Ärztesprecher: Mediziner vor großen Herausforderungen

Mehr Patienten – weniger Zeit für Hausbesuche

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Der Job des Hausarztes scheint für viele Mediziner nicht sonderlich attraktiv zu sein.

Bassum - Von Anke Seidel. Er ist Mediziner mit Leib und Seele, aber auch Politiker und Sprecher seiner Kollegen im Altkreis Grafschaft Hoya: Seit acht Jahren hat Dr. Christoph Lanzendörfer (61) diese Funktion bei der Kassenärztlichen Vereinung (KV) inne – und ist für weitere sechs Jahre in dieses Amt gewählt worden.

Dr. Christoph Lanzendörfer (61) ist für weitere sechs Jahre zum Ärztesprecher der KV gewählt worden. 

Es sind rund 650 Ärzte und Psychotherapeuten, die der Mediziner aus Bassum vertritt. Die größte Herausforderung beschreibt Dr. Lanzendörfer in nur einem Wort: „Umwandlung!“ Denn die Aufgabe, als Allgemeinmediziner die Menschen in einer bestimmten Region zu versorgen und zu betreuen, scheint heute bei weitem nicht mehr so attraktiv zu sein wie in der Vergangenheit. Nur etwa die Hälfte der Ärzte enscheide sich noch dafür, sagt der KV-Sprecher, die andere Hälfte arbeite lieber als Facharzt: „Das Verhältnis hat sich deutlich in Richtung spezialisierte Fachärzte verschoben.“ Dabei sei auch der Allgemeinmediziner ein Facharzt, betont Lanzendörfer – und nennt eine Richtzahl: „1.671 Einwohner soll ein Allgemeinmediziner in unserer Region versorgen.“ Im Speckgürtel von Bremen ließe sich das locker erreichen, in anderen Bereichen gebe es Probleme.

Christoph Lanzendörfer blickt nach Twistringen: Durch Auflösung einer Doppelpraxis und den Weggang einer Medizinerin würden dort gleich drei Ärzte fehlen. „Dadurch sind knapp 5.000 Menschen unterversorgt“, sagt Lanzendörfer. Die Ärzte in Bassum hätten das Defizit zum Teil aufgefangen – aber das hat Konsequenzen: Steigende Patienten-Zahlen führen zu sinkenden Zeiten für Hausbesuche. „Die Zeit dafür wird immer knapper“, sagt der KV-Sprecher. Der demografische Wandel trifft die Mediziner gleich doppelt, wenn die Zahl der Allgemeinmediziner sinkt und die Menschen immer älter werden – sprich zunehmend auf ärztliche Betreuung Zuhause angewiesen sind. „Das ist schon desillusionierend“, sagt Dr. Lanzendörfer, der – neben dem Praxisbetrieb – medizinisch für drei Seniorenheime zuständig ist.

Medizinische Versorgung nicht ausreichend

Auch wenn er selbst dafür Zeit im Urlaub opfert, um allen Aufgaben gerecht zu werden: Zurzeit sei die medizinische Versorgung im Landkreis Diepholz – Twistringen einmal ausgenommen – noch ausreichend. Und in der Zukunft? „Ich gehe davon aus, dass wir neue Arbeitszeitmodelle bekommen werden.“

Die Praxis Zuhause unter dem Dach des Arztes – Geschichte: „Schon heute sind 75 Prozent der Medizin Studierenden an der Universität Hannover weiblich“, nennt der KV-Sprecher ein Beispiel. Beruf und Familie über eine Halbtagsstelle vereinen – das ist die Zukunft auch im medizinischen Bereich: „Eine Praxis mit zwei Ärzten – das ist das Modell.“

Um die Notsprechstunden gemeinsam zu schultern, gibt es in Stuhr und am Krankenhaus Bassum längst Hausarzt-Kooperationen – auch in Diepholz. „Die Umsetzung ist aber noch nicht überall erfüllt“, blickt Lanzendörfer Richtung Sulingen.

