Annemarie Stoltenberg im Interview

„Bücher sind heute Massenware“

Annemarie Stoltenberg - Foto: Ulf Kaack

Br.-Vilsen - Von Ulf Kaack. Bücher sind spannend und unterhaltend – sie bilden, vermitteln dabei Anspruch und Werte. Wir sprachen mit Annemarie Stoltenberg über den aktuellen Literaturbetrieb, modernes Leseverhalten sowie ihre ganz persönlichen Vorlieben und Leidenschaften, wenn‘s um Bücher geht.

Haben digitale Medien, das Internet, E-Books und Hörbücher, unsere Lesekultur nachhaltig verändert?

Annemarie Stoltenberg: Viele Menschen nutzen heute die digitalen Medien – weil sie es wollen oder dazu gezwungen sind. Zwangsläufig beschäftigen sie sich dann mit dem Lesen irgendwelcher Texte, was schon mal gut ist. E-Book-Reader sind leicht und bequem. 

Ohne großes Schleppen kann man heute sehr viele Titel mit auf Reisen nehmen. Doch wenn in 100 Jahren jemand auf den Dachboden seiner Urgroßeltern geht und dort eine Kiste mit Büchern findet, dann wird er sie lesen können. Bei elektronischen Medien bin ich mir da nicht so sicher. Bis dahin wird sich die Technik mehrfach überholt haben.

Wie werden sich literarische Schwergewichte wie Rilke, Grass, Böll, Brecht, Fontane oder Lenz in dieser andersartigen Lesekultur behaupten können?

Stoltenberg: Sie werden keinesfalls in Vergessenheit geraten, wohl eher etwas in den Hintergrund rücken. Jede literarische Generation hat ihre Autoren mit entsprechender Strahlkraft, die mit der Zeit ein wenig blasser wird. Das ist ein normaler Prozess, der in Ordnung ist.

Benutzen Sie persönlich einen E-Book-Reader?

Stoltenberg: Ja, schon von Berufs wegen komme ich da nicht drum rum. Ich muss öfter mal einen neuen Titel als PDF-Datei lesen, wenn er als gedruckte Ausgabe noch nicht vorliegt. Ich bevorzuge aber ganz ausdrücklich das Buch in seiner klassischen Form, brauche einfach diese haptische Wahrnehmung. Den Geruch von Papier, das Geräusch beim Umblättern der Seiten. Kürzlich habe ich den Roman „Nussschale“ von Ian McEwan am Bildschirm gelesen und fand ihn wenig überzeugend. Anschließend las ich das Werk in Buchform und war begeistert. Eine seltsame Psychologie verbirgt sich ganz offensichtlich dahinter.

Was bevorzugen Sie ganz persönlich – intellektuelle literarische Kost oder vergleichsweise leichte Belletristik?

Stoltenberg: Beides, ich will mich da nicht festlegen, neige auch nicht zu dieser Schubladendenke. Wir haben ein großes, vielfältiges und buntes Literaturangebot hier im Lande. Mich wundert oftmals, dass die Feuilletons zumeist die elitären intellektuellen Titel aufs Schild heben, die unterm Strich kaum die Massen erreichen. Dabei haben wir in der Kulturlandschaft einen hervorragenden Mittelbau von Autoren mit vielen schönen und leichtgängigen Werken - sprachlich und inhaltlich anspruchsvoll, das Bewusstsein anregend. Die verdienen mehr Aufmerksamkeit.

In wessen Biografie haben Sie sich zuletzt vertieft?

Stoltenberg: Im Rahmen der Hörfunksendung „Klassik à la carte“, die auf NDR Kultur läuft, musste ich mich mit der Autobiografie „Warte nicht auf bessre Zeiten“ von Wolf Biermann auseinandersetzen. Im Vorfeld war mir dabei unwohl. Völlig zu Unrecht, wie sich beim Lesen und anschließend in der Sendung rausstellte. Er wollte das Buch gar nicht schreiben, seine Frau Pamela motivierte ihn dazu. Biermann schrieb daraufhin viele kleine Texte und Episoden auf, die seine Gattin wie ein großes Puzzle zu einem absolut lesenswerten Opus zusammenfügte.

