„Ich war ja sicher, wir kommen bald zurück“

Gerd Gohlke sieht kaum Parallelen zwischen der Flucht damals und heute

Ein Bild aus Ostpreußen vor dem Krieg. Der Ort Zinten.

Bassum - Von Julia Kreykenbohm. Die Flucht lehrt, wie wertlos ein Menschenleben ist. Nach langen Momenten der Stille kommt dieser Satz über Gerd Gohlkes Lippen, als Antwort auf die Frage, welche Lektion ihn seine Flucht gelehrt habe. Sie erscheint hart, besonders wenn man bedenkt, dass er erst acht Jahre alt ist, als er sie eingehämmert bekommt. Da hat er seine Heimat Königsberg im damaligen Ostpreußen schon verlassen und befindet sich auf einem Schiff, das ihn, seine Schwester und Großmutter aus Kolberg (heute Kolobrzeg, Polen) fortbringen soll. Das war im Jahr 1945.

Mit ihnen sind 200 bis 300 Menschen an Bord, die im Frachtraum eng beieinander hocken, auf Stroh schlafen und einer ungewissen Zukunft entgegenreisen. Menschen, die wie er ihre Heimat verloren haben und nicht wissen, wie es weitergeht, mit sich selbst und ihrem Land.

„Ich erinnere mich an einen Mann, der plötzlich ausrastete und um sich schlug“, sagt Gohlke. Doch vor allem erinnert er sich an die Toten. Viele seiner Mitreisenden überleben die Fahrt nicht, sterben an Unterernährung und Krankheit. „Anfangs bekamen sie eine Seebestattung. Als es immer mehr wurden, fingen wir an, die Leichen zu stapeln.“

Dramatisch wird es, als die russische Armee das Schiff beschießt und eiskaltes Wasser in den Frachtraum eindringt. Die Matrosen versuchen, es abzuschöpfen. Einer sagt: „Jetzt habe ich den Russlandfeldzug überlebt und saufe hier ab!“ Gerd Gohlke krabbelt hastig zu den Gepäckstücken, die eine Etage über ihnen aufbewahrt werden, um sich in Sicherheit zu bringen. An Schwester und Oma denkt er in dem Moment nicht. „Man ist erstmal nur auf sein eigenes Überleben fixiert“, sagt Gohlke.

„Vielleicht fehlt mir dieses Verständnis auch, weil ich aus einer anderen Zeit komme.“

Flüchtlinge, die eng zusammengepfercht auf einem Boot kauern, eine Überfahrt, die viele nicht überleben, das Meer, das zum Massengrab zu werden droht – rufen die aktuellen Bilder der Menschen aus Syrien und Afrika Erinnerungen an seine eigene Flucht in ihm wach? Der Bassumer überlegt. Für einen Außenstehenden sind die Parallelen klar, doch Gohlke ist vorsichtiger mit solchen Vergleichen. Sicher sei einiges ähnlich – und doch anders, meint er. „Ich kann verstehen, dass man vor dem Krieg flieht, aber ich verstehe zum Beispiel nicht, wie man sein ganzes Geld und sein Schicksal in die Hände eines Schleppers legen kann. Oder dass die Familien ihre Söhne allein auf diese Reise schicken. Doch vielleicht fehlt mir dieses Verständnis auch, weil ich aus einer anderen Zeit komme.“

Seine Mutter hat sich lange geweigert, zu fliehen, obwohl sich die Lage immer weiter zuspitzte. Zweimal in einer Viertelstunde wird Königsberg 1944 bombardiert. Sieht Gohlke heute die Nachrichten aus Aleppo, denkt er: „Ja, so ist das, wenn die Bomben fallen. Wobei es ja heute noch schlimmer ist, denn die Waffen sind grausamer geworden. Nagelbomben zum Beispiel gab es damals nicht.“

