Aktionsbündnis will Reaktivierung der Strecke Bassum-Sulingen / LNVG: „Keine Chance“

Eine Bahnstrecke steht still

+
Jetzt wachsen Wildkräuter auf den Gleisen: Ein Torso der Bahnstrecke Bassum-Sulingen. 

Bassum/Sulingen - Von Marc Lentvogt. „Die Bahn schert sich einen Kehricht um unser Anliegen.“ Der Frust ist zu spüren bei Detlev Block vom Aktionsbündnis Eisenbahnstrecke Bassum-Bünde (AEBB). Das Anliegen: die Reaktivierung der Bahnstrecke Bassum-Sulingen. Vor 22 Jahren stillgelegt, warten die Gleise nur darauf, die Region mit neuem Leben zu füllen, so der Eindruck, den AEBB und die Jungen Sozialisten (Jusos) im Kreis Diepholz vermitteln.

„Wir haben hier auf dem Land das Problem des Wandels“, konstatiert Block den über das gesamte Bundesgebiet beschworenen Niedergang des ländlichen Raumes. Ein Problem, welches sich mit der Bahn lösen ließe, sind sich die Vertreter der Organisationen mit Blick nach Bramstedt einig. Jonathan Kolschen, Vorsitzender des Juso-Unterbezirkes im Kreis Diepholz, berichtet von 150 Zugezogenen jährlich in der Bassumer Ortschaft und damit dem erfolgreichen Halten des Bevölkerungsniveaus. Daher sei die Bahn auch in Apelstedt, Neuenkirchen, Scholen und Schwaförden, die allesamt eine potenzielle Haltestelle auf der Strecke Bassum-Sulingen anbieten, „sicher eine Möglichkeit, den demografischen Wandel zu bekämpfen“. Die Ausweisung eines Baugebietes mag einen ersten Anstoß geben, Menschen für das Leben auf dem Land zu gewinnen, so Block, doch „Menschen, die irgendwoher kommen, muss man ein adäquates Verkehrssystem bieten. Die Bahn ist eine sehr gute Möglichkeit den Bauenden ein Angebot zu machen“. Dass es derzeit an diesen Angeboten fehlt, bestätigt auch Matthias Huck vom Verkehrsclub Deutschland (VCD) Kreisverband Diepholz: „Bassum, Twistringen, Barnstorf – alle haben Zuwachs.“ Die Bahn spiele dabei eine große Rolle, doch die Politik in bahnfreien Orten nehme dies nicht wahr. „Das wollen die Politiker nicht wahrhaben. Sie werden es wahrhaben, wenn alle wegziehen.“ Vehement kritisert er sämtliche politischen Lager, die „bisher nur Lippenbekenntnisse“ abgeben, gegenüber dem Land jedoch nicht den Wunsch nach einer Streckenreaktivierung ausdrücken. Das jedoch sei notwendig, damit auch in Hannover Aufmerksamkeit geschaffen würde.

1994 wurde der Streckenbetrieb mangels Nachfrage eingestellt – eine „Konsequenz, die aus dem Handeln entsteht“, ist Block sich sicher, denn „lässt man nur morgens einen und nachmittags einen Zug fahren, wird das natürlich nicht angenommen. Wenn die Bahn wieder laufen würde, würden viele sie nutzen“, prognostiziert er. Huck empfindet dieses Vorgehen als zu vage: „Man müsste alle sozialversicherungspflichtigen Pendler nehmen und ein Konzept ausarbeiten“, deutet er eine Möglichkeit an, den Bedarf vorherzusehen.

„Bahn ist Daseinsvorsorge“

Wie aber steht es um die Kosten einer möglichen Reaktivierung? „Bahn ist Daseinsvorsorge“, kommentiert Block und rechtfertigt so etwaige finanzielle Belastungen, wie sie unter anderem von Land und Kommunen getragen werden müssten. „Möglich, dass der Bahnbetrieb defizitär wäre, zumindest im ersten Moment“, führt er seine Gedanken aus, „aber wäre das nicht sinnvoll, auch wenn es was kostet?“, fragt Block, welcher den Staat für seinen Rückzug aus der infrastrukturellen Entwicklung des ländlichen Raumes scharf kritisiert.