Wie viel Bücher stapeln sich bei Ihnen zu Hause?

Stoltenberg: Da stapelt sich Garnichts, meine Bücher sind alle gut sortiert. Anders ginge es nicht. Ich schätze, so rund 10.000 Titel sollten es wohl sein.

Darf man Bücher wegwerfen?

Stoltenberg: Ja, ausdrücklich: Man darf! Bücher sind heute Massenware, jederzeit reproduzierbar. Was einem nicht gefällt, muss weg, um Platz für Neues zu schaffen. Bei Taschenbüchern werden häufig die Seiten brüchig und Holzbrand tritt auf. Das macht sie nach einigen Jahren unlesbar. Weg damit! Ich spende meine überschüssigen Titel meist einer Seniorenresidenz. Ein Öko-Tipp am Rande: Farbig gedruckte Umschläge und Hardcover gehören nicht ins Altpapier, nur die bedruckten Seiten des Inhalts.

Sie sind selber vielfach als Autorin und Herausgeberin in Erscheinung getreten. Gibt es aktuelle Projekte?

Stoltenberg: Nein, es gibt genügend gute Bücher und Autoren. Da muss ich nicht auch noch mitmischen. Allerdings etabliert sich meine Tochter Gerhild gerade als Schriftstellerin. In Kürze erscheint ihr erster Roman „Überall bist du“ im Atlantik Verlag.

Eine brandaktuelle Frage: Halten Sie Bob Dylan als Literatur-Nobelpreisträger für eine gelungene Wahl?

Stoltenberg: Ich bin da wie die meisten Mitmenschen gespaltener Meinung. Der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering hat sein Werk akribisch untersucht und seine Bedeutung für die Weltkultur analysiert. Ohne Zweifel ist Dylan ein hervorragender Poet, der dieser Ehrung würdig ist. Trotzdem sollte man darüber nachdenken, für singende und komponierende Literaturschaffende einen eigenen Preis ins Leben zu rufen. Eine schärfere Trennung wäre sinnvoll, brächte Vielfalt und würde unnötiges Konkurrenzdenken zwischen den Genres verhindern.

Sehen Sie in den nächsten Jahren einen deutschsprachigen Literatur-Nobelpreisträger am Horizont?

Stoltenberg: Aus meiner Sicht wäre Günter de Bruyn ein geeigneter Kandidat. Er hat große Spuren in der kritischen DDR-Literatur hinterlassen. Obwohl er es gekonnt hätte, hat er den Arbeiter- und Bauernstaat nie verlassen. Das machte den Menschen dort Mut. Auch das Spätwerk des mittlerweile 90-Jährigen ist hochgelobt und wertgeschätzt. Ein weiterer Kandidat wäre Christoph Hein für mich, der über eine ähnliche Biografie verfügt. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass es einer der beiden werden könnte.

Zum zwölften Mal sind Sie nun zu Gast in Bruchhausen-Vilsen. Sind Sie nur eine Durchreisende?

Stoltenberg: Keinesfalls, ich kenne die Region gut und schätze sie sehr. Meine ersten fünf Lebensjahre habe ich in Barme bei Verden verbracht und bin mit meinem Vater häufig übers Land gefahren. Für den NDR habe ich mehrfach über die Museumseisenbahn berichtet, was mich jedes Mal nachhaltig beeindruckt hat. Erstmals übernachte ich heute hier, und zwar im Forsthaus Heiligenberg – ein traumhaftes Fleckchen Erde ist das dort. Und last but not least: Bei mir zu Hause in Hamburg kommt das berühmte Mineralwasser aus Bruchhausen-Vilsen auf den Tisch.

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