßig im Kurs Erscheinenden, hat Flüchtlinge als Nachbarn. „Ich habe mich angemeldet, um ein wenig auch in deren Sprache kommunizieren zu können, auch wenn sie schon ganz gut Deutsch sprechen.“

Frauke Buchroth, Mitarbeiterin in einem Jobcenter, macht mit, um mit arabischen Klienten besser kommunizieren zu können. Den Ehrgeiz, Arabisch schreiben zu lernen, hat sie genau wie ich aufgegeben.

Einen schönen Moment erlebte Vanessa Beste kürzlich, als im TV-Krimi „Tatort“ eine arabische Redewendung benutzt wurde. „Das konnte ich verstehen. Mein Mann war ganz erstaunt“, sagt Beste. Mir ging es genauso  – die Worte waren mir sofort geläufig, und ich freute mich, anscheinend etwas gelernt zu haben. Natürlich weiß ich auch, dass ich viel mehr lernen müsste. Das erinnert an die mühsame Plackerei mit Lateinvokabeln in der Schule. Was Arabisch allerdings wirklich schwierig macht, ist, dass man nichts herleiten kann.

Wir lernen im Kurs Hocharabisch, das in etwa so wie Hochdeutsch. Doch in den arabischen Ländern gibt es ähnlich viele Dialekte wie in Deutschland. Ganz oft sagt Fadia Khodr: „Wir sprechen das zu Hause ganz anders aus.“ Ihre Kinder sind zweisprachig aufgewachsen, das ist ihr wichtig.

Noch haben wir zwei Stunden vor uns. Mitnehmen werden wir ein paar Wörter, je nach Lerneifer auch mehr, für den täglichen Gebrauch. Und neue Einblicke in eine spannende Kultur. Die Teilnahme hat sich gelohnt. Eine Kurs-Wiederholung wäre wünschenswert.

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