„Man wird nur auf seine Schale reduziert“

Adipositas-Patienten im Landkreis Diepholz fühlen sich oft diskriminiert

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Übergewichtige Menschen fühlen sich von ihrem Umfeld oft diskriminiert. 

Bassum - Von Julia Kreykenbohm. Anne K. (Name geändert) steht am Bahngleis, wartet auf den Zug und isst ein belegtes Baguette. Eine Frau kommt mit großen Schritten an ihr vorbeigeeilt und zischt aus dem Mundwinkel: „Ja, das muss ja nun auch noch sein!“ Dieser kleine Satz, so nebenbei abgefeuert, trifft bis ins Mark. Anne K. ist übergewichtig und diese Geschichte, die sie in der Selbsthilfegruppe der Adipositas-Patienten Landkreis Diepholz im Klinikum Bassum erzählt, ist kein Einzelfall. Weder im Landkreis, noch in Deutschland. Übergewichtige Menschen werden laut einer Forsa-Umfrage in Deutschland häufig stigmatisiert und ausgegrenzt.

Können das die rund 20 Frauen, die an diesem Abend zusammengekommen sind, bestätigen? Viele nicken eifrig: „Vor allem in der Kindheit.“ Doch die Frauen unterscheiden auch zwischen der „aktiven“ Diskriminierung und der „passiven“. „Man fühlt sich schief angesehen, wenn man beispielsweise Pizza oder Eis in der Öffentlichkeit isst. Nur weiß man nicht, ob die Leute wirklich spöttisch gucken oder ob man es sich nur einbildet, weil das Selbstwertgefühl so leidet“, schildert eine Frau.

Ebenso verhalte es sich beim Besuch im Freizeitpark, wenn man nicht auf die Sitze passe, im Flugzeug um eine Gurtverlängerung bitten müsse oder beim Niederlassen auf Sonnenstühlen, bei denen man Angst habe, dass diese nicht halten. Viele setzen sich selbst heute nicht, obwohl sie stark abgenommen haben. Dann gebe es noch die lapidaren Äußerungen, die vielleicht nicht böse gemeint sind, aber trotzdem verletzen. „Wenn meine Bekannten einen Ausflug gemacht haben, sagten sie zu mir: ,Du kannst ja dann leider nicht mit, weil wir weit laufen werden.’“

Mit schlanken Menschen wird anders umgegangen

Wieder andere Menschen sagen den Betroffenen ihre Meinung kalt ins Gesicht. „In einem Bekleidungsgeschäft sagte die Verkäuferin gleich zu mir, ich sei im falschen Laden, sie hätten hier nichts in meiner Größe“, erzählt eine andere Teilnehmerin der Gruppe. „Darauf sagte ich: ,Und Sie sind offenbar im falschen Beruf’.“

Mit schlanken Menschen wird anders umgegangen, sind sich die Frauen einig. „Nachdem ich abgenommen hatte, waren die Leute offener und haben mehr mit mir geredet und Freunde meinten: ,Es ist ja nicht so, dass du nicht gut aussahst, aber jetzt siehst du toll aus’.“ Mit diesem Satz bestätigt die Teilnehmerin der Selbsthilfegruppe das Ergebnis der Forsa-Umfrage, bei der 71 Prozent der Bevölkerung stark Übergewichtige unästhetisch fanden.

Die Schuld für Übergewicht sehen viele Menschen bei den Betroffenen selbst. Fast jeder Zweite meint, dass Bewegungsmangel schuld daran ist. Ein Drittel schiebt es auf falsche oder ungesunde Ernährung. Der Satz: „Mach doch einfach mal Sport“, sorgt bei den Frauen für allgemeines Augenverdrehen. „Das sagt sich so leicht. Ich möchte denjenigen sehen, der sich mit 100 Kilogramm einen Badeanzug anzieht oder ins Fitnessstudio geht. Da wird der Sport zum Spießrutenlauf. Allein das Treppenlaufen ist ein Kraftakt.“

Man müsse erstmal Gewicht verlieren, um überhaupt körperlich in der Lage zu sein, sich sportlich zu betätigen. Es gebe Betroffene, die das mit viel Disziplin schaffen, doch die Mehrheit brauche eine Magenverkleinerung. Die Leiterin der Gruppe, Tina B. (Name geändert), kennt das Problem. Sie wog 150 Kilogramm, stellte ihre Ernährung um, nahm ab und wieder zu. Sport konnte sie aufgrund ihres hohen Blutdrucks nicht treiben. Als ihre Lebensqualität immer mehr litt, entschloss sie sich zur Operation und verlor danach 80 Kilogramm.

Adipositas ist eine Krankheit

Der Tipp, einfach weniger zu essen, sei ebenfalls nicht hilfreich. Adipositas ist eine Krankheit, die verschiedene Ursachen haben kann: Stoffwechselstörungen oder genetische Dispositionen. Und auch das Essen von zucker- oder fetthaltigen Nahrungsmitteln habe oft psychosomatische Ursachen. „Es ist erwiesen, dass der Zucker bei regelmäßigem Verzehr irgendwann vom Gehirn gefordert wird – ähnlich wie bei Drogensüchtigen der entsprechende Stoff“, erläutert Tina B. Aber: „Es wird eben nie gefragt, warum und wieso, sondern gleich ein Urteil gefällt. Man wird nur auf seine Schale reduziert.“

Was würden sich die Mitglieder der Selbsthilfegruppe von ihrem Umfeld wünschen? „Mehr Toleranz, Feinfühligkeit und Aufklärung“, lautet das Fazit. Die Leute sollten im Blick haben, dass Fettleibigkeit viele Ursachen haben kann und oft Schicksale hinter den vielen Pfunden stecken. „Ich war Hochleistungssportlerin“, berichtet eine Frau. „Dann gingen meine Knie kaputt und das hat mich sehr gefrustet. So fing alles an.“

Die Ärzte sollten besser geschult werden, denn auch bei ihnen haben die Frauen schon beschämende Situationen erlebt. „Beim Ultraschall sagte einer: ,Mal sehen, ob wir durch die Fettschichten durchkommen’.“ Die Ärzte würden sämtliche gesundheitliche Beschwerden sofort auf das Übergewicht schieben. „Adipositas wird zur Dauerdiagnose“, so Tina B. resigniert. Häufig seien die Frauen besser über ihre eigene Krankheit informiert als die Mediziner.

In Deutschland müssten die Krankenkassen Operationen wie Magenverkleinerungen mehr fördern, meint Tina B. In Skandinavien sei man schon weiter. „Dort hat man verstanden, dass Adipositas eine Krankheit ist, die sich schon zu einer Volkskrankheit gewandelt hat.“

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