Der Landkreis Vechta sei einen anderen Weg gegangen. Dort habe das Krankenhaus die Notdienst-Sprechstunden komplett übernommen. Ein Modell, das den Allgemeinmedizinern die Wahl lässt: „Es gibt viele, die möchten das gerne machen. Denn es gibt gutes Geld“, sagt der KV-Sprecher, „aber es gibt andere, denen ist eine 60-Stunden-Woche zuviel.“ Anders ausgedrückt: Mediziner arbeiten künftig deutlich individueller als das bisher der Fall war.

Zahl der Patienten vorgegeben

Aber alles hat Grenzen. Gemeint ist in diesem Fall die Zahl der Patienten pro Praxis: „Wir dürfen nur eine bestimmte Anzahl von Patienten behandeln, sonst gibt es Abschläge – bis zu 90 Prozent“, erläutert Lanzendörfer. Nur bei nachweislicher Not – wie zum Beispiel in Twistringen – würden diese Grenzen aufgehoben.

Andererseits gebe es auch Allgemeinmediziner, die ihr volles Potenzial nicht ausschöpfen: „Dafür müssen die anderen dann mehr machen.“

Bei aller Freude und bei allem Herzblut für den Beruf des Allgemeinmediziners, das bei Christoph Lanzendörfer zu spüren ist: Ein dunkler Schatten fällt trotzdem auf den Praxis-Alltag. Es ist der der Bürokratie. 900 Gramm Formulare, so hat er schon vor Jahren ausgewogen, müssen im Schnitt bearbeitet werden – pro Tag.

Für die gesetzlichen Krankenkassen gebe es sage und schreibe 74 verschiedene Formulare für Rezepte – zuvor seien es mehr als 80 gewesen. „Weggefallen ist zum Beispiel das Formular für den Antrag auf einen Antrag für Reha-Leistungen“, stellt Lanzendörfer trocken fest. Rund 20 Stunden muss er pro Woche für bürokratische Aufgaben aufwenden, erledigt sie in der Regel abends oder am Wochenende.

„23 Prozent ihrer Einnahmen geben die Kassen für die Kontrolle der anderen 77 Prozent aus“, sagt der KV-Sprecher – für ihn ein unhaltbarer Zustand: „Nur die Glühbirne hat einen schlechteren Effizienz-Quotienten!“

Deshalb plädiert er für eine tiefgreifende Entrümpelung der Bürokratie. Denn sie mache den Beruf des Allgemeinmediziners unattraktiv. Genau der kann – losgelöst von der Formularflut – aber eine überaus erfüllende Aufgabe sein. Begeistert beschreibt Lanzendörfer die familiäre Zusammenarbeit in seiner Praxis – Hand in Hand mit dem Team: „Es ist ein Beruf mit sehr vielen sozialen Kontakten, die menschlich sehr bereichernd sind.“

Der Mensch, so betont der 61-Jährige, müsse ganzheitlich im Mittelpunkt stehen und behandelt werden: „Bio-psycho-sozial!“ Aber heutzutage stehe der „Homo Oeconomicus“ im Mittelpunkt. Will heißen: Es zählen nur die Kosten, die Krankenkassen möglichst niedrig haben wollen. „Das ist für viele ein Schock“, blickt der KV-Sprecher auf junge, motivierte Mediziner. Doch es gibt sie, diese Hoffnungsträger, die sich nicht beirren lassen: Einen solchen Nachwuchs-Kollegen, der ein Medizin-Stipendium des Landkreises nutzt, hat Lanzendörfer in seiner Praxis schon als Praktikanten erlebt – ein junger Mann, der sich mit Herzblut dieser Aufgabe widmet.

„Einer der vielen Hoffnungsträger“, sinniert Lanzendörfer. Denn der KV-Sprecher ist trotz aller Widrigkeiten zuversichtlich: „Insgesamt wird die Medizin nicht aussterben.“

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