Uwe Seeler gibt sich im Interview bescheiden und bodenständig

„Besser auf dem Teppich bleiben“

Eine Stunde lang stand Uwe Seeler (links) dem Journalisten Ulf Kaack geduldig Rede und Antwort. - Foto: Oliver Siedenberg

Br.-Vilsen - Von Ulf Kaack. In seiner aktiven Zeit galt er als weltbester Mittelstürmer: Uwe Seeler. Von 1953 bis 1972 kickte er für den HSV, schoss dabei 473 Tore für sein Team. Der Nationalmannschaft gehörte er 72 Mal an, traf für sie 43 Mal ins Netz, spielte bei vier Weltmeisterschaften mit, allerdings ohne dabei jemals den Titel zu erreichen.

Die Liste Ihrer Ehrungen ist lang: Ehrenspielführer des DFB, Ehrenbürger Hamburgs, dreimal Fußballer des Jahres, vor dem HSV-Stadion steht das Abbild ihres rechten Fußes dreieinhalb Meter hoch in Bronze gegossen …

... Junge, lass mal gut sein. Nur weil einer ein bisschen besser Fußball kann als andere, ist das noch kein Grund zum Verrücktwerden. Es geht um den Sport, das Team, den Verein. Mich selber habe ich nie im Vordergrund gesehen. Natürlich freue ich mich über meine Auszeichnungen und bin stolz auf die Wertschätzungen. Aber andere Menschen vollbringen auch jeden Tag tolle Leistungen, ohne dabei im Rampenlicht zu stehen. Besser auf dem Teppich bleiben.

Warum stehen Sie heute nicht selber auf dem Fußballplatz von Bruchhausen-Vilsen und unterstützen das All-Star-Team?

Das geht leider nicht mehr. Vor fünf Jahren hatte ich einen schweren Autounfall. Vor dem Elbtunnel sind mir in einer 80er-Zone zwei Osteuropäer mit 220 Klamotten hinten in den Wagen geknallt. Trotz guter Heilung lassen meine betagten Knochen eine solche Belastung nicht mehr zu. Auch auf mein geliebtes Golfspiel muss ich seitdem verzichten. Übrigens: Ich hab hier in der Gegend, in Syke, auch schon ein paarmal gegolft. Und in – wie sagt ihr hier? – Broksen war ich auch schon mal: 1975 zusammen mit meinem langjährigen Freund Max Lorenz zur Einweihung der Flutlichtanlage.

Max Lorenz ist gebürtiger Bremer, sie ein Hamburger. Zwischen den beiden Hansestädten besteht eine lange Rivalität, im Speziellen zwischen dem HSV und Werder. Wie passt das zusammen?

Das passt gut, wenn man sich gut versteht. Diese Rivalität ist Schwachsinn. Sie geht meines Wissens zurück auf die Konkurrenz beider Städte in der Hansezeit und hat hier heute nichts mehr zu suchen. Doch das Gegenteil ist leider der Fall. Vor allem wenn ich mir die Fans ansehe, nicht alle natürlich. Was im Stadion manchmal gesungen und gegrölt wird, trägt kriminelle Züge. Ebenso dieses illegale Pyrozeugs, der Vandalismus und die Gewalttätigkeit in und außerhalb der Stadien. Ich lehne dieses Verhalten zutiefst ab. Klar waren wir seinerzeit bei einem Spiel gegen Werder ganz besonders motiviert. Gerade Max und ich haben uns öfters gekabbelt. Aber nach dem Abpfiff war das vorbei, waren wir Freunde und Sportskameraden.

Sie werden besonders im Norden gern niederdeutsch als „Uns Uwe“ bezeichnet. Schnacken Sie Platt?

Früher hatte ich das gut drauf. Als Lehrling bei einer Hamburger Spedition hatte ich häufig im Hafen zu tun. Ohne Platt wäre ich dort aufgeschmissen gewesen. Leider ist die Fähigkeit des Plattschnackens bei mir mangels Training über die Jahre etwas versandet. Verstehen kann ich es gut. Ich mag diese Sprache, ihren Klang.

Wie oft haben die Medien Sie in diesem Jahr bereits zu dem Wembley-Tor von 1966 befragt?

Hör bloß auf! Ich kann‘s nicht zählen. Der Ball war eindeutig im Tor. Das wissen wir, das wissen die Engländer. Der Schiedsrichter hat zuerst auf Ecke gepfiffen und erst anschließend das Tor gegeben. Bis heute ist mir diese Entscheidung schleierhaft geblieben. Die Königin saß auf der Tribüne und wir Spieler hatten strikte Anweisung, uns vorbildlich zu verhalten. Darum war unser Protest recht verhalten. Natürlich hätten wir das Tor auch gern für uns verbucht. Die Mannschaft hat es damals mit sportlicher Fairness genommen. Heute lachen wir gemeinsam mit den Briten darüber.

Sie haben noch Kontakt zu den damaligen WM-Gegnern?

Klar doch. Wir haben sogar gemeinsam Benefizspiele in den alten Formationen gegeneinander veranstaltet. Zu Bobby Charlton und seinem Bruder Jack sowie dem dreimaligen Torschützen der Partie Geoff Hurst pflege ich bis heute freundschaftliche Kontakte. Auch mit Bremens Torwartlegende Bert Trautmann, der nach seiner Kriegsgefangenschaft mit Manchester United eine Riesenkarriere machte, war ich bis zu seinem Tod 2013 gut befreundet. Überhaupt sind wir Fußballer – alte und junge – eine große Familie. Irgendwie kennt jeder jeden, und man läuft sich immer mal wieder über den Weg. Zum Kader der heutigen Mannschaft gehören beispielsweise 60 Ex-Profis, zu denen Max Lorenz den Kontakt hält und praktisch auf Knopfdruck ein komplettes Team abrufen kann.

Wenn Sie noch mal 20 wären, würden Sie heute im modernen Profi-Fußball spielen wollen?

Auf jeden Fall. Mir ging es immer um den Sport, und ich würde mit dieser Einstellung immer wieder auf den Platz laufen. Vieles war zu meinen aktiven Zeiten anders. Die Kameradschaft, die Finanzen, die Fans. Helmut Schön und vor allem Sepp Herberger waren absolute Respektspersonen, die ihre Vorbildrolle lebten. Da ist heute vieles lockerer geworden. Geld und Medien haben den Sport gravierend verändert. Was aber letztendlich zählt, ist die Leistung auf dem Platz und die Tore nach dem Abpfiff.

Ihr Tipp: Wer wird deutscher Meister?

Bayern!

Äh, nicht der HSV? Oder Werder?

Der HSV ist leistungsmäßig weit von der Spitze entfernt. Ich wäre über einen Platz im Mittelfeld schon glücklich. Die letzten drei Saisons waren grausam. Und was soll ich zum Bremer Team sagen nach dem Aus im DFB-Pokal, ohne mich hier im Werder-Land flächendenkend unbeliebt zu machen? Lass man gut sein, Jung.

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