Etwas anders sieht das die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG), welche dafür zuständig wäre, Züge für die Strecke zu bestellen. Als die rot-grüne Landesregierung 2013 das Projekt „Reaktivierung von SPNV (Schienenpersonennahverkehr)-Strecken“ initiierte, war Bassum-Sulingen als eine von rund 80 Strecken in der Diskussion. Der Abschnitt konnte sich jedoch nicht einmal für die zweite Phase qualifizieren. Der Grund? „Bei näherer Betrachtung hat man gesagt, dass die Investition kein positives Kosten-Nutzen-Verhältnis hervorbringen würde“, erklärt Rainer Peters, Pressesprecher der LNVG. Neben den Kosten, sei auch das „Verkehrspotenzial zu gering“, denn der Lenkungskreis forderte von den Bewerber-Strecken „mindestens eine Nachfrage von 1 000 Einwohnern je Kilometer Streckenlänge.“ Das Ergebnis für Bassum-Sulingen: 636.

Auch die Suche nach weiteren Argumenten fiel negativ aus: „Die touristische Bedeutung war dann auch nicht hoch“, erklärt Peters. Hätte die Strecke bei einem Erneuerung des Projektes Chancen berücksichtigt zu werden? „Ich kann aus Sicht der LNVG keine Hoffnung machen, dass sie in der nächsten Legislaturperiode reaktiviert wird. Dafür ist sie viel zu weit hinten gewesen“, gibt Peters aus der LNVG-Zentrale in Hannover nüchtern zu verstehen. Mögliche Kosten beziffert die LNVG auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Neben der defekten Eisenbahnbrücke in Bassum sind auch andere Abschnitte „teilweise abgebaut“.

So wird es wohl bei einer folgenlosen Aufzählung der Bahn-Vorteile seitens der Fürsprecher bleiben. Schnelleres Pendeln, besserer Zugriff auf regionale Kulturangebote, attraktiveres Umfeld und damit auch die Chance Menschen für den Umzug in den Landkreis zu begeistern – aus Sicht des politischen Geschäfts Vermutungen und Hoffnungen, die den Einsatz von Steuergeldern nicht rechtfertigen.

Bassums Bürgermeister Christian Porsch kann mit Blick auf Bramstedt zustimmen, dass durch die Bahnanbindung „die Stadt Bremen und das Kulturangebot auch in Syke näher sind“, aber derzeit sieht er „keinerlei Möglichkeiten, dass wir uns finanziell beteiligen. Ich sehe für die Linie als Personen- und Güterstrecke keinen Bedarf“. Auch das Argument, das Bahnkonzept in den 90er Jahren sei nicht überzeugend gewesen und in der Gegenwart würde die Situation merklich verbessert, stößt bei ihm nicht auf Gegenliebe. „Ich fürchte mal, es werden nicht viel größere Auswirkungen sein, als damals, als die Strecke noch da war.“

Nur eins ist sicher: Stillstand

Alle Hoffnung ist jedoch noch nicht verloren. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat der Abkopplung des Bahnhofes Sulingen widersprochen. Aktuelle Entwicklungen aus dem Urteil liegen jedoch noch nicht vor, da die Deutsche Bahn noch auf die genaue Urteilsbegründung warte, so Pressesprecher Egbert Meyer-Lovis. Bis dahin müssen die Fürsprecher sich in Geduld üben. Detlev Block ist dazu bereit: „Wir versuchen den augenblicklichen Status zu erhalten, bis ein Zug wieder fahren kann.“ Auf der Strecke und in der politischen Diskussion ist derzeit nur eins sicher: Stillstand.

Mehr zum Thema:

Grip ist hip! Allradantrieb ist beliebt - zu Recht?

Grip ist hip! Allradantrieb ist beliebt - zu Recht?

Ohne Stress durch die Passkontrolle in Israel

Ohne Stress durch die Passkontrolle in Israel

Der Stiefel macht’s: So finden Frauen das perfekte Modell

Der Stiefel macht’s: So finden Frauen das perfekte Modell

Immer mehr Wohnungslose in Deutschland

Immer mehr Wohnungslose in Deutschland

Meistgelesene Artikel

Nordwohlder Weihnachtsmarkt kommt gut an

Nordwohlder Weihnachtsmarkt kommt gut an

Familie Ahlers liebt Weihnachtsbeleuchtung

Familie Ahlers liebt Weihnachtsbeleuchtung

Twistringer GUT zufrieden mit Besuch auf dem Weihnachtsmarkt

Twistringer GUT zufrieden mit Besuch auf dem Weihnachtsmarkt

Es „brummt“ in der Fleckensmitte

Es „brummt“ in der Fleckensmitte

Kommentare