Circleway: Selbstversuch bei der Gruppe Aufbruch in Bassum

Mit dem Herzen hören

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Ulf Buschmann beschwört die vier Elemente.

Bassum - Von Ulf Buschmann. Circleway? Manitonquat? Weder vom einen noch vom anderen haben die Kollegen bislang etwas gehört. Das „Netzwerk Aufbruch – anders besser leben“ ist bekannt, über dessen Gründung hat die Kreiszeitung schon berichtet. Was genau dort geschieht, macht neugierig. Ich erkläre mich bereit, mich mit Manitonquat und dem Circleway zu befassen. Ein Selbstversuch.

Ein Abend in einer Massagepraxis in Bassum. Die Teilnehmer setzen sich in einen Kreis. In der Mitte steht ein Arrangement aus Blumen, verschiedenen Steinen einer Klangschale und einer Baumwurzel. Sie ist kunstvoll geformt und wird uns den Abend über begleiten. Im Übrigen duftet es in den Räumen einladend.

Eingeladen zu einem am Ende interessanten, durchaus die Sinne weitenden Abend haben die Mitglieder des „Netzwerk Aufbruch – anders besser leben“. Sie möchten helfen, „die Welt zu heilen“, wie sie selbst sagen. Dabei beziehen sich die Menschen auf die Lehre von Manitonquat. Er gilt als der bekannte Stammesälteste der Wampanoag-Indianer.

Manitonquat bringt die Methode des Circleway unter die Leute. Es bedeutet zuerst nichts weiter, als dass die Teilnehmer im Kreis sitzen, reden und einander zuhören. Und doch ist es etwas Besonderes, stelle ich fest. Horst vom „Netzwerk Aufbruch“ erklärt: „Es gibt keinen Chef.“ Das gefällt mir schonmal. Vor allem aber geht es beim Circleway um Respekt: Jeder hört jedem zu. Einwürfe gibt es nicht. Die Sicht eines jeden Menschen wird anerkannt – respektvoll eben. Und es sprechen nur diejenigen in der Runde, die die kunstvolle Baumwurzel in den Händen halten.

In der ersten Gesprächsrunde berichtet jeder Teilnehmer über seine aktuelle Stimmung. Darauf haben wir uns geeinigt. Gemeinschaftlich, wohlgemerkt! Aber davon in der Zeitung lesen? Nein, das möchten die Menschen nicht so gerne. Das muss ich akzeptieren, hier steht die Privatsphäre über dem öffentlichen Interesse. Und: Es gehört zur Lehre des Manitonquat, dass die Geschichten aus dem Kreis im Gedächnis derer bleiben, die im Kreis sitzen. Aber etwas andeuten darf ich:

Horst berichtet von seiner Herzoperation und darüber, dass ihm das sommerliche Wetter mit dem Sonnenschein so gut gefällt. Ina hat Muskelkater. Sie kämpft noch mit den Folgen ihrer Wanderung auf einem Teil des Jakobswegs. Ina und Horst gehören zum Netzwerk Aufbruch.

Der dritte Gast an diesem Abend ist Werner. Seinen Namen habe ich geändert, er soll anonym bleiben. Ihm kommt es vor, als ob er noch gar nicht angekommen ist. Der Körper ist in Bassum, der Geist irgendwo bei Osnabrück. Regine – der Name ist ebenfalls geändert – zieht gerade innerhalb von Bassum um. Für sie beginnt ein neuer Lebensabschnitt.

Während die einzelnen Geschichten in der Runde zur Sprache kommen, verspüre ich immer wieder den Reflex, etwas dazu sagen zu wollen. Ein anerkennendes „Toll!“ oder eine Bemerkung á la „Das kenne ich auch!“ drängt sich aus dem Unterbewusstsein ins Bewusstsein. Aber ich spreche es nicht aus. Etwas hindert mich daran. Es ist wie eine innere Stimme, die mich mahnt: „Höre zu!“ Es ist beruhigend, es erdet mich. Manitonquats Lehre hat etwas Magisches.

In diesem Kreis, in dem alles auf Augenhöhe geschieht, öffnet sich der Geist. Hemmungen, über das zu sprechen, was einen bewegt, fallen. Es ist wohl das, was als „Mit dem Herzen hören“ bezeichnet wird. Denkmuster von „richtig“ und „falsch“ haben hier keinen Platz.

In diesem Kreis, in dem ich mich sehr wohl fühle, legt wirklich jeder seinen Fokus auf die Bedürfnisse und Gefühle der Sprechenden. Es decken sich Theorie und Praxis der Lehre.

Jetzt bin ich an der Reihe. Ich habe meinen Fokus in den Minuten zuvor so auf die anderen Menschen gerichtet, dass ich mich erstmal sammeln muss. Was bewegt mich? Es ist der Lokaldienst mit täglich neuen Herausforderungen. Ich merke zudem, wie tief mich der Tod meines Vaters vor einem knappen halben Jahr getroffen hat. Der Moment als meine Mutter mir sagte „Papa ist tot!“ kommt mir wieder in den Sinn.

Und mich bewegt mein unendlich tiefer Wunsch, die Heimat meiner Ahnen, Königsberg, zu erforschen. Mein Vater ist Flüchtlingskind und musste seine Geburtsstadt im Januar 1945 verlassen. Weil ich nicht weiß, wie das Haus aussieht, in dem die Familie bis zu dem Zeitpunkt gelebt hatte, fehlt mir ein Stück Ich.

Nach dieser Runde spüre ich viel Energie im Raum. Es ist wie bei den Beach Boys: „Good Vibrations“. Ähnlich gehe es den anderen Menschen, berichten sie.

Es folgt die zweite Runde. Horst erklärt, dass es zum Beispiel Tradition sei, seine Stimmung zu beschreiben. „Wie bei einem Wetterbericht“, sagt Horst. Meine Stimmung? Wegen anstrengender Wochen ein „bewölkt, aber Sonne in den kommenden Tagen“.

Wobei: Im Grunde genommen verziehen sich die Wolken in diesem Moment. Denn ich fühle mich nach diesen zwei Stunden Selbstversuch ziemlich geerdet. Das scheint mir das Wichtigste zu sein.

Zum Abschied fassen wir uns an und bilden einen energetisch geladenen Kreis. „Alle Daumen nach links und so den Partner anfassen“, bittet Klaus die Runde. Am Ende gibt es die Beschwörung der vier Element: Erde, Feuer, Wasser und Luft.

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