Deutschland verstehen

Christine Gaumann, die Sozialarbeiter und „Willkommen in Bassum“ bieten Orientierungskurs für Flüchtlinge an

Bassum - Von Frauke Albrecht. Deutsche sind pünktlich. Dieser Ruf eilt uns in vielen Ländern voraus. Auch Dr. Jürgen Falck und Christine Gaumann haben das den Flüchtlingen in Bassum erzählt. Bisher allerdings mit nur mäßigem Erfolg. Denn am Donnerstag kamen um 16 Uhr nur wenige pünktlich ins Familienzentrum, um am zweiten Teil des Kurses Deutschland verstehen teilzunehmen.

„Wir hatten das letzte Mal gesagt, wir halten das akademische Viertel ein“, blickte Gaumann erst auf die Uhr und dann auf die leeren Plätze.

Mit jeder fortschreitenden Minute trudelten mehr Zuhörer ein.

Am Ende wurde aus dem akademischen Viertel eine halbe Stunde – weil eine der Dolmetscherinnen fehlte. Die steckte im Stau und das gut eine Stunde lang. Das wusste nur bis dahin keiner. Ihr Handy war aus.

„Lasst uns anfangen“, meinte Gaumann schießlich um halb fünf. Sie wollte die Dozentin nicht warten lassen, die sie eingeladen hatte: Doris Wieferich vom Netzwerk gegen häusliche Gewalt.

Doch vorab wiederholten Gaumann und Falck zusammen mit den beiden Sozialarbeitern Susann Behnken und Sven Reimann das Gelernte vom ersten Treffen.

Zur Freude der Zuhörer, und um das Gesagte zu veranschaulichen, spielten sie einige Szenen vor. Dabei entpuppte sich vor allem Falck als glänzender Schauspieler. Mit einem Strahlen im Gesicht mimte er den Senior im Bus, erklärte was Nachtruhe bedeutet und demonstrierte das Händeschütteln.

Information und Grenzen setzen

Der zweite Teil von Deutschland verstehen widmete sich etwas ernsteren Themen: „Wir haben in Deutschland viele Frauen in Führungspositionen“, ließ Falck übersetzen und weiter: „Wenn ein Mann in eine Behörde kommt, und dort sitzt eine Frau, und der Mann will ihr nicht die Hand geben – (Pause) – dann ist das unhöflich.“ Das könnte sich zum Nachteil auswirken.

Männer und Frauen sind in Deutschland gleichberechtigt. Was das bedeutet, versuchte Christine Gaumann zu erläutern: „Frauen dürfen hingehen wohin sie wollen und mit wem sie wollen. Auch allein. Und auch im Dunkeln.“ – „Es gibt die freie Berufswahl. Frauen dürfen in Männerberufen arbeiten, Männer in Frauenberufen.“ – „Wenn eine Frau ihr Gegenüber anlächelt, möchte sie nicht flirten. Sie ist lediglich höflich.“

Angesprochen wurde auch das Thema Kleidung. Das Anstarren von leicht bekleideten Frauen und Mädchen im Freibad oder auf der Straße gehöre sich nicht – geschweige denn das Anfassen. „Das kann bei der Frau nicht gut ankommen.“

Diese Appelle haben durchaus einen ernsten Hintegrund. Nach Aussage Gaumanns hat im Januar eine Flüchtlingspatin davon berichtet, dass ihr „Schützling“ versucht habe, Grenzen zu überschreiten. Um dem entgegenzuwirken, hatte Gaumann die Idee zu dem Angebot Deutschland verstehen. Sie holte zusätzlich Willkommen in Bassum und die Flüchtlings-Sozialarbeiter ins Boot.

Selbstbehauptungskurs für Frauen

„Im Oktober bieten wir zudem von ,Älter, bunter, weiblicher’, einen Selbstbehauptungskurs für Frauen an – der ist offen für alle, aber wir haben schon auch an die Frauen gedacht, die in der Flüchtlingshilfe arbeiten“, so Gaumann.

Im Anschluss stellte Doris Wieferich ihre Arbeit vor, sie erklärte, was häusliche Gewalt ist, wo Opfer Schutz und Beratung finden können und was der Einzelne tun sollte, wenn er von solchen Fällen weiß. Sie hatte Flyer mitgebracht.

Ein Missverständnis sorgte kurz für Erheiterung. Wieferich hatte erzählt, dass die Polizei in schweren Fällen den Täter auffordern kann, das Haus zu verlassen. Ein Mann war irritiert: In jeder Familie gebe es doch mal Streit. Warum sofort die Polizei kommt und jemanden mitnimmt?, wollte er wissen. Wieferich klärte auf: Nur wenn physische oder psychische Gewalt ausgeübt werde und der Vorfall nicht anders zu regeln sei.

In der späteren Fragerunde offenbarten sich weitere Missverständnisse: So waren einige der Flüchtlinge der Meinung, wenn was passiert, immer 110 wählen zu müssen, selbst bei Nichtigkeiten. Andere meinten, sie müssten immer, wenn sie krank werden, ins Krankenhaus fahren.

Gaumann: „Es gibt ganz viele Fragen. Da staunen wir immer wieder.“

Im dritten Teil von Deutschland verstehen ging es um Mülltrennung, Stromsparen und Schule. Ob weitere Orientierungskurse angeboten werden, wollen die Organisatoren bei einer Nachbetrachtung besprechen.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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