Er erinnert sich an den Feuerschein in der Nacht, der verriet, wie nahe die Front schon vorgerückt war. Dann erreicht Königsberg die Nachricht: „Waffenstillstand“. Erleichterung und gleichzeitig bange Ungewissheit: Was kommt jetzt? Die russische Armee rückt näher. Flüchtlingstrecks passieren Königsberg, bringen schauerliche Geschichten aus den Gebieten mit, die sie verlassen haben, und sind wie Vorboten für Gohlkes eigenes Schicksal. Durch sie lernt er, was Flucht bedeutet, nimmt es aber noch nicht sonderlich Ernst. „Ich habe sogar hin und wieder Flucht gespielt.“

In Kolberg kamen erste Zweifel

Dann wird aus dem Spiel Ernst. Seine Mutter reist – trotz Verbot, denn es gilt als Feigheit vor dem Feind – mit ihm, seiner Schwester und seiner Oma nach Kolberg. Was nicht in zwei große Holzkoffer passt, muss zurückbleiben. Sicherlich ein einschneidendes Erlebnis für ein achtjähriges Kind, seine Heimat und sämtliche Habseligkeiten zu verlieren? Gohlke schüttelt den Kopf: „Ich war ja sicher, wir kommen bald zurück, sobald alles vorbei ist.“

Ein Satz, den auch heute viele Flüchtlinge äußern. Für Gohlke hat sich dieser Wunsch nie erfüllt. Wann sind ihm zum ersten Mal Zweifel daran gekommen? „In Kolberg“, antwortet er. „Jeden Tag gingen wir zum Hafen, um neue Informationen zu bekommen, hörten Goebbels nie erlahmende Reden und hielten uns viel am Strand auf.“ Dort hört der Achtjährige die Erwachsenen sprechen: „Wir kommen nie zurück! Der Russe gibt das Gebiet nicht wieder her.“ Den Jungen durchzuckt eine düstere Ahnung: „Mein Gott, solltest du wirklich nie wieder nach Hause kommen?“

Nach der Fahrt mit dem Schiff, die ihm fast zum Verhängnis geworden wäre, reist Golhke mit seinen Angehörigen per Zug weiter und kommt schließlich in Barnstorf an. Seine neue Heimat. Diskriminierung und Anfeindungen habe er nicht erlebt. „Ich hatte das Glück, zu den frühen Flüchtlingen zu gehören.“ Später, als dann die großen Gruppen eintrafen, die man versorgen musste, machte sich Unmut in der Bevölkerung breit. „,Was wird man nie wieder los? Flüchtlinge und Kartoffelkäfer’ ist so ein Spruch gewesen“, erinnert sich Gohlke.

Nicht als Teil der Gemeinschaft gefühlt

Doch obwohl er gut aufgenommen wurde, habe er sich nicht als Teil der Gemeinschaft gefühlt. „Die Leute waren so stolz auf ihr Brauchtum und ihre Tradition. Davon waren wir ausgeschlossen und ich wollte so gern zeigen, dass wir das auch hatten.“ Er habe sich herabgesetzt gefühlt und beschlossen, alles zu tun, um von den Einheimischen anerkannt zu werden. In der Schule und beim Sport wollte er der Beste sein. Er spielte Theater, wurde Klassensprecher und lernte die plattdeutsche Sprache. Doch auch unter den Flüchtlingen taten sich Gräben auf, da eine Gruppe der anderen vorwarf, sie hätte ja im Grunde gar nicht fliehen müssen, so wie sie selbst.

Heute ist Gohlke 79 Jahre alt, Vorsitzender des Kreisverbandes Syke im Bund der Vertriebenen, Vorsitzender der Kreisgemeinschaft Wehlau und inzwischen in Bassum heimisch geworden. Die Entwicklungen in Deutschland und Europa machen ihm Sorgen. „Wir haben nun 70 Jahre Frieden, das kann man nicht hoch genug schätzen.“ Und der Umgang mit dem Syrien-Konflikt erinnert ihn sehr an die Reden über die Vertreibung der Ostpreußen. „Man hat gesagt, das sei Unrecht gewesen. Aber wem nützt diese Erkenntnis, wenn daraus nichts folgt? Was nützen die Menschenrechte, wenn man sie nicht umsetzen kann? Was nützen diese Institutionen den Vertriebenen, wenn sie dieses Unrecht nicht wiedergutmachen können? Das ist ein Dilemma der Menschen, die einfach nicht vernünftig werden.“

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