Elli Laubinger-Winterstein liest in Händen die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft

„Ich sehe das Leben anhand der Linien“

Elli Laubinger-Winterstein liest in den Händen ihrer Gäste wie in einem offenen Buch. - Foto: Anne Schmidtke

Br.-Vilsen - Von Anne Schmidtke. Wie sieht meine Zukunft aus? Werde ich mich beruflich verändern, Kinder bekommen oder eine Krankheit? Antworten auf solche Fragen glaubt Elinor „Elli“ Laubinger-Winterstein zu wissen. Sie ist Handleserin, genau wie ihre Mutter und Großmutter es waren. „Ich orientiere mich an den Linien in den Handinnenflächen“, sagt die 61-jährige Cloppenburgerin, die zurzeit mit ihrem gemütlich eingerichteten kleinen Wagen auf dem Brokser Heiratsmarkt steht.

Am Sonnabend sucht sie ein junger Mann, der namentlich nicht in der Zeitung genannt werden möchte, aus Neugier auf. Er ist zum ersten Mal bei einer Handleserin und sichtlich nervös. Elli Laubinger-Winterstein begrüßt ihn freundlich, bittet ihn, ihr gegenüber auf einer Bank Platz zu nehmen und die rechte Hand mit der Innenfläche nach oben auf ein Handtuch zu legen, das auf einem Tisch zwischen ihnen platziert ist. „Sie müssen die Hand locker lassen“, sagt Laubinger-Winterstein, guckt sich die Linien kurz an und geht auf die Schulzeit des jungen Mannes ein. „Sie hätten schon mehr leisten können, an Intelligenz mangelt es Ihnen auf jeden Fall nicht.“ Während der Sitzung wirft die Handleserin nur hin und wieder einen Blick auf die Hand ihres Kunden. Häufiger schaut sie ihm in die Augen, während sie aus seinem 27-jährigen Leben berichtet.

Sie erzählt ihrem Besucher zudem, dass er weit über 85 Jahre alt und geistig auf der Höhe bleiben werde. „Ich sehe bei Ihnen keine Demenz“, sagt die 61-Jährige, die seit einigen Jahren das Handlesen praktiziert. „Man kann das nicht lernen. Es ist ein Geschenk Gottes“, berichtet die gelernte Dachdeckerin. Ihre Großmutter habe drei Töchter, von denen lediglich eine die Gabe geerbt habe. „Meine Mutter hat auch drei Töchter, von denen nur ich das Handlesen beherrsche“, behauptet die 61-Jährige. Sie sei glücklich, dass ihre Nichte ebenfalls über diese Gabe verfüge. „Sie wird irgendwann meine Nachfolgerin.“

Doch zurück zu dem jungen Mann. Er bekommt von der Handleserin, die er nach eigenen Angaben zuvor noch nie in seinem Leben gesehen hat, den Rat, zum Orthopäden zu gehen. „Sie sollten Ihre Füße untersuchen lassen. Diese haben Fehlstellungen“, sagt die 61-Jährige, die keinen Blick auf die Füße ihres Kunden gerichtet hat. Trotzdem scheint sie mit ihrer Aussage richtig zu liegen, denn der junge Mann bestätigt mit einem Nicken das Gesagte.

Nach der Gegenwart schwenkt Laubinger-Winterstein in die Zukunft ihres Gegenübers. „Ich sehe in Ihrer Hand drei Kinder“, sagt die 61-Jährige, die dank ihres schlanken Körpers, der dunklen vollen Haare und des modernen Kurzhaarschnitts auch als 40-Jährige durchgehen könnte. „Allerdings entscheidet Ihre Freundin, wie viele es schließlich werden.“ Sie rät ihm noch, bei Bankgeschäften darauf zu achten, die Papiere nicht sofort zu unterschreiben, sondern alles zu hinterfragen, was er nicht verstehe.

„Ich könnte Ihnen noch mehr erzählen“, sagt die Handleserin, „doch die Redakteurin, die neben Ihnen sitzt und alles genau beobachtet, hemmt mich.“

Daher fragt sie ihren Besucher, ob er noch was wissen wolle. Er verneint, und die Sitzung ist nach etwa 15 Minuten beendet. Der Gast nimmt seine Hand vom Tisch und wirkt gleich viel entspannter. Er hat nichts erfahren, wovor er Angst haben müsste. Aber es war auch nichts dabei, was ihn zu überraschen schien. „Die Sitzung konnte man über sich ergehen lassen. In ihr steckte viel Wahrheit“, sagt der junge Mann.

Er bleibt noch ein bisschen im Wagen, und die Handleserin berichtet aus ihrem Leben. Sie erzählt, dass eine Sitzung in der Regel zwischen 30 und 60 Minuten dauert und etwa 30 Euro kostet. Für den jungen Mann war das Handlesen kostenlos, da die Presse dabei war.

Ferner erklärt Laubinger-Winterstein, dass ein Schwarz-Weiß-Film vor ihren Augen ablaufe, wenn sie die Handlinien ihrer Besucher betrachte. „Ich sehe das Leben anhand dieser Linien“, sagt Laubinger-Winterstein. Bei ihr selbst funktioniere das allerdings nicht. „Ein Friseur schneidet sich ja auch nicht selbst die Haare.“ In ihre eigenen Hände schaue sie daher nicht. Das würde auch nichts bringen, weil sie nur ihre Wünsche und nicht die Wirklichkeit sähe.

Sie wolle noch ein paar Jahre als Handleserin tätig sein. „Meine Nichte ist ja erst 38 Jahre alt.“ Da zum Handlesen eine gewisse Reife gehöre, sollte man laut Elli Laubinger-Winterstein frühestens mit 45 Jahren damit beginnen.

Bevor der junge Mann sich von ihr verabschiedet, zollt sie ihm Respekt. „Die meisten haben keinen Mut, zu mir zu kommen, weil sie Angst haben, dass sie aus dem Wagen nicht wieder heil herauskommen.